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            <title type="main">Unparteiische Universal-Kirchenzeitung für die Geistlichkeit und die gebildete Weltklasse des protestantischen, katholischen und israelitischen Deutschlands</title>
            <title type="sub">Frankfurt a. M. 12. November 1837, Nro. 91</title>
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            <publisher>Steinheim-Institut</publisher>
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            <date type="publication">2014</date>
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                     Unparteiische Universal-Kirchenzeitung für die Geistlichkeit und die gebildete Weltklasse des protestantischen, katholischen und israelitischen Deutschlands
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                  <title level="j" type="issue" n="91">12. November 1837, Nro. 91</title>
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         <editorialDecl><p>Offensichtliche Setzerfehler wurden stillschweigend korrigiert. Die Original-Orthographie wurde ansonsten beibehalten.</p></editorialDecl>  
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         <head>Inhalt: </head>
         <p rend="UKZ 3 12 normal">Visitationsreise des pästl. Delegaten in Syrien (Forts.) — </p>
         <p>
            <hi rend="italic bold">Kirchliche Nachrichten</hi>. <hi rend="italic">Ostindien. Meyssour. Nagaraa</hi>; Schreiben des kathol. Missionars <hi rend="italic">Bigot</hi>. — <hi rend="italic">Deutschland. Sachsen. Dresden</hi>; über die Anwesenheit Msgr. <hi rend="italic">Cappacini's</hi>; Anträge in der zweiten ständischen Kammer gegen Jesuiten-Erziehung und Priester-Cölibat; neue Synagoge. — <hi rend="italic">Sachsen-Weimar. Weimar</hi>; Rückkehr des luther. Missionärs <hi rend="italic">Schmidt</hi>. <hi rend="italic">Jena</hi>; über die theol. Professoren. — <hi rend="italic">Nassau. Wiesbaden</hi>; über den verzögerten Bau der kathol. Kirche. — </p>
         <p>
            <hi rend="italic bold">Theologische Akademie. </hi>
         </p>
         <p>
            <hi rend="italic bold">Kathol. Abth.</hi> Ueber die Vorliebe zum Alten und Neuen in Religionssachen. Von einem kathol. Geistlichen (Forts.) — </p>
         <p>
            <hi rend="italic bold">Literatur. </hi>
         </p>
         <p>
            <hi rend="italic bold">Protest. Abth.</hi> Wohlfarth Die Lehre von der heil. Schrift, vom Standpunkte der Geschichte und Philosophie. — </p>
         <p>
            <hi rend="italic bold">Anzeigen.</hi> <hi rend="normalweight">|Sp. 1439|</hi> <lb/>
         </p>
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         <div type="mantel">
         <head>
           Visitationsreise des päpstlichen Delegaten in Syrien.</head>
         <p>(Fortsetzung.)</p>
         <p>Nach der Rückkehr von diesen verschiedenen Reisen berief der unermüdliche Prälat die verschiedenen lateinischen Priester, die sich in der Umgegend befanden, zu sich nach Bairut, um die Völker jener Gegenden die Uebungen einer Mission halten zu lassen. Bairut war zur Ausführung dieses Vorhabens ein geeigneter Ort: die Menge Europäer und Araber, welche wegen Handelsverhältnisse dort zusammen kommen, macht diese Stadt zum wichtigsten und besuchtesten Punkte von Syrien. Ein Mandat des Delegaten hatte die Mission verkündet; am 4. Sonntage in den Fasten wurde sie eröffnet und bis zum hohen Osterfeste verlängert. Täglich wurde den Gläubigen, welche mit dem größten Eifer sich dabei einfanden, zweimaliger Unterricht, einmal in französischer und einmal in arabischer Sprache, ertheilt. „Es lag etwas sehr Tröstliches darin“, sagt Se. Gnaden von <hi rend="italic">Iconium</hi>, „beinahe vor den Thoren Jerusalems unsere französischen Kirchengesänge zu hören, und in einer Kirche des Orients dieselben Gebräuche, dieselbe Andacht, denselben häufigen Besuch zu finden, wie solches in Zeiten frommer Zurückgezogenheit in den besuchtesten Kirchen von Europa der Fall ist.“ Man begreift in der That, welchen Eindruck diese heiligen Uebungen auf das Gemüth der Gläubigen machen mußte, von denen gewiß die Meisten niemals die Wohlthaten einer religiösen Zurückgezogenheit genossen hatten; so wie den Eindruck, den auf die feurige Einbildungskraft der Araber der Anblick eines Bischofs hervorbringen mußte, welcher mit der Mitra auf dem Haupte und dem Hirtenstabe in der Hand, von der Kanzel herab würdevoll in eigener Person seinem Volke das Wort des Heils verkündet. Die göttliche Gnade vereinigte sich mit diesen glücklichen natürlichen Anlagen, und bewirkte die Bekehrung von Seelen, welche die Pracht der äußern Gebräuche bereits erschüttert hatte. Bald wurde diese Stimmung so allgemein, daß die Erlaubniß ertheilt werden mußte, die Uebungen an gewissen Tagen der Woche auch in den Kirchen des griechischen und maronitischen Ritus vorzunehmen; was übrigens das Band christlicher Liebe unter den Gläubigen aller dieser Ritus noch enger zusammen zog. Nun folgte, wegen der Verschiedenartigkeit der Liturgieen, die österliche Communion in den verschiedenen Kirchen, die rührende Feierlichkeit der heiligen Woche und die Errichtung eines Kreuzes als Zeichen der Erinnerung in der lateinischen Kirche der ehrwürdigen Väter Kapuziner. Der Ostersonnabend wurde durch die Taufe einer erwachsenen Nege- |Sp. 1440| rinn ausgezeichnet, und die Feier des h. Ostertages beschloß auf eine würdige Weise diese Zeit der Segnungen. Unmittelbar hierauf reiste Se. Gnaden der Herr Delegat nach Antoura, seiner Residenz, zurück, woselbst er sämmtliche Geistliche von Syrien, sowohl Welt- als Ordensgeistliche, die Väter Kapuziner, die Carmeliter, die Jesuiten und die Missionare vom Orden des h. Lazarus, zusammenberief, und alle, zwölf an der. Zahl, sechs Tage lang in geistlicher Zurückgezogenheit zubrachten. Nach diesem glaubte Se. Gnaden von <hi rend="italic">Iconium</hi> die Haupt-Visitationsreise in seiner weitläufigen Delegation antreten zu müssen.</p>
         <p>„Nachdem wir“ — so fährt Se. Gnaden zu erzählen fort — „am 4. August von Antoura abgereist waren, langten wir noch an demselben Tage nach einer acht- oder neunstündigen Reise in Djebail, früher Byblos, an, dessen Bewohner in der Schrift vortheilhaft erwähnt werden, indem sie namentlich in den unermeßlichen Vorbereitungen zum Tempelbau des <hi rend="italic">Salomon</hi> sich ausgezeichnet haben; es ist eine der ältesten Städte in Syrien und dabei eine der bedeutendsten in jenen Kantonen, da sie noch heute mehr, als 6000 Einwohner zählt. Als man unsere Ankunft erfahren hatte, kam die ganze christliche Bevölkerung, Katholiken und Schismatiker, ohne Unterschied, uns entgegen. Ein sonderbarer Umstand bezeichnete unsern Einzug in Djebail. Es war drei Uhr Nachmittags, die Stunde, zu welcher der türkische Santon<note place="foot" xml:id="ftn1" n="1">
               <p rend="UKZ 8 fussnote"> Bekanntlich ist dieses der Name derer, welche die Moscheen zu besorgen haben und sich öffentlich einer freiwilligen Armuth unterziehen, die aber durch Vagabundenleben besser bezeichnet würde.</p>
            </note> von der Höhe eines Minarets herab, mit einem großen Aufwand von Stimme, seine Religionsgenossen zum Gebet aufruft. Der Anblick eines Aufzuges von Katholiken, deren geistliche Gesänge die Luft erfüllten, vermochten nicht, ihn von seinem mühsamen Beginnen abzulenken; man hätte fast eher glauben mögen, daß sein Eifer und seine Begeisterung dadurch gesteigert worden sey. Was aber diesem sonderbaren Contrast die Krone aufsetzte, war dieses, daß dieser nämliche Santon, nachdem er von seinem Minaret herabgekommm war und wir bei ihm vorüberzogen, nicht unterließ, uns mit vieler Anmuth zu grüßen und seine Wünsche mit denen der sämmtlichen Christen zu vereinen.</p>
         <p>„Beständig zu Pferde und von einer zahlreichen Menschenmasse umgeben, gelangten wir, nachdem wir die vorzüglichsten Straßen der Stadt durchzogen hatten, endlich an die Kirche. Diese ist groß und ziemlich schön,- aber wie fast alle Kirchen in diesen Ländern, ohne Ausschmückung; überdieß war sie damals durch den Verlust ihres Bischofs verwaist. Nachdem wir diesem guten Volke |Sp. 1441| den apostol. Segen ertheilt hatten, unterließen wir nicht, ihm anzuempfehlen, mit Innigkeit für die Wahl des neuen Bischofs<note place="foot" xml:id="ftn2" n="2">
               <p rend="UKZ 8 fussnote"> Die Wahl der Bischöfe im Orient geschieht durch die Angesehen- sten der Diözese. Diese Wahl bedarf der Bestätigung des Patriarchen, welcher selbst, nachdem er von den Bischöfen seiner Nation erwählt worden, die Bestätigung des Papstes haben muß. Der Apostol. Delegat hat über die Wahlen zu wachen.</p>
            </note> zu beten, worauf wir uns wieder in Bewegung setzten, um noch diesen Abend in Baitroun, dem alten Botri, einzutreffen. Man weiß, daß die Kundschafter der Israeliten, nachdem sie die hohen Gebirge überstiegen hatten, in das Thal von Botri herabstiegen, wo sie herrliche Weintrauben fanden, die sie an der Rebe hangen ließen, und daß zwei Mäuner solche forttrugen : Qui cum per-rexissent et adscendissent in montana, venerunt usque ad vallem Botri. — Abscinderunt palmitem cum uva sua, quam portaverunt in vecte duo viri. (Deut. I. 24. — Num. XIII.24.) Die Kirche zu Baitroun, welche wir sogleich besuchten, hat große Aehnlichkeit mit jener zu Djebail; es herrscht hier dieselbe Leere; allein da in diesem Lande der Glaube sehr lebendig ist, so hegen wir die Hoffnung, daß sie nicht lange in diesem traurigen Zustande bleiben werde. Auch hier strömte das Volk in religiösem Drange heran, wo wir vorüber kamen, und als wir, am Fuße des Altars angelangt, die Hände emporhoben, um den Segen zu ertheilen, warfen sich Alle in Demuth zur Erde. Jede Familie brachte hierauf einige Gegenstände der Frömmigkeit, an welche sie uns bat, einen besondern Segen zu knüpfen; es waren dieses Bilder, Schaumünzen, Rosenkränze. Es war sogar mit Rührung zu sehen, wie Manche Brod und Wasser brachten, um es segnen zu lassen , und solches hierauf unter ihre Kinder vertheilten, die unter Aeußerung großer Ehrfurcht dieses Brod aßen und einige Tropfen von diesem Wasser tranken. So verstrich die Zeit, die wir dem Besuche von Baitroun widmeten. Wir verließen diesen Ort am folgenden Tage und langten zur Abendzeit bei dem Kloster Kanubin an". -- --</p>
         <p>Als Se. Gn. der Herr Delegat das Kloster Kanubin verlassen hatte, richtete er seinen Weg nach den berühmten Cedern des Libanon. ,,Der Weg", so fährt er zu erzählen fort, ,,den wir zu verfolgen hatten, führte mehre Stunden lang über einen schönen Rasen; prachtvolle Lorbeerbäume, deren wohlriechende Zweige sich über unsern Köpfen kreuzten, schützten uns vor der Sonnenhitze. Von Zeit zu Zeit stellte sich auch unsern Augen ein Schauspiel dar, welches sehr tröstlich war und bewies, welcher lebendige Glaube diese Gebirgsbewohner beseelt; die Ackersleuten und die Hirten beteten in Frömmigkeit, während sie ihre Furchen zogen oder die Herden neideten, den Rosenkranz dessen Krone sie in der Hand hielten, und kaum hatten sie uns wahrgenommen, als sie eilig auf uns zu liefen und uns inständig baten, daß wir sie, ihre Heerden und ihre Felder segnen möchten. So waren wir seit länger, als vier Stunden unterwegs, als wir, auf einer Anhöhe angelangt, endlich in einer weiten Vertiefung eine Gruppe von Bäumen sich erheben sahen, die, von dieser Entfernung aus betrachtet, einem Hochwalde glichen: es waren die Zedern. Zwei Stunden später saßen wir im Schatten ihrer ungeheuren Aeste. Welche Erinnerungen, welche Betrachtungen und verschiedenartige Empsindungen drängten sich damals in unserer Seele und versetzten sie in einen Zustand wechselnder Aufregung! Dreißigtausend Arbeiter, ausgesendet vom Könige Salomon, waren früher hieher gekommen, um für den Tempelbau einige dieser Cedern zu fällen; und unter den noch vorhandenen gab es einige, die noch aus jener frühen Zeit herstammten: Elegit SaIomon operarios de omni Israel, et erat indictio triginta millia virorum (III. Reg. v. 13). Wenn wir bisweilen unsere Blicke zu ihren Gipfeln erhoben und in tiefem Schweigen aufhorchten, so glaubten wir die Stimme des erhabenen Propheten zu vernehmen: Vidi impium superexaltatum et elevatum sicut cedros Libani: Vidi transivi, et ecce non erat. (Ps. XXXVI. 35). Ich habe den Gottlosen hoch erhoben gesehen, wie die Ceder des Libanon; ich ging vorüber, und er war nicht mehr. Bisweilen wieder war es des Herrn Stimme selbst, welche an unser Ohr zu dringen schien:. Vox Domini eoufriugentis cedros: Die Stimme des Herrn, welcher die Cedern zerbricht; und jenes große und schöne Schauspiel, das sich unsern Blicken darstellte, schien uns erhabnere Begriffe von der Macht und Majestät des Allerhöchsten einzuflößen. Endlich war es das schöne Bild, unter |Sp. 1442| welchem der h. Geist selbst den Ruhm und die Erhöhung Marien's hat darstellen wollen, das einen schwer mit Worten zu beschreibenden Reiz in unserm Herzen zurückließ: Quasi cedrus exaltata sum in Libanon: Ich bin erhöht worden, wie die Ceder auf dem Libanon.</p>
         <p>Nachdem wir jenen Bäumen, welche ein Alter von mehren Tausend Jahren haben und deren Name in der Bibel aufgezeichnet ist, diesen gerechten Zoll der Bewunderung dargebracht hatten, wollten wir uns ernstlich überzeugen, ob wir dazu nicht etwa durch das mit dem Namen Libanon verbundene Gefühl der Begeisterung verleitet worden wären, und ob diese Cedern, genauer betrachtet, den hohen Ruf, in dem sie stehen, auch wohl verdienten<note place="foot" xml:id="ftn3" n="3">
               <p rend="UKZ 8 fussnote"> Nichts ist ungerechter, als was Volney in der Beschreibung seiner Reise in Syrien sagt, nämlich: daß die Ceder ihren Ruhm schlecht bewähren und es der Mühe nicht verlohten, daß man Abgründe überschreite, um sie zu besuchen. Dieses Urtheil ist von von Irrthum; allein man weiß, wie gern die skeptischen Schriftsteller des vorigen Jahrhunderts die Wahrheit ihren Religionshasse aufopferten.</p>
            </note>. Wir untersuchten demnach den Ort, den sie einnahmen, mit Aufmerksamkeit; wir berechneten die Höhe dieser Bäume, schatzten auch sogar ungefähr ihre Anzahl, und diese genaue Untersuchung diente nur dazu, den Eindruck, welchen sie im Ganzen auf uns hervorgebracht hatten, zu rechtfertigen. Das Bassin, welches sie einschließt ist von elliptischer Form, hat einen Durchmesser von mehr, als tausend Meter und ist von hohen Bergen umgeben, die diesem unermeßlichen Garten als Schutzwälle dienen. Nach Westen hin ist die Gebirgskette gebrochen und gewährt hier die Aussicht nach dem Meere und das schöne Schauspiel der untergehenden Sonne. Im Süden und im Norden stehen einige Bäume anderer Gattung vereinzelt und scheinen absichtlich dahin gestellt zu seyn, um die riesenmäßige Höhe der Cedern besser hervorzuheben. Diese sind auf zwölf Erdhügel gepflanzt, wovon der höchste sich gerade in der Mitte befindet; auf diese Weise bilden sie eben so viele Gruppen oder Familien, was</p>
         <p>die Stelle im Ecclesiasticus erklärt: Circa illum (sacerdotem magnum) corona fratrum; quasi plantatio cedri in montc Libano. (Eccl. L. 13.) Die Vereinigung der Brüder um den hohen Priester wird seyn wie eine Anpflanzung von Cedern auf dem Berge Libanon. Es ist zu bemerken daß man außer diesem eingeschlossenen Raume in keinem andern Theile des Libanon Ceddern antrifft. Das Holz der Ceder ist hart und dem Verderben nicht unterworfen, und verbreitet, vorzüglich im Sommer, einen köstlichen Wohlgeruch. Blatt und Frucht gleichen vollkommen denen der Fichte; auch erhebt, wie diese, sich die Ceder in der Gestalt eines, gewöhnlich regelmäßigen, Kegels. Wir bemerkten, daß einige der untern Aeste bei etlichen dieser Bäume über fünfzig Fuß lang waren. Die größten Cedern finden sich an der Ostseite; man zählt ihrer eine ziemlich große Menge, welche einen Umfang von 30-40 Fuß haben. Der, welcher uns der höchste zu seyn schien, hatte eine Höhe von beinahe 300 Fuß. Fügt man allem diesem nun noch die bewundernswürdige Anzahl hinzu: 400 Cedern, vereinigt in einem einzigen Bassin, so wird man gern zugeben, daß sie allerdings einem würdigen Gegenstand der Neugier selbst dann ausmachen würden, wenn die religiösen Erinnerungen, die sich daran knüpfen, sie nicht schon zu einer der vornehmsten Zierden von Asien machten.</p>
         <p>Wir hatten den Cedern nur kurze Zeit zu widmen; denn sie mußten noch diesen Tag nach Dair-la-Mar gelangen, einem Dorfe, drei Stunden von Balbek, am Ende einer sehr großen Ebene gelegen, die nach den Ruinen jener Stadt führt. Wir trafen noch vor Sonnenuntergang dort ein. Unser Einzug war nicht sehr glänzend; denn außerdem, daß Dair-la-Mar nur ein kleines, sehr armes Dorf ist, war auch der dortige Pfarrer, ein Maronit, bei unserer Ankunft gerade damit beschäftigt, seine Heerde, die aus einigen Kühen und Ziegen bestand, in den Stall zu treiben. Es währte indeß nicht lange, so kam er an uns heran und drückte uns die Verlegenheit aus, in der er sich befände, uns anständig zu empfangen; er hatte kein Haus; seine Kirche war von Allem entblößt, und er selbst mußte, um leben zu können sich durch seiner Hände Arbeit ernähren. Es wurde uns leicht, ihn dieserhalb zu beruhigen, indem wir ihm andeuteten, daß wir nichts bedürften, und daß das unbedeutendste Obdach uns genügen würde. Was dieses letzte betrifft, so waren wir auch wirk- |Sp. 1443| lich ganz vortrefflich untergebracht; ein verfallenes Zimmer ohne Bedachung diente uns zum Schutze für die Nacht; der Eingang zu diesem Zimmer, welches sich über der Kirche befand, war durch keine Thür geschützt; auch wurden wir von Schakalen besucht, die ohne Zweifel sehr darüber verwundert seyn mochten, daß man es so leicht gewagt hatte, von ihrer Stätte Besitz zu nehmen. Indeß hatten wir keinen Unfall; die Schakale, durch unsere Anwesenheit aufgeschreckt, entflohen. Am folgenden Morgen sehr früh befanden wir uns schon in der Ebene, die nach Balbek führt. Es wahrte nicht lange, so entdeckten wir die Ruinen dieser, zur Zeit der Griechen und der Lateiner unter dem Namen Heliopolis oder Sonnenstadt so berühmten und gepriesenen, Stadt. Man erblickt sich heute hinter einer Wand von Bäumen, deren grünes Laubwerk sie mit einem weißlichen Rande von Kuppeln und Minarets umgibt. Nach Verlauf einer Stunde gelangten wir zu diesen Bäumen, die wir für sehr schöne Nußbäumen erkannten. Unweit davon zeigt sich eine verfallene Mauer mit anmit augebauten viereckigen Thürmen; das ist die Einfassung der alten Stadt. Diese Mauer, welche nur 10—12 Fuß hoch ist, umschließt eine weite Fläche unfruchtbaren, über und über mit Schutt bedeckten Erdreich's. Aus der Mitte dieser Ruine erhebt sich der berühmte Sonnentempel, von dessen ehemaliger Pracht 70 Fuß hohe, noch aufrecht stehende Säulen, Steine von riesenmäßigem Umfange,<note place="foot" xml:id="ftn4" n="4">
               <p rend="UKZ 8 fussnote"> Die kleinsten messen 6—10 Fuß in der Länge und 6—7 Fuß in der Höhe und Breite; andere gibt es in großer Anzahl, welche auf 20 Fuß Breite und 14 oder 15 Fuß in der Dicke 30, auch 60 Fuß lang sind. Einer ist noch auf dem Bauplatze liegen geblieben, der 69 Fuß in der Länge mißt, auf 13 Fuß Breite und eben so viel in der Tiefe. Er ist auf drei Seiten behauen.</p>
            </note> in Stein gehauene Bildwerke und zierliche Frieswerke noch heute Zeugniß geben.“ </p>
         <p>(Fortsetzung folgt.)</p>
         </div>
         <div type="kn">
         <head>Kirchliche Nachrichten.</head>
         <p rend="UKZ 4 12 kursiv">Ostindien. </p>
         <p rend="UKZ 5 11 kursiv mitte">Meyssour.</p>
         <p>† <hi rend="italic">Nagaraa</hi>, den 9. Dez. 1836. (Schreiben des franz. Missionärs Bigot an den franz. Missionär <hi rend="italic">Pouplin</hi> zu <hi rend="italic">Carical</hi>. Beide Missionäre sind aus dem Seminar für fremde Missionen, der Erstere 1830, der Letztere 1836 hervorgegangen).</p>
         <p>„Ich komme so eben von <hi rend="italic">Goa</hi> zurück, wo ich das Glück hatte, zehn Tage lang am Grabe des heil. <hi rend="italic">Franz Xavier </hi>zuzubringen. Mir war diese heilige Pilgerfahrt nothwendig, um meine geistige Erschlaffung zu heilen, und meinen Eifer in der Nähe der heil. Reliquien von Neuem anzufeuern. Ihr Anblick ruft uns die Tugenden des großen Apostels in ihrer ganzen Erhabenheit in das Gedächtniß zurück. Wolle Gott, daß der Eindruck, welchen ich, während ich voll Andacht an seinem ruhmvollen Grabe knieete, empfand, nimmer verlösche! Der Körper des heil. Apostels ist in einem prachtvollen Schrein verschlossen, der ohne die besondere Erlaubniß des Königs von <hi rend="italic">Portugal</hi>, und man sagt sogar des Papstes, nicht geöffnet werden darf. Derselbe ruhet auf einem etwa zwanzig Fuß hohen Katafalke. Es ist fast fünfzig Jahre her, daß er nicht geöffnet wurde. Damals wurde die Reliquie drei Tage lang zur öffentlichen Verehrung ausgestellt. Einer von den General-Vikaren von <hi rend="italic">Goa</hi>, der ihn damals sah, und noch am Leben ist, sagte mir, der Körper habe damals ausgetrocknet geschienen. Da ich einige Empfehlungsschreiben von britischen Offizieren hohen Ranges hatte, so wurde ich zu <hi rend="italic">Goa</hi> sehr gut aufgenommen, sowohl von weltlichen, als geistlichen Behörden. Wie sehr hätte ich gewünscht, mit eigenen Augen die köstliche Reliquie sehen, und sie küssen zu können! Aber es gab dafür kein Auskunftsmittel. — Vergebens suchte ich das berühmte Collegium zum heiligen Glauben, vormals von den Jesuiten geleitet, von welchem der heil. <hi rend="italic">Franz</hi> zum Oeftern in seinen Briefen spricht. Nichts ist weiter davon übrig, als das Frontispiz der Kirche, und der Platz, wo es stand. Ich vergoß Thränen über diese Ruinen. Uebrigens zeigt die alte Stadt Goa leider gar viele Trümmer früheren Glanzes. Die <hi rend="italic">Portugiesen</hi> haben sich anderthalb Meilen westlich nach dem |Sp. 1444| Meere gezogen. Dennoch sieht man in jener alten Stadt noch 15 oder 16 ehemals prachtvoller, jetzt verlassener und verödeter Kirchen, die zu aufgehobenen Klöstern oder alten Kirchspielen gehörten. Alles Folgen der Revolution in <hi rend="italic">Portugal</hi>. — Ueber die gegenwärtig in jener unglücklichen Stadt befolgte Politik schweige ich. Ein angesehener <hi rend="italic">Portugiese</hi> fragte mich: „ob ich zur Partei <hi rend="italic">Karl's X</hi>., oder <hi rend="italic">Ludwig Philipp's</hi> gehöre?“ Ich erwiederte ihm: „Ein Priester erkennt nur diejenige Regierung an, unter welche die Vorsehung ihn gestellt hat, und der zu gehorchen sein Gewissen ihm gebietet; er darf sich nur mit dem Interesse des Himmels beschäftigen; der Welt-Politik muß er fremd bleiben, und sich keiner Partei zuwenden, oder mischt er sich ja in die Bewegungen der Staaten, so darf dieß nur geschehen, um <hi rend="italic">Friede</hi>, <hi rend="italic">Einigkeit</hi> und <hi rend="italic">Vergebung des angethanen Unrechts zu predigen</hi>!“ Der in Staunen versetzte Portugiese trieb seine Fragen nicht weiter. — Gemachter Fortschritte im Laufe dieses Jahres kann ich mich leider nicht rühmen, denn ich habe im Ganzen nur sechs und dreißig erwachsene Heiden getauft. Ach! warum besitze ich nicht den Eifer und die apostolischen Tugenden eines <hi rend="italic">Franz Xavier</hi>, um dem <hi rend="italic">Herrn </hi>eine reichere Aernte darbringen zu können! —</p>
         <p rend="UKZ 7 11 zeitschriften"> (Ami de la Religion)</p>
         <p rend="UKZ 4 12 kursiv">Deutschland.</p>
         <p rend="UKZ 5 11 kursiv mitte">Sachsen.</p>
         <p>
            <hi rend="italic">Dresden</hi>. Ich finde mich veranlaßt, doch etwas über die Anwesenheit des römischen Unterstaats-Sekretärs <hi rend="italic">Cappaccini </hi>mitzutheilen. Derselbe kam am 23. Juli d. J. in Dresden an, und hatte die Güte, bei dem Herrn Bischof <hi rend="italic">Mauermann</hi> zu wohnen. Ich habe so bald keinen Mann kennen gelernt, welcher ein so kluges Benehmen an den Tag gelegt. Er ist dabei äußerst liebenswürdig, und weiß die Verhältnisse, in denen wir hier und in Deutschland leben, mit großer Umsicht zu würdigen. Man nahm ihn in Dresden bei Hofe mit der größten Auszeichnung auf, und er wußte das sehr gnädige Benehmen Ihrer Maj. der Königinn (denn Se. Maj. der König war damals in Italien) und der übrigen hohen Herrschaften außerordentlich zu schätzen und zu rühmen. In Pillnitz speiste derselbe mit den allerhöchsten Herrschaften, zu welcher Tafel auch die auswärtigen Gesandten und der hochwürdigste Herr Bischof geladen waren. Sonntags traf derselbe in Dresden wieder ein, und blieb bis Freitag Mittags, nachdem dieser liebenswürdige Prälat alle gelehrten Anstalten mit seiner Gegenwart beehrt, und dieselben in Augenschein genommen hatte. Alle, welche ihn näher kennen zu lernen, die Ehre hatten, sprechen von ihm mit der innigsten Hochachtung, und können nicht genug seine Klugheit und Umsicht rühmen. Selbst Protestanten gedenken hier seiner in Liebe. Von Dresden ging er zum Fürsten <hi rend="italic">Metternich</hi> nach Königswarth, von wo derselbe über Töplitz nach Bautzen zurückreiste, dort Freitag Abends eintraf, nämlich am 2. August, daselbst bis Montags früh den 5. am Domstifte verweilte, dann aber in Begleitung des Hrn. Consist.-Präses und Domherrn <hi rend="italic">Mauermann </hi>nach Martenstern, woselbst die Klosterfrauen denselben auf das feierlichste in der Kirche empfingen, reiste. Nachdem von ihm das Innere des Klosters in Augenschein genommen, und sich derselbe dem frommen Gebete der geistlichen Jungfrauen empfohlen hatte, setzte Hr. Unterstaatssekretär die Reise an demselben Tage bis auf das Landgut des Herrn Grafen von Stolberg fort, wo ihn die gräfliche Familie und die hochverehrte Frau Mutter des Hrn. Grafen, und mehrere Geschwister desselben ehrfurchtsvoll erwarteten. Hier verweilte er bis zum folgenden Morgen, wo er unter den Segenswünschen dieser Familie und vieler anwesenden Gäste seine Reise nach Berlin fortsetzte. — Daß derselbe auch dort mit vieler Auszeichnung empfangen wurde, und recht viel Gutes bewirkt habe, erzählen Briefe; obgleich es nicht an Äußerungen fehlt, die gern ein nachtheilges Licht auf die Absichten dieses römischen Prälaten zu werfen suchen, und die mit seiner Politik nicht zufrieden sind. Ja nicht nur Liberale sind unzufrieden mit dieser Reise, auch selbst Katholiken machen ihre Anmerkungen, die aber unkluge Zeloten seyn mögen. </p>
         <p rend="UKZ 7 11 zeitschriften">(Bemerker)</p>
         <p>— den 23. Oktober. Nachdem sich die zweite Kammer in ihren letzten Sitzungen über die von der ersten beim Einnahme-und Ausgabebudget gestellten Anträge und abweichenden Beschlüsse |Sp. |Sp. 1445| berathen hatte, wurde in der Sitzung vom 21. Okt. über das Einnahme- und in der heutigen über das Ausgabebudget durch Namensaufruf abgestimmt und dieselben einstimmig angenommen. Man ging sodann auf die Berathung des Berichts der ersten Deputation, das Regulativ, die Ausübung des juris circa sacra über die katholische Kirche von Seiten des Staats betreffend, über. Referent war der Vicepräsident Dr. <hi rend="italic">Haase</hi>. Abg. <hi rend="italic">Wieland</hi>, welcher schon bei der erwähnten Discussion über das Ausgabebudget bei Gelegenheit des Departements des Cultus gegen den katholischen Klerus und dessen Intoleranz sich heftig ausgesprochen hatte, stellte bei §. 10 unter Anderm den Antrag, die Regierung zu ersuchen, die Bestimmung zu treffen, daß diejenigen Individuen von katholisch-geistlichen Wellen ausgeschlossen würden, welche in einem Jesuitencollegium ihre Bildung erhalten hatten. Der Antrag wurde sehr zahlreich unterstützt. Die Abgeordneten <hi rend="italic">Atenstädt</hi>, <hi rend="italic">Roux</hi> und <hi rend="italic">Eisenstuck</hi> erklärten sich gegen denselben, indem schon §. 56 der Verfassungsurkunde genüge, welcher bekanntlich die Errichtung neuer Klöster, sowie die Aufnahme der Jesuiten sowohl als jedes andern geistlichen Ordens in Sachsen für ewige Zeiten verbietet. Dem Ministerium des Kultus müsse jeder anzustellende Geistliche seine frühern Lebensumstände nachweisen, und so werde sich der Minister einer gerechten Anklage aussetzen, wenn er einen Geistlichen anstellen lasse, von dem es bekannt sey, daß er in einem Jesuitencollegium Profeß gethan. Auch der Staatsminister <hi rend="italic">von Lindenau</hi> sprach gegen den Antrag, der zu weit gehe, indem in den Jesuitencollegien auch Männer erzogen würden, welche sich nicht für den geistlichen Stand ausbildeten. Fasse dann ein solcher später den Entschluß, Geistlicher zu werden, so sey er nach dem Antrage ausgeschlossen. Je weniger er die jesuitischen Lehren billigen könne (?), desto mehr habe er Achtung vor der klassischen Bildung dieses Ordens. Es sey daher eine Modification des Antrags wünschenswerth und derselbe nur auf Die zu beschränken, welche einen Grad oder eine Weihe erhalten hätten. Dagegen traten <hi rend="italic">Sachse</hi>, Dr. <hi rend="italic">Schröder</hi> und Referent Dr. <hi rend="italic">Haase</hi> dem Antrage unbedingt bei. Der angezogene Paragraph der Verfassungsurkunde spreche nur von solchen Jesuiten, die Profeß gethan hätten; aber auch Jeder, der in einem Jesuitencollegium seine Bildung erhalten habe, sey auszuschließen, da sich die Erziehung nicht bloß auf klassische Studien, sondern auch auf die Moral erstrecken werde. Die Kammer nahm den Antrag gegen 25 Stimmen an. Nach dem Schlusse der Berathung über den vorliegenden Gegenstand, bei welcher die Kammer den Beschlüssen der ersten Kammer und den Vorschlägen der Deputation überall beitrat, machte Abg. v. <hi rend="italic">Dieskau</hi> den Antrag, in der ständischen Schrift die Regierung zu ersuchen, die <hi rend="italic">Aufhebung des Cölibats der katholischen Geistlichen</hi> zu vermitteln. Der Antragsteller berief sich hierbei auf die Vorgänge in andern Ständeversammlungen, namentlich in Baden. Obgleich nun von Seiten des Cultusministers v. <hi rend="italic">Carlowitz</hi> eingewendet wurde, daß der Antrag mit dem vorliegenden Gegenstande in keiner Verbindung stehe, überhaupt aber, seiner Wichtigkeit wegen, für eine besondere Petition sich eigne, unterstützte die Kammer denselben doch ziemlich zahlreich. Staatsminister v. <hi rend="italic">Lindenau</hi> trug hierauf bei der Wichtigkeit des Gegenstandes Namens der Regierung auf Aussetzung der sofortigen Berathung und Ueberweisung zur besonderen Berichtserstattung an eine Deputation an, und die Kammer nahm diesen Vorschlag gegen 26 Stimmen an. Als nun aber die Frage sich erhob, welcher Deputation der Antrag zur Fertigung des Berichts übergeben werden sollte, und es den Anschein genommen, als ob die Verweisung an eine der bestehenden vier Deputationen sowohl als eine außerordentliche von der Majorität der Kammer verneint werden würde, nahm der Antragsteller seinen Antrag vor der Hand zurück und behielt sich das Einbringen einer besondern schriftlichen Petition vor. Ein gleiches Schicksal hatte schon früher ein eben so wichtiger Antrag des Abgeordneten v. <hi rend="italic">Dieskau</hi> auf Vereidung des Militärs auf die Verfassungsurkunde, und es werden demnach beide Gegenstände bei dem bevorstehenden Schlusse des Landtags wohl schwerlich noch zur Berathung kommen. Der Präsident <hi rend="italic">Reiche</hi>-<hi rend="italic">Eisenstuck</hi> bemerkte sehr richtig im Verlaufe der langen Debatte über die Art der Fragstellung rücksichtlich des Antrags des Abgeordneten von <hi rend="italic">Dieskau</hi>, die Aufhebung des Cölibats betreffend, daß man auch früher schon mündlich während der De- |Sp. 1446| batte gestellte Antrage an Deputationen zur Begutachtung verwiesen habe, z. B. den Antrag des Generals v. <hi rend="italic">Leyser</hi>, die Pferdezucht betreffend. </p>
         <p rend="UKZ 7 11 zeitschriften">(Leipz. Allg. Ztg.)</p>
         <p>— den 11. Aug. Wichtig ist das Mandat des Ministeriums, daß mit dem 1. Mai k. J. alle hiesige Privatsynagogen geschlossen werden sollen, und bis dahin ein Gesammtbethaus für die jüdische Gemeinde auf <hi rend="italic">Aktien</hi> gebaut werde. Daß die Vollführung dieses Mandats von hoher Wichtigkeit ist, ist klar, aber sie wird doch alle Mittel und Kräfte der Gemeinde sehr erschöpfen, und ihr eine bedeutende Schuldenlast aufbürden. Warum weiset man ihr wenigstens nicht einen Platz gratis an, wie schon an so manchem Orte geschehen? Se. Majestät haben sich schon gnädig gegen die Gemeinde durch Verwilligung einer jährlichen Summe erwiesen, möchten Höchstdieselben uns auch hierin eine Vergunst gestatten! </p>
         <p rend="UKZ 7 11 zeitschriften">(Allg. Ztg. d. Judenth.)</p>
         <p rend="UKZ 5 11 kursiv mitte">Sachsen-Weimar.</p>
         <p>
            <hi rend="italic">Weimar</hi>, den 16. Sept. Unser Landsmann Bernhard <hi rend="italic">Schmidt</hi>, welcher über 20 Jahre als Missionär in Indien zugebracht hat, ist jetzt wieder in sein Vaterland zurückgekehrt, und weilt dermalen in Jena. Schon früher verdankte ihm der botanische Garten interessante Bereicherungen, über welche unser gelehrter Hofrath <hi rend="italic">Zenker</hi> in seinen plantis indicis genauere Relation abgestattet hat; jetzt hat er der Universitätsbibliothek ein anderes , nicht minder merkwürdiges Geschenk gemacht, eine Sammlung von 200 Bänden, welche in England oder Indien gedruckt sind, und welche sich auf den Unterricht beziehen, den man den Hindu's in Wissenschaft und Religion zu geben sich bemüht.</p>
         <p rend="UKZ 7 11 zeitschriften">(Fränk. Merk.)</p>
         <p>
            <hi rend="italic">Jena</hi>. Die gelesensten sächsischen Blätter haben neuerlich in höchst auffallender Weise den Zustand der Universität Jena, und besonders ihrer theologischen Fakultät zum Gegenstande streitiger Verhandlungen gemacht. Den Anlaß dazu gab ein Bericht aus Jena selbst, der da behauptete, jene Fakultät bedürfe bei dem sichtbaren Sinken ihres Einflusses auf die theologische Jugend einer neuen sittlichen Stütze; und die sächsische Landesgeistlichkeit sey der allgemeinen Ansicht, daß sie ihr nur in dem Professor <hi rend="italic">De Wette</hi> zu Basel gegeben werden könne. Dagegen erklärten andere, zum Theil selbst offizielle Berichte, daß diese Behauptung ganz grundlos sey, und führten zum Beweise dessen die Namen mehrerer Jenaischen Theologen auf, welche wohl dafür bürgen dürften, daß sie nicht nur die Wissenschaft mit Ehre und Ansehen verträten, sondern auch der theologischen Jugend zu Vorbildern dienen könnten. Welche Partei nun auch das Recht auf ihrer Seite haben möchte, das konnte der unbefangene Beobachter nicht verkennen, daß dabei Etwas im Hintergrund lag, was kein Berichterstatter offen zu berühren wagte, und daß dergleichen Dinge nicht zur Sprache gekommen seyn würden, so lange der unvergeßliche sel. Schott der theologischen Fakultät zu Jena zur sittlichen Stütze diente. Im Allgemeinen ging aber daraus die wichtige Lehre hervor, was academische Theologen seyn müssen, wenn sie den Anforderungen, die man jetzt an sie macht, von allen Seiten genügen wollen. Die Zeit, in der wir leben, begnügt sich nicht mit ihrer bloßen Gelehrsamkeit; sie fordert vielmehr auch die strengste Sittenreinheit von ihnen; und derjenige fällt ihrem strengen Gerichte anheim, welcher die Doctrin des Höchsten und Heiligsten im Leben zu seiner berufsmäßigen Beschäftigung macht, und sein persönliches Verhalten damit in Widerspruch treten läßt. Schon der Verdacht, daß er im Stillen böse Wege geht, und eine minder würdige Rolle als Hausvater spielt; schon der versteckte und zweideutige Charakter, den er kund gibt, und der mehr dem Materiellen, als dem Geistigen zugewandte Sinn, der ihm eigen ist; schon das dünkelhafte, burschikose Wesen, womit er seine gelehrten Ansichten geltend macht, und die bedauerliche Erinnerung an frühere Jugendthorheiten weckt, gereichen ihm in den Augen der Welt nicht zur Empfehlung; und Jünglinge, welche ihn täglich beobachten, sagen sich bald, daß sie von ihm wohl manches Andere, nicht aber das Beste lernen können, was sie von ihm lernen sollen. Nehmen es daher Regierungen mit dem sittlichen Verhalten der jetzigen Geistlichkeit mit vollem Rechte sehr genau, so thun sie sicher ihrer Pflicht nur dann vollkommen Genüge, wenn sie auch das sittliche Verhalten der Bildner derselben der strengsten Aufsicht unterwerfen und keinen unter ihnen seines Platzes würdig achten, der |Sp. 1447| sich nicht von dieser Seite vollkommen empfiehlt. Es ist weit besser, daß solche sittlich Anrüchige, wie wohl zu geschehen pflegt, unstet umherziehen, und in Bibliotheken gelehrte Fingerarbeit treiben, als daß sie der akademischen Jugend Aergerniß und Anstoß geben. Diese Nutzanwendung möge uns von dem ziemlich taktlos begonnenen, und nun hoffentlich beendigten Streite über die Universität Jena als guter Gewinn verbleiben!</p>
         <p rend="UKZ 7 11 zeitschriften">(Rhein- u. Mosel-Ztg.)</p>
         <p>— den 14. Dkt. Die heutige „Weimar'sche Ztg.“ gibt einen sehr ausführlichen und höchlich beruhigenden Artikel über den dermaligen wissenschaftlichen Zustand der Landeshochschule zu Jena, welcher, nach mehreren darin gebrauchten Worten zu schließen, eine begründete Abfertigung einer in die „Leipziger Allg. Ztg.“ aufgenommenen Nachricht aus Jena über die Wiederbesetzung der ersten theologischen Professur enthält. Es wäre zu beklagen, wenn jene Nachricht Grund hätte, wohl aber mag, wie die „Weimar'sche Ztg.“ am Schlusse ihres heutigen Artikels sagt, die Universität besonders einer Stütze vor allen, nämlich der Anerkennung von all' den Ihrigen, bedürfen. Dem ersten Geistlichen des Landes, Generalsuperindent Dr. <hi rend="italic">Röhr</hi>, gebührt der Ruhm, die DD. <hi rend="italic">Hase</hi> und <hi rend="italic">Schwarz</hi> nach Jena gerufen zu haben, von welchen der letztere wohl immer, der erstere jedoch nicht immer zu seinen Bekennern gehört hat, indem dieser von jeher mehr zur Ideal- als Rationaltheologie sich hinneigte. </p>
         <p rend="UKZ 7 11 zeitschriften">(Leipz. A. Ztg.)</p>
         <p>— Man liest in untenstehendem Blatte über eine ungenannte Stadt: Sowie beinahe in jeder kleinen sächsischen Stadt jährlich solenne Vogel- oder Scheibenschießen mit feierlichen Aufzügen gehalten werden, so auch in S..., wo der vorjährige sogenannte Schützen-König, unter dem Vortritt von Zimmerleuten mit langen Bärten und Aexten, von einer Musikbande und Abtheilung des bewaffneten Schützenkorps nach dem Schießplane geführet wurde. Und wen sah man mitten in diesem Zuge, zunächst hinter dem Könige, an der Seite des Stadtrichters, durch die Stadt hindurch, vor allen Häusern vorüber zu dem Volksfeste hinschreiten? ———- <hi rend="italic">Den Pfarrer und Seelsorger</hi>. —!</p>
         <p rend="UKZ 7 11 zeitschriften">(Homilet. lit. päd. Corr.-Bl.)</p>
         <p rend="UKZ 5 11 kursiv mitte">Nassau.</p>
         <p>
            <hi rend="italic">Wiesbaden</hi>. In diesem Sommer habe ich wieder so recht empfunden, welch' eine Entbehrung es ist, wenn man an einem Orte sich aufhalten muß, der eines Gotteshauses entbehrt. Dieß ist immer noch in Wiesbaden für die Katholiken der schmerzliche Zustand. Seit vielen Jahren ist vom Baue einer katholischen Kirche die Rede gewesen; zu diesem Zwecke wurden Kollekten angestellt; der Herzog selbst hat einen bedeutenden Beitrag geleistet. Und doch ist noch keine Kirche zu Stande gekommen. Anfangs mußte die Kirche, wie man mir erzählt hat, und worin ein charakterisches Zeichen unserer Zeit nicht zu verkennen ist, den Kramläden weichen, und deshalb einen Platz abtreten, welcher beinahe mitten in der Stadt liegt, der zum Baue bestimmt und dazu am geeignetsten war. Ein anderer Zeitgötze, die Verschönerungssucht, fordert hierauf ihr Opfer. Die Stadt wird täglich mehr erweitert; ein ganz neues Viertel sollte entstehen, und ist wirklich schon mit Häusern angefüllt. In dieses neue Viertel mußte die Kirche wandern, um als ein ansehnliches Gebäude dem Anblicke der Ankömmlinge vom Rheine her sich darzustellen. Darauf wurde keine Rücksicht genommen, daß die Kirche außerhalb der Stadt stehe, und für alle Katholiken, die in der alten Stadt wohnten, und besonders für die kränklichen Kurgäste, viel zu entfernt liege. Die Kirche wurde aufgeführt unter Leitung eines Baumeisters, der weder eine geistige Bürgschaft durch frühere Proben von Tüchtigkeit zur Ausführung eines solchen Werkes gegeben hatte, noch auch die erforderliche materielle Bürgschaft zur Schadloshaltung für den Fall des Mißlingens geben konnte. Und sieh! das Unternehmen ist mißglückt, indem der beinahe bis zur Vollendung gediehene Bau in sich zusammenstürzte, und so auch in der neuen Stadt plötzlich eine Ruine dem Lustwandler sich darbot. Endlich soll, nachdem die Ruine jahrelang als trauriges Denkmal der Ungeschicklichkeit, und vielleicht auch der strafenden Gerechtigkeit Gottes angeschaut worden ist, wieder ernstlich davon die Rede seyn, die Kirche in die Stadt zu bauen. Gott gebe, daß nicht wieder irgend ein profaner Zweck, etwa gar die Spekulationssucht, hindernd entgegen trete.</p>
         <p>|Sp. 1448| Wie nothwendig eine katholische Kirche in Wiesbaden ist, fühlt Jeder, der nur einmal in die jetzige sogenannte Kirche eingetreten ist, oder an einem Sonntage dem Gottesdienste beigewohnt hat. Die jetzige sogenannte Kirche, eine ehemalige Scheune, ist so klein und so dumpfig gelegen, daß sie zu nichts weniger als zu einem Versammlungsorte der Gläubigen sich eignet. Die Juden würden sich eine so beschaffene Synagoge nirgends gefallen lassen. Warum aber die Katholiken? — Diese sind so gutmüthiger Natur, daß, wenn ihnen von dem unermeßlichen Reichthume, den ihre Kirche früher besessen, nur eine kärgliche Subsistenz gereicht wird, sie nicht Worte genug finden, um für den Großmuth zu danken. </p>
         <p rend="UKZ 7 11 zeitschriften">(Katholik)</p>
         </div>
         <div type="ta">
         <head>Theologische Akademie.</head>
         
         <div type="taka">
         <head>Katholische Abtheilung.</head>
         <p><title><hi rend="bold">Ueber die Vorliebe zum Alten und Neuen in Religionssachen.</hi></title>
             </p>
         <p>
            <hi rend="bold">Aus den zerstreuten Blättern von einem katholischen Geistlichen.</hi>
         </p>
         <p>(Fortsetzung.)</p>
         <p>Allein eben da man sich verwandelt, eilt man einer gefährlichen Katastrophe entgegen. Schon sah man in einer nahen Zukunft eine wogende Saat, aber jetzt zerrinnt auf einmal das Wolkenbild, man hat die sehnsüchtigen Arme darnach ausgestreckt; man gesteht sich, es war ein Traum, und eben da man daraus erwacht, so wird man leicht auf daß gegenseitige Ufer hinübergetrieben. Der Muth sinkt. Der Eifer erkaltet, und wer kaum so fest sich entschlossen hatte, das Bessere aus allen Kräften zu befördern, verzagt jetzt an dieser Bestimmung, er fällt in ein unbestimmtes Schlendern, in eine unabsehliche Leere, und schleppt sich nur noch mit Widerwillen durch den Kreis seiner Pflichten, er wird gleichgiltig und unthätig, oder auch ungehalten und erbittert über die Menschen, denen er nun alle Empfänglichkeit für Veredelung abspricht. Er stimmt in die Klage des Dichters:</p>
         <p>Erloschen sind die heitern Sonnen Die meiner Jugend Pfad erhellt; Die Ideale sind zerronnen Die einst das trunk'ne Herz geschwellt.</p>
         <p>Macht man aber auch diesen Sprung nicht, so geschieht es oft, das man sich in dem Geschäfte der Menschenbildung übereilt, indem man plötzlich zu den erwünschten Verbesserungen schreitet, und alles auf die Seite räumt, was dem hereinfallenden Lichte noch im Wege steht. Man hat nicht so viel Ruhe, und Gleichmuth, um ein stilles geräuschloses, ein oft kaum merkliches Fortschreiten zum Bessern abzuwarten, sich damit zu begnügen, sich dessen zu erfreuen. Rasch geht man zu Werke, und fordert eben so raschen Erfolg. Man möchte gern selbst noch die Frucht an dem Baum erblicken, den man pflanzte, und so gern noch unter seinem Schatten ruhen.</p>
         <p>Allein, um schiefe Ansichten und Leidenschaften, wo sie einmal eingewurzelt sind, plötzlich zu verdrängen, müßte man ein wahrer Wundertäter seyn, man müßte eine zauberische Gewalt besitzen, wie jene berühmte Fee, welche die Genossen des <hi rend="italic">Ulysses</hi>, nachdem sie kurz vorher häßliche Thiere geworden waren-, wieder zu Menschen machte. Solche Verwandlungen gelingen aus dem Wege der Belehrung nicht so leicht, nicht so behende. Besitzt der Mensch eine Anlage zur Perfektibilität, was wir tröstlich glauben, so entwickelt sich das Bessere allmählich, ohne Sprung, von Stufe zu Stufe, und es wird sicherlich gestört, und in sich zurückgetrieben, wenn man die Entwicklung mit Ungeduld betreibt, sie gewaltsam erzwingt und beschleunigt. Bei so viel Lebhaftigkeit ist öfters der Fall, daß der Gang der Belehrung eine schiefe einseitige Richtung nimmt. Irrige Begriffe und unzweckmäßige Gebräuche, die |Sp. 1449| sich eingeschlichen haben, werden dem Volke beständig auf der Kanzel und in der Katechese vorgerückt, und so wird der Unterricht oft bloß ein fortgesetzter Kampf mit den herrschenden Vorurtheilen. Man entwurzelt bald diese Meynung, bald jenen Gebrauch, und hieraus entspringt ein doppelter Nachtheil. Jeder Gegenstand, womit der Mensch von seinen Kindesjahren an vertraut worden, gewinnt in einem gewissen Grade seine Anhänglichkeit, die sich in dem Augenblicke, da man ihn verlieren soll, vergrößert. Man ist dessen gewöhnt , man will, man kann sich von ihm nicht trennen. Man umklammert das Gewöhnte je eifriger, je mehr man bestürmt wird, es aufzugeben. Dann versäumen manche Geistliche ein positives Befördern der Wahrheit, man setzt an die Stelle des Aufgehobenen nicht so leicht etwas Anderes, wodurch die Lücke gedeckt wäre. Allein welche Gefälligkeit hat man einem Blinden gethan, wenn man ihm die Finsterniß schildert, und die Nacht, die ihn umgibt? Man erhöht den Druck seiner Lage. Wohltätiger wäre es, ihm die Augen zu öffnen, damit er selbst den Lichtstrahl erblickte. Dadurch, daß man dem Volke immer seine Irrthümer und Fehler vorhält, und ihm erklärt, wie tief es stehe, erlangt es noch nicht die Kraft, sich aus der Verwirrung zu erheben. Andere machen die bisherige Observanz lächerlich. Dieß ist noch viel weniger der rechte Weg. Jede Satyre hat einen Stachel, sie reizt zur Gegenwehr, und erbittert, statt zu bessern. Auch dem ärmsten Menschen hat die Natur so viel Selbstliebe gegeben, daß ihm das Bekenntniß, gefehlt zu haben, schwer fällt. Ist es denn schlechterdings nöthig, ihm diese beschämende Empfindung aufzudringen und wieder abzunöthigen? Lasse man doch das Alte auf seinem Werthe beruhen! Jeder versuche ohne hämische Seitenblicke seine Beredsamkeit, um die Gemüther durch einen sanften Zuspruch auf das Wesentliche der christlichen Religion hinzulenken. Nur die Eitelkeit zeigt manchmal gerne fremde Meynungen in ihrer Blöße und Nichtigkeit, um auf diesen Trümmern ein Schaugerüst für ihre eignen auszurichten.</p>
         <p>Ist es der gemeine Mann, dem ein Mißtrauen auf das angestammte Erbgut von Begriffen und Hoffnungen eingeflößt wird, so ist ihm die Stütze, die ihn trug, entrissen, und woran soll er sich künftig halten, wo kann er für sein an Ruhe und Hingebung gewöhntes Herz Ruhe und selige Zuversicht finden? Darf man ihn schmerzlich, gewaltsam aus seiner Sinnenwelt, aus der ihm ein höheres Leben und die Wahrheit in sichtbaren Gestalten entgegentritt, emporziehen in den unhaltbaren Aether der Spekulation, der klar ist, wie Jemand sagt, aber doch unbegreiflich, unermeßlich?</p>
         <p>Ueberhaupt müssen veränderte Anstalten durch einen geschickten Vortrag auf der Kanzel und in der Katechese den eigentlichen Nachdruck erhalten, auf eine indirekte Weise, ohne daß man ihn ausdrückt oder erwähnt. Der Geist und die Richtung der christlichen Religion muß den Zuhörern aus jedem Unterrichte fühlbar entgegendringen. So werden sie zuletzt mit demselben vertraut, und lernen, wie von selbst, endlich das Wesentliche von dem Zufälligen, den Zweck von dem Mittel unterscheiden.</p>
         <p>Was bisher einem einzelnen Geistlichen bei Veränderung kirchlicher Anstalten im Wege stand, und was ihn nothwendig in den Augen seiner Gemeinde dem Verdacht aussetzte, als hätte er besondere schiefe Absichten, war die Bemerkung, daß seine übrigen Amtsgenossen, die ihn umgaben. nicht gleiche Schritte mit ihm machten, vielmehr genau sich an das Bestehende hielten. Er mußte als ein Sonderling erscheinen, und was ist er wohl anders? Man kommt um das Vertrauen, und Pläne scheitern, die man mit Enthusiasmus betrieb. Alle abgerissenen Versuche fallen durch. Allerdings war manchmal das Gute, das in die Welt kam, in seiner Entstehung ein glimmender Funke, ein einziger Wellenschlag, und aus dem namenlosen Nazareth ging die christliche Religion hervor, die allmählich der ganzen Welt eine andere Gestalt gegeben hat. Es wälzt sich wie ein Schneeball weiter, und ergreift nach einem längern Laufe eine unübersehbare Masse.</p>
         <p>Bei der Stiftung des Christentums mußte die jüdische und heidnische Religionsverfassung umgeworfen werden. Da aber in dem gegenwärtigen Falle das Band gegen kirchliche Obrigkeit besteht, und nie die Absicht seyn kann, es zu unterbrechen, so soll eine Reform durch sie geschehen, Privatversuche sind ein Eingriff in ihre Rechte; im Falle selbst die Obrigkeit sie begünstigt in der Stille, so müssen sie doch den Gläubigen als ein solcher erscheinen.</p>
         <p>|Sp. 1450| Eine Seele, leicht beweglich und entzündbar, die bei dem Gedanken an wahre, durch Religion veredelte Humanität in hellen Flammen auflodert, und dabei ein Verstand, der klar um sich blickend mit ruhiger Entschiedenheit und Folgen mit Abgemessenheit seine Entwürfe ausführt, dieß sind Eigenschaften, die einander wechselweise aufzuheben scheinen, und doch sollen sie sich in demjenigen vereinigen, der mit Nachdruck auf seine Mitmenschen wirken will. Was Erschlaffung aus Gleichgiltigkeit unterläßt, daß zerstört blinde Schwärmerei aus Unbesonnenheit.</p>
         <p>So wahr es übrigens immer bleibt, daß die Begebenheiten des 16. Jahrhunderts die Freiheit begünstigen, so richtig ist auf der andern Seite die Bemerkung, daß durch die Spaltungen, die daraus hervorgingen, die religiöse Volkskultur gehemmt worden ist. Zwischen den Parteien bildete sich eine große Kluft; man stand sich mit Erbitterung gegenüber: nunc Reliquiae nos exercent. Das Volk erschrickt über jede Aenderung, die Protestanten fürchten, katholisch werden zu müssen, die Katholiken protestantisch. Hier und dort sieht man Neuerungen nicht ohne Aengstlichkeit. Gleichwohl steht für den unbefangenen Beobachter eine Vereinigung weder zu hoffen noch zu fürchten. Würde sie erzwungen, was gewänne man dabei? Es ist mit der Religion wie mit der himmlischen Liebe. Kein Traktat kann sie geben, oder nehmen, und Einheit des Symbols stiftet keine Einheit der überzeugten Gemüther. Es ist offenbar ein Luftgebilde, was Kurzsichtige in Schrecken setzt. Dieser Zeitgeist bekümmert sich weniger um religiöse Verfassungen. Das gespannteste Interesse für christliches Heiligthum entflammte das zwölfte Jahrhundert zu ungeheuern Unternehmungen, zu den Zügen in das gelobte Land, das sechzehnte zu blutigem Widerspruch und fanatischer Verwirrung. Eine ähnliche Umwälzung der Dinge haben wir erlebt, ähnliche Wallungen. Allein sie nehmen eine so ganz andere Richtung, daß vielmehr jener glühende Eifer für Religion sich in die unverkennbarste Erstarrung aufgelöst hat. Es ist ein anderes Triebrad , das die Maschine in rastlose Bewegung setzt.</p>
         <p>Gleichwohl streifen die Urtheile des Volkes nur die Oberflache; es zittert oft vor Phantomen; dahin gehört auch die Sorglichkeit, wovon ich oben sagte. Ein Geistlicher wird daher leichter wirken, von dessen anerkannter Orthodoxie die Gläubigen überzeugt sind, da sich einem unbekannten Neuling jener Argwohn eines Einverständnisses mit der andern Partei unaufhaltsam entgegenstellt, besonders, wenn er noch die Unklugheit begeht, sich über religiöse Meynungen und Statuten mit Geringschätzung oder muthwilligem Spotte auszulassen. Immer ist die zarteste Schonung nöthig.</p>
         <p>Denn darauf beruht Alles, ob eine Gemeinde Vertrauen auf ihren Vorsteher hat. Fehlt dieses, so ist sein Einfluß untergraben, und nur ein Schlag vor eine dumpfe Stirne, sein Eifer ein sterbend Blatt, das in den Koth herunterrauscht. Einem Staatsdiener mag weniger daran liegen, als einem Geistlichen, ob seine Untergebenen ihm Redlichkeit und ein uneigennütziges Streben beimessen, oder auch nicht. Er wirkt doch auf sie. Er kann jede Einwendung durch Zwang stillen und niederschlagen. Im Gebiete der Religion kommt es nicht so fast auf eine abgedrungene Legalität an; sondern vielmehr auf die Bildung und Veredelung des innern Menschen. Der Staat wirkt durch Befehle, die Kirche durch Gründe. Ja hier gilt keine andere Gewalt, als die Gewalt der Belehrung, die Macht der Ueberzeugung. Aber der Weg zum Kopfe geht durch das Herz, dieses aber schließt sich nur durch Vertrauen auf. Es ist niedrig und entehrend, wenn man durch eine erkünstelte Gefälligkeit, durch buhlerische Wendung sich die Volksgunst zu erschleichen sucht; aber alles Zutrauen muthwillig verscherzen, und von sich stoßen, ist ein ander Extrem.</p>
         <p>Einem gebildeten Menschen, wenn er je von reinem Interesse für die Wahrheit geleitet wird, ist leicht beizukommen; wenn er bei seinen Nachforschungen in einen Irrthum gerathen ist. Man gibt ihm überwiegende Gründe für das Gegentheil, und er ist gewonnen. Der Glaube des Volkes ist angeerbt, sofort läßt sich das, was nicht auf Gründe gebauet ist, nicht leicht durch Gegengründe überwältigen.</p>
         <p>Uebrigens will die Wahrheit keine Sekten stiften. Aber es gibt Schwärmer, die statt der lieblichen Himmelstochter eine Wolkengestalt umarmen.</p>
         <p>(Schluß folgt.)<lb/><hi rend="normalweight">|Sp. 1451</hi> </p>
         </div>
         </div>
         <div type="lit">
         <head>
            Literatur.</head>
         
         <div type="litpr">
         <head>Protestantische Abtheilung.</head>
         <p>* <hi rend="italic">Die Lehre von der heiligen Schrift, von dem Standpunkte der Geschichte und Philosophie. </hi>Zur Verständigung der geschiedenen Meynungen über die Göttlichkeit, den hohen Werth und den zweckmäßigen Gebrauch unserer Religionsurkunden. Eine Denkschrift zur Feier des 300jährigen Jubiläums der Vollendung der lutherischen Bibelübersetzung. Von Dr. <hi rend="italic">Wohlfarth</hi>. Neustadt a. d. Orla, 1835. Druck und Verlag von J. K. G. Wagner. XVI und 136 S. gr. 8.</p>
         <p>Indem wir gegenwärtige, den Herren DD. <hi rend="italic">Bretschneider</hi>, <hi rend="italic">Röhr</hi> und <hi rend="italic">Schuderoff</hi> zugeeignete Schrift, in diesen Blättern zur Anzeige bringen, glauben wir des reichen Materials wegen, welches in derselben auf einer verhältnißmäßig sehr geringen Bogenzahl zusammengedrängt ist, dadurch unsere Absicht, die Leser — wie sie es vollkommen verdient — auf dieselbe begierig und vorläufig mit ihr bekannt zu machen, am sichersten zu erreichen, daß wir eine ausführlichere Darlegung ihres interessanten Inhaltes versuchen, woraus sich ihr Werth von selbst ergeben wird. Nur das sey vorausgeschickt, daß der, als rühmlicher Kämpfer für Licht und Wahrheit schon längst bekannte Herr Verfasser, dem wir schon so manches Wort zu seiner Zeit verdanken, keinen würdigeren und geeigneteren Stoff zur Bearbeitung bei Gelegenheit der Feier des 300jährigen Jubelfestes der Vollendung der luther. Bibelübersetzung wählen konnte, als gerade diesen. Denn — wie er selbst, Vorr. S. VIII sehr richtig bemerkt — „eine Revision der Lehre von der h. Schrift ist um so zeitgemäßer, je weniger man bei allem Streite zwischen Rationalisten und Super-Naturalisten dieselbe als <hi rend="italic">einzelnen</hi> Vorwurf geschichtlich und Philosophisch untersucht hat. Die Lehre von der h. Schrift ist der eigentliche Hauptpunkt, um welchen alle theologischen Kämpfe unserer Zeit sich bewegen. Auf die Frage oder die Antwort: ist die h. Schrift eine höhere <hi rend="italic">Offenbarung</hi> oder nicht? und <hi rend="italic">wenn</hi>, in <hi rend="italic">welchem</hi> Sinne ist sie es? kommt Alles an. Darauf kommt es an, daß die Wahrheit, das Höchste, was es für Menschen gibt — auch hier erkannt und wirksam werde.“ „In dieser Beziehung“ — sagt der Verf. ebendas. S. XI — „erscheint es zweckdienlich, den theol. Streit unserer Tage auf seinen Incidentpunkt, die Lehre von der h. Schrift, hinzuleiten, und nach so trefflichen Vorarbeiten der philosophischen und historischen, der niedern und hohen Kritik eine Revision dieser Lehre, abgesehen von allen Nebenbranchen, einzuleiten oder anzuregen; es erscheint nothwendig, die Geschichte dieser Lehre zu durchgehen, und die Resultate derselben und der bisherigen Forschungen über ihr Wesen, ihre Bestimmung, ihre Wirksamkeit, ihren Werth von dem Standpunkte der Philosophie zu würdigen.“ — „Es wird — heißt es ebend. S. XIII. — unendlich viel gewonnen werden, wenn das Jubelfest der h. Schrift die Veranlassung zu tiefern Erörterungen der Lehre von der h. Schrift wird. Gerade dieser Streit muß die kämpfenden Parteien näher führen dem Ziele jedes Streites, dem Frieden, der Einigung. Je mehr aber diese erzielt wird, desto mehr werden die finstern Nebel sinken, welche das erhabene Wort des Geistes umlagern. Wie die Sonne in der sichtbaren Welt Licht und Wärme herabspendet, so wird in heil'ger Klarheit die Bibel die Strahlen ewiger Wahrheit über die Völker, vor Allem über unser Vaterland, das mit Recht wir ihre zweite Geburtsstätte nennen, nach allen Seiten hin verbreiten, um evangelischen Glauben und echt christliche Liebe zu wecken. Sie wird das göttliche Grundgesetz nicht nur für die Kirche, sondern auch für den Staat, sie wird die Constitutionsurkunde für Haus, Herz und Leben werden.“</p>
         <p>Doch wir gehen nach diesen Vorbemerkungen zu der eigentlichen Schrift selber über, nach deren Durchlesung man gewiß von Neuem die Ueberzeugung gewinnt: „die Geschichte der Bibel zeigt, daß ihr Segen nie abhing von dogmatisch-spitzfindigen Begriffen, von sterilen Offenbarungstheorien, von schwerfälligen Distinctionen der Inspirationslehre, die Niemand verstand, weil sie <hi rend="italic">über</hi> oder <hi rend="italic">unter</hi> der Vernunft waren. Die <hi rend="italic">Kritik</hi> dieser Geschichte beweist, daß das göttliche Ansehn der h. Schrift nicht |Sp. 1452| verloren geht, wenn man in ihr auch keine Sammlung wundersam mitgetheilter Offenbarungen findet; ja, sie beweist noch mehr, denn sie thut dar, daß über jenen kindischen Bemühungen, die h. Schrift als göttliche Offenbarung (in dem altorthodoxen Sinne nämlich) zu rechtfertigen, die erhabene Würde derselben vielfach verloren ging, und daß <hi rend="italic">jenseit</hi> des weder historisch, noch Philosophisch erhärteten <hi rend="italic">Dogma's</hi> dieselbe in einer viel <hi rend="italic">höhern </hi>Klarheit strahle.“ —</p>
         <p>Die Einleitung (S. 1-13) geht von der Wahrheit aus, daß, wie es ohne die heil. Schrift kein Christenthum, es ohne <hi rend="italic">Luther's</hi> Uebersetzung derselben keine Reformation geben würde; daß durch das „auf Wartburg's Felsenmauer“ in stiller Einsamkeit begonnene, dann mit unermüdlichem Fleiße fortgesetzte, und endlich im Jahre 1533 glücklich vollendete, und 1534 zum ersten Male ganz durch den Druck veröffentlichte Werk der bis jetzt unübertroffenen Verdeutschung des ewigen <hi rend="italic">Felsenwortes</hi> die Reformation sich verbreitet und festbegründet habe“, — und beschäftigt sich dann mit einer gedrängten aber sehr lebendig gehaltenen und veranschaulichenden Darstellung der Art und Weise, wie <hi rend="italic">Luther</hi> und seine Gehilfen (Joh. Bugenhagen oder Pomeranus, Justus Jonas, Ph. Melanchthon, Matth. Aurogallus — die Correctur besorgte Gr. Rorarius —) bei diesem großartigen Unternehmen zu Werke gingen; thut der Grundsätze Erwähnung, die sie dabei leiteten, über die sich <hi rend="italic">Luther</hi> folgendermaßen ausspricht: „Da wir die Bibel verdeutschten, gab ich ihnen, die mir halfen, diese Regeln: <hi rend="italic">Erstlich</hi>, die h. Schrift redet von göttlichen Werken und Dingen. Zum <hi rend="italic">Andern</hi>, wenn ein Spruch und Meynung mit dem N. T. übereinstimmt, denselben nehme man an. Zum Dritten, daß man Achtung auf die Grammaticam habe;“ gedenkt der Schwierigkeiten, mit denen sie, da Luther, ohngeachtet einige Bibelübersetzungen, unter andern die von den Jahren 1378, 1477, 1483, 1487, 1490, 1518 vorhanden, die aber entweder nicht zugänglich oder unbrauchbar waren, so gut wie keine Vorarbeit vorfand, die er hatte benutzen können, — zu kämpfen hatten, vorzüglich bei Uebertragung des A. T.'s, wobei — wie Luther gesteht — „es ihnen oft begegnet ist, daß sie vierzehn Tage, drei, vier Wochen ein einziges Wort gesucht und gefragt, und dennoch zuweilen nicht gefunden haben;“ berührt die Anfechtungen, die Luther's Uebersetzung von Seiten seiner Gegner, Cochläus, Alfendensis u. A., vornämlich aber von Emser, „dessen Uebersetzung nichts, als ein verschlechterter Nachdruck der luther. Version war“, erfuhr, aber gedenkt auch der Anerkennung, welche sie schon unter seinen Zeitgenossen fand, und des unberechenbaren Segens, den ihre auf das Ueberraschendste vor sich gehende Verbreitung mehr und mehr stiftete; tritt, nachdem er von dem Mißbrauche, den man anderer Seits mit der h. Schrift in der späteren Zeit trieb, und den vielfach falschen und unwürdigen Vorstellungen, die von dem Wesen und Werthe der Bibel noch immer bei Gelehrten und Ungelehrten herrschen, und den widersprechendsten Urtheilen über das Buch der Bücher kurz gesprochen, seinem Gegenstande näher, mit den Worten (S, 12): „Erscheint aber eine Revision der Lehre von der h. Schrift unter diesen Umständen an sich zeitgemäß: dann bietet das dritte Jubeljahr der luther. Bibelübersetzung eine zu große Anregung dazu dar, als daß wir ihr nicht fast unwillkürlich folgen sollten, um so mehr, da es schwerlich einen würdigern Vorwurf zu dieser Jubelfeier geben könnte;“ und geht zur Beantwortung der zwei Fragen, an welche er „die wichtigsten Erörterungen, die der Gegenstand überhaupt und in Rücksicht auf unsere Zeit fordert,“ anschließt, über: I. <hi rend="italic">Was war die heil Schrift urspünglich, und in den ersten Zeiten der christl. Kirche bis auf unsere Tage?</hi> und ll. <hi rend="italic">Was soll und muß dieselbe nach unparteiischer Prüfung ihres Wesens uns seyn und werden?</hi> Der Verf. geht, die erste Frage anlangend, den Begriff einer heil. Schrift sorgfältig durch, erörtert denselben geschichtlich, und setzt auseinander, was die Bibel in den ersten Zeiten des Christenthums war, nämlich „die Urkunden einer höhern Offenbarung“ Bis zum eigentlichen Beginn der christl. Theologie galten diese Urkunden, obgleich schon im 2ten Jahrh. vor Christo (1. Math. 12, 19) die Keime der nachherigen Inspirationstheorie vorlagen, im <hi rend="italic">weitern</hi> und <hi rend="italic">engern </hi>Sinne für <hi rend="italic">heilig</hi>, <hi rend="italic">göttlich</hi>, ohne daß man sich die Sache klar und bestimmt gedacht hätte (S. 13 — 20). Daran knüpft er die <hi rend="italic">zweite</hi> Frage: <hi rend="italic">Was ward die heil. Schrift im |</hi>Sp. 1453| Fortgange der Zeit? Eigentlich gehört, der Ankündigung gemäß, diese Frage mit zu der ersten, die der Verf. No. II erst von S. 70 an beantwortet. — An die Spitze derselben stellt er (S. 21) als leitenden Punkt mit Recht den, „daß die Angriffe, welche die neuentstandene und mit jugendlicher Kraft sich schnell verbreitende Religion von Seiten ihrer Gegner zu bestehen hatte, zuerst auf eine nähere Erörterung der Lehre von der heil. Schrift führte.“ Schon die ältesten K.VV. schmücken die Behauptung einer höhern Offenbarung auf die verschiedenste Weise aus. Justin d. M., Athenagoras, Theophilus u. A. schließen sich im Ganzen an die jüdische Theopneustie des Josephus und Philo an. Die h. Schrift gilt den ältesten christl. Lehrern als supernaturale Offenbarungsurkunde. Die verschiedenen bezüglichen Ansichten der Gnostiker, „die ihre Philosophie auf das Christenthum übertrugen, und sie über die heil. Schriften stellten“, so wie die apologetischen Bemühungen eines Origenes, Clemens, Tertullian, das Christenthum philosophisch zu begründen, sind von dem Verf. kurz und doch für den Zweck erschöpfend dargestellt worden (S. 30- 34). Origenes und der Verf. der Clementinen suchen die Nothwendigkeit einer unmittelbaren Offenbarung aus der Nothwendigkeit einer göttlichen Hilfe für das Unvermögen der menschlichen Natur zur selbständigen Erkenntniß der ewigen Wahrheit zu beweisen. Die Propheten und Apostel stellen sie als unbedingte, Glauben verdienende Führer der Menschen dar (S. 34 f.) Auch die öffentliche Meinung unter den Christen entschied sich für ihre Göttlichkeit. Die alexandrin. Übersetzung ward dem Urtexte gleichgeachtet. Um die Göttlichkeit der Sendung Jesu zu beweisen, berufen sich die christl. Apologeten noch mehr auf seine Wunder , als die frühern Verteidiger des Christentsums. Die ihm anfangs feindselig entgegenstehende Philosophie söhnt sich mit demselben aus, und tritt in seinen Dienst; die Wissenschaft wird christlich, wo Christus verkündigt wird. Durch die ganze christl. Kirche verbreitet sich, ohne genauere Bestimmung des Dogmas , die Lehre: die h. Schriften enthalten eine außerordentliche und übernatürliche Offenbarung, sie sind Gottes Wort und der Grund des christl. Glaubens. Zur Zeit Augustin's, wo es bereits eine Kirchenauctorität gab, berief man sich am Liebsten auf die Tradition (S. 35-38.) von der Zeit an, wo die Notwendigkeit sich minderte, „die Glaubwürdigkeit der beil. Urkunden gegen Andersdenkende zu verteidigen, von 306-602, suspendirten die Theologen die weiteren Untersuchungen über diesen Vorwurf, und wendeten sich auf dogmatische Nebendinge „unter der Voraussetzung der göttlichen Schriftauctorität.“ In der kathol. Kirche hatte sich bereits die Lehre von der Tradition ausgebildet, und nahm einen dogmatischen Charakter an. Die Aussprüche der Päpste und Concilien gelten als untrügbar. Dadurch verlieren auch im Gottesglauben die h. Bücher ihr göttliches Ansehen, da die Tradition noch über die Schrift gestellt wird (S. 38-41). Päpste und Concilien maßen sich, bei fortschreitender Ausbildung des hierarchischen Systems, ein immer größeres Ansehn über die h. Schrift an, indem sie sich für die alleinigen Ausleger derselben erklären. Nur wenige Scholastiker erlauben sich freiere Untersuchungen.</p>
         <p>Von Seite 42 an sind die Vorzeichen der nahenden Reformation in einer kurzgefaßten, aber genügenden Darstellung namhaft gemacht, wo sehr richtig angeführt wird, „daß alle Männer und Sekten, welche gegen die Hierarchie und die damalige Theologie auftraten, vor Allem auf das Studium der heil. Schrift drangen, und eine Reform der Kirche an Haupt und Gliedern nach der Lehre der heil. Schrift forderten.“ (S. 44.) Eben so wahr sagt der Verf. (ebend.): „so war recht eigentlich die Bibel die Waffe, womit die heller denkenden, die erwachenden Geister gegen die Engelsburg in den Kampf zogen“; und (S. 45). „Die Bibel war der Hebel, mit welchem Luther die alte kirchliche Welt aus den Angeln hob.“ Höchst beziehungsreich und interessant sind die in dieser Hinsicht beigebrachten Stellen aus Luther's Werken (S. 47 f.) Derselbe Grundsatz, eine Reformation nach dem klaren Bibelworte, leitete die schweizerischen Reformatoren (S. 50). Luther selbst aber erklärte sich über die Offenbarung im supernaturalen Sinne sehr unbestimmt: eben so bestimmen die symbolischen Bücher darüber Nichts (S. |Sp. 1454| 51). S. 52-55 lesen wir, die luth. Bibelübersetzung betreffend, wieder mehrere, weniger bekannte, höchst merkwürdige Aeußerungen von Luther, Matthesius und Tilemann Heshusius etc.</p>
         <p>— Ueberall zeigt sich eine rege Geschäftigkeit, die h. Schrift dem Volke zugänglich zu machen; allein „Männer ohne Luther's Geist und Sinn verwirten sich in Luther's Buchstaben, und in den symbol. Büchern trat ein papierner Papst in der evangel. Kirche, eine neue Tradition neben der heil. Schrift auf, und bedrohete die Kirche mit einer neuen Knechtschaft.“ Die Theologie dieser und der folgenden Zeit bilden die Inspirationstheorie immer weiter aus; sie scheiden sich in mystische, moralische, philosophische und historische Schrifterklärer (S. 56-59). Das 18te Jahrhundert charakterisirt sich vorzüglich in Betracht der Lehre von der heil. Schrift, als die Periode einer großen kirchlichen Revolution. Spener's und seiner Schule „Bibelchristenthum“, als „heilsames Gegengift der sterilen Dogmatik.“ Auftreten der sogenannten Freigeister (S. 50 f.) Angriffe auf die Bibel in England, Frankretch und Deutschland (S. 61-64). Deutschland und deutschen Gottesgelehrten und Philosophen war es vorbehalten, dem gährenden Elemente ein Ziel zu setzen. Die desfallsigen Verdienste eines Leibnitz, Wolf, Kant etc. In dem Streite zwischen Rationalismus und Supernaturalismus nehmen die frühern religiösen Fehden der Freigeister und der Apologeten des Christentums einen wissenschaftlichen, edlen Charakter an, und die Frage: ist die Bibel eine Sammlung von Büchern, welche unmittelbare Offenbarungen der Gottheit enthalten? beschäftigt vorzugsweise die neuere Theologie. Die Zeit charakterisirendes Interesse, die Bibel zum Volksbuche zu machen, Bibelgesellschaften (S. 64-68). Trennung der Theologen in Supernaturalisten und Rationalisten, und die Ansichten und Lehren Beider über die Natur und das Wesen der Offenbarung (S. 68 f.)</p>
         <p>(Schluß folgt.)</p>
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         </div>
         <div type="anz">
         <head>Anzeigen. </head>
         <p>(86) In der Johann Palm'schen Verlagsbuchhandlung in Landshut ist erfreuen und in allen Buchhandlungen zu haben:</p>
         <p>Die heilige Schrift des alten und neuen Testaments. Aus der Vulgata mit Bezug auf den Grundtext neu übersetzt und mit kurzen Anmerkungen erläutert von Joseph Franz Allioli, der Theologie Doktor, königl. bayer. geistl. Rathe und Domkapitular in Regensburg. Zweite Auflage. Mit Approbation des päpstlichen Stuhles. 6 Bände. gr. 8. 237 Bogen. Preis Thlr. 5 — gr. oder fl. 8, 6 kr. rhein.</p>
         <p>Die Bibel ist das lautere Wort Gottes, geoffenbaret durch seine Auserwählten; sie bedarf daher keiner buchhändlerischen Empfehlung. Nur darauf erlaubt sich die Verlagshandlung das verehrliche Publikum aufmerksam zu machen, daß die hier angekündigte Allioli'sche Bibel unter allen jetzt erschienenen die einzige ist, welche Sich der gewichtigen Empfehlung und Gutheißung des heil. Vaters rühmen darf. Wo also das Bedürfnis einer Bibel fühlt, der kaufe diese — Sie wird eine Zierde seines Hauses sein.</p>
         </div>
         <div>
         <p>
            <hi rend="bold">Buchhandlung</hi>
            <hi rend="italic bold">: F. Varrentrapp – </hi>
            <hi rend="bold">Herausgeber:</hi>
            <hi rend="italic bold"> Dr. J. V. Hoeninghaus. –</hi>
            <hi rend="bold"> Druckerei</hi>
            <hi rend="italic bold">: Heller </hi>
            <hi rend="bold">und</hi>
            <hi rend="italic bold"> Rohm. </hi>
            <hi rend="bold">Maschinendruck</hi>.</p>
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   </text>
</TEI>

