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            <title type="main">Unparteiische Universal-Kirchenzeitung für die Geistlichkeit und die gebildete Weltklasse des protestantischen, katholischen und israelitischen Deutschlands</title>
            <title type="sub">Frankfurt a. M. 29. Oktober 1837, Nro. 87</title>
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            <publisher>Steinheim-Institut</publisher>
            <publisher>Beata Mache</publisher>
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                     Unparteiische Universal-Kirchenzeitung für die Geistlichkeit und die gebildete Weltklasse des protestantischen, katholischen und israelitischen Deutschlands
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                  <title level="j" type="issue" n="87">29. Oktober 1837, Nro. 87</title>
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         <editorialDecl><p>Offensichtliche Setzerfehler wurden stillschweigend korrigiert. Die Original-Orthographie wurde ansonsten beibehalten.</p></editorialDecl>  
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         <head>Inhalt: </head>
         <p rend="UKZ 3 12 normal">Etwas über das ökumenische Concilium von <hi rend="italic">Ephesus</hi>. — </p>
         <p>
            <hi rend="italic bold">Kirchliche Nachrichten</hi>
            <hi rend="italic">. Nordamerika. Vereinigte-Staaten von Nordamerika. Detroit</hi>; Correspondenzbericht vom Priester A. <hi rend="italic">Kopp</hi>. — <hi rend="italic">Schweden. Stockholm</hi>; Dankes- und christl. Liebes-Erweis der kathol. Gemeinde. — <hi rend="italic">Belgien. Mecheln</hi>; Enthüllung des Grabdenkmals. <hi rend="italic">Löwen</hi>; Eröffnung des kathol. Universitäts-Cursus. <hi rend="italic">Gent</hi>; Jesuiten; Schulwesen; Krankheit des Bischofs. <hi rend="italic">Lüttich</hi>; Helsenianer. <hi rend="italic">Coursel</hi>; Kirchenbau. <hi rend="italic">Cambrai</hi>; kathol. Bibliothek. <hi rend="italic">Mons</hi>; Bauwesen. <hi rend="italic">St. Trond</hi>; Einfluß der Geistlichkeit auf die Erziehung der Jugend. <hi rend="italic">Charleroi</hi>; Uebertritte. — <hi rend="italic">Türkei</hi>. <hi rend="italic">Konstantinopel</hi>; Uebertritt eines schism.-griech. Geistlichen zum Muhamedismus. — </p>
         <p>
            <hi rend="italic bold">Theologische Akademie. </hi>
         </p>
         <p>
            <hi rend="italic bold">Israel. Abth.</hi> Erstes Prolegomenon zu einer künftigen Dogmatik und Sittenlehre für Israeliten. Von Dr. <hi rend="italic">S. Scheyer</hi> in Frankfurt a. M. (Schluß.) — </p>
         <p>
            <hi rend="italic bold">Literatur. </hi>
         </p>
         <p>Nachweise von Rezensionen theol. Schriften (Forts.) — </p>
         <p>
            <hi rend="italic bold">Anzeigen.</hi><lb/>|Sp. 1375|
         </p>
         </div>
         <div type="mantel">
         <head> Etwas über das ökumenische Concilium von Ephesus.</head>
         <p>Die im J. 431 zu Ephesus gehaltene Kirchenversammlung, die dritte allgemeine, verdammte die Irrlehren des <hi rend="italic">Pelagius</hi>, und jene des <hi rend="italic">Nestorius</hi>; der zwei Personen in Jesus Christus annahm und die Behauptung aufstellte, die h. Jungfrau dürfe nicht Mutter Gottes genannt werden. In dieser letzteren Beziehung enhält das neueste Heft des <hi rend="italic">Chrysostomus</hi> zur Notiz über die Frage: Wann und bei welcher Gelegenheit hat die katholische Kirche dem englischen Gruße die Worte beigesetzt: „Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns arme Sünder jetzt und in Stunde unsers Todes, Amen!“ Folgendes:</p>
         <p>Unser Herr und Gott, Jesus Christus, hat Seinen Aposteln und ihren rechtmäßigen Nachfolgern den heiligen Geist verheißen und zwar auf immer, den Geist der Wahrheit, der ewig bei ihnen bleiben, und sie alle Wahrheit lehren wird. Der heilige Geist, welcher am Pfingstfeste sich in seiner ganzen Fülle über die Apostel ausgegossen hatte, ist auch auf ihre Nachfolger übergegangen und bei ihnen geblieben, und wird bleiben bis an das Ende der Welt. Wenn ein Zweifel entstand oder entsteht, ob dieses oder jenes Gott geoffenbaret oder befohlen habe, ob dieses oder jenes zu glauben und zu thun sey, um selig zu werden; wenn irgend Jemand etwas Neues zu lehren anfing, was von dem alten Glauben abwich, so könnte und kann man die reine Lehre des Heils nirgends sicherer erfahren, als bei den Nachfolgern der h. Apostel.</p>
         <p>Es versammelten sich die Bischöfe bald alle, bald weniger oder mehr, mit oder ohne ihr Oberhaupt, den römischen Papst, und entschieden unter dem besondern Beistande des heil. Geistes, was die reine Wahrheit sey. Wenn alle rechtgläubigen Bischöfe von der ganzen katholischen Kirche vereinigt mit dem römischen Papste an Einem Orte versammelt sind, so machen sie eine <hi rend="italic">allgemeine Kirchenversammlung</hi> aus. Es ist nicht immer möglich, daß gar alle katholischen Bischöfe an Einem Orte zusammenkommen können, es kann auch nicht immer der Papst selbst dabei seyn, es ist dann genug, wenn Einer im Namen des Papstes den Vorsitz führet, und wenn so viele Bischöfe vorhanden sind, daß sie die ganze katholische Kirche vorstellen können. Der heilige Geist leitet die versammelten Bischöfe, so daß sie nur das und nichts anders entscheiden, als sie dem Willen des heil. Geistes gemäß entscheiden sollen. Der Ausspruch einer allgemeinen Kirchenversammlung ist der Ausspruch des heiligen Geistes, ist Wort Gottes, unfehlbar. Wenn nun eine allgemeine Kirchenversammlung entschieden und ausgesprochen hat: „Das oder jenes hat Gott geoffenbaret, das oder jenes ist zu glauben, um |Sp. 1376 selig zu werden,“ so sagt man: „Die Kirche hat dieses zu glauben vorgestellt.“</p>
         <p>Im Anfange des 5. Jahrhunderts nach Christi Geburt trat zu <hi rend="italic">Konstantinopel</hi> ein stolzer Mann auf, mit Namen <hi rend="italic">Nestorius</hi>. Er wußte durch einige Scheintugenden sich sowohl den frommen Kaiser <hi rend="italic">Theodosius II</hi>., als auch einen großen Theil des Hofes geneigt zu machen. Dieser <hi rend="italic">Nestorius</hi> erfand eine neue Lehre, von welcher das ganze christliche Alterthum nichts wußte. Er lehrte öffentlich zu Konstantinopel, und Viele, recht Viele glaubten, was er lehrte, daß man nämlich Maria nicht die Mutter Gottes nennen solle. Viele fromme und heilige Bischöfe, wie auch der h. Papst <hi rend="italic">Cölestinus</hi> selbst, baten und ermahnten recht dringend den Irrlehrer, seinem Irrthume zu entsagen, aber umsonst. Die Zahl seiner Anhänger wurde mit jedem Tage größer. Um dem Uebel Einhalt zu thun, wurde eine allgemeine Kirchenversammlung nach <hi rend="italic">Ephesus</hi> ausgeschrieben, und alle katholischen Bischöfe dazu eingeladen. Allein große Kriegsunruhen erlaubten nicht allen, zu erscheinen. Der Bischof von <hi rend="italic">Karthago</hi>, mit Namen <hi rend="italic">Capreolus</hi>, schickte im Namen aller Bischöfe der Provinz <hi rend="italic">Afrika</hi> einen Priester mit einem Schreiben, in welchem er seinen Glauben und den Glauben aller Bischöfe <hi rend="italic">Afrika's </hi>aussprach. Bald erschien der heilige Cyrillus, Patriarch von <hi rend="italic">Alexandrien</hi>, der Hauptstadt <hi rend="italic">Aegypten's</hi>, mit 50 ägyptischen Bischöfen; eben so viele mußten zu Hause bleiben. Der h. <hi rend="italic">Cyrillus</hi> und seine 50 Bischöfe sprachen ihren eigenen und den Glauben der zurückgebliebenen Bischöfe aus. Aldann kamen die Bischöfe aus <hi rend="italic">Palästina</hi> unter der Anführung des <hi rend="italic">Juvenalis</hi>, Patriarchen von <hi rend="italic">Jerusalem</hi>, hernach die Bischöfe von <hi rend="italic">Macedonien</hi> und <hi rend="italic">Thracien</hi>, der Bischof von <hi rend="italic">Thessalonich</hi>, <hi rend="italic">Acacius</hi>, Bischof von <hi rend="italic">Melitene</hi>, <hi rend="italic">Petrus</hi>, Bischof von <hi rend="italic">Arabien</hi>, <hi rend="italic">Theodorer</hi>, Bischof von <hi rend="italic">Cyrrhus</hi>; auch der stolze Irrlehrer <hi rend="italic">Nestorius</hi> war mit großem Gefolge seiner Anhänger zu Ephesus angekommen. Mehrere von den angekommenen rechtgläubigen Bischöfen gingen zu <hi rend="italic">Nestorius</hi> und suchten ihn von seinem Irrthume zu überzeugen, allein fruchtlos; ja er stieß so gotteslästerliche Reden aus gegen die Mutter Gottes, daß die anwesenden Bischöfe sich die Ohren verstopften. Die Bischöfe lehrten täglich das Volk und bewiesen demselben sonnenklar, daß man Maria mit allem Rechte Mutter Gottes nenne. Die Einwohner von Ephesus hörten mit freudiger Andacht zu. Lauter Beifall des Volkes unterbrach oft die Predigten des h. <hi rend="italic">Cyrillus</hi>. Aufs Neue huldigten jetzt Mund und Herz der alten Lehre. Gestärkt durch die flammenden Worte der bischöflichen Prediger strömte nun alles Volk, Männer und Weiber, Jünglinge und Jungfrauen, Kinder und Greise in die der Mutter Gottes geweihte Kirche, um ihre frommen Gefühle gegen dieselbe |Sp. 1377| in herrlichen Lobgesängen zu ergießen. Der h. Papst <hi rend="italic">Cölestinus</hi> konnte wegen der zu großen Entfernung nicht selbst erscheinen; er hielt zu Rom eine ziemlich große Versammlung von italienischen Bischöfen, untersuchte und verurtheilte gleichfalls die Irrlehre des <hi rend="italic">Nestorius</hi>. Am 22. Juni 431 früh Morgens versammelten sich mehr, als 200 Bischöfe in der Kirche der hochheiligen Jungfrau. Den Vorsitz hatte der h. <hi rend="italic">Cyrillus</hi> von <hi rend="italic">Alexandria</hi> als Bevollmächtigter des Paystes. Rechts und links ihm zur Seite saßen die Bischöfe nach ihrem Range. Mitten in der Kirche erhob sich auf mehrern Stufen ein prachtvoll geschmückter Thron, auf diesem lag ein Evangelienbuch aufgeschlagen. Dieses sollte die versammelten Bischöfe erinnern an die Verheißung Jesu Christi, wo zwei oder drei in Seinem Namen versammelt wären, Er in ihrer Mitte seyn werde; das Evangelium sollte die Bischöfe auffordern, zwischen den Worten der ewigen Wahrheit des göttlichen Wortes und den Irrlehren des <hi rend="italic">Nestorius</hi> zu entscheiden als gerechte und vom heiligen Geiste erleuchtete Richter. <hi rend="italic">Nestorius</hi> wurde dreimal zum Conzilium vorgeladen, aber sein Stolz weigerte sich, zu erscheinen. Hierauf las man öffentlich den Brief des h. <hi rend="italic">Cyrillus</hi> an <hi rend="italic">Nestorius</hi> in welchem er bewies, daß die h. Vater sammt der ganzen Christenheit mit Recht der glorreichen Jungfrau Maria den Beinamen „Gottesgebärerinn“ gegeben hätten. Die versammelten Bischöfe wurden aufgefordert, jetzt laut und frei ihre Meynung zu sagen. <hi rend="italic">Juvenalis</hi> von <hi rend="italic">Jerusalem</hi> und nach ihm gegen 100 Bischöfe sagten einzeln ihre Meynung, die übrigen traten jenen bei; alle erklärten den Brief des h. <hi rend="italic">Cyrillus</hi> für vollkommen übereinstimmend mit der katholischen Lehre. Hierauf rief die ganze heilige Versammlung wie mit Einem Munde: „Wir Alle verwerfen und verdammen die Lehre des <hi rend="italic">Nestorius</hi>; der ganze katholische Erdkreis spricht den Fluch über die Irrlehre des <hi rend="italic">Nestorius</hi>.“ Hierauf wurden die Schriften den heiligen Väter untersucht, und eine Menge Stellen aus denselben öffentlich vorgelesen, zum Beweise, daß die heiligen Väter von jeher der hochheiligen Jungfrau den Ehrentitel „Mutter Gottes“ gegeben haben. Das thaten der heilige <hi rend="italic">Petrus</hi>, Märtyrer und Bischof von <hi rend="italic">Alexandria</hi>, die heiligen <hi rend="italic">Athanasius, Cyprianus, Ambrosius, Gregor</hi> von <hi rend="italic">Nazianz, Gregor</hi> von <hi rend="italic">Nyssa</hi> und viele Andere. .Kaum waren die Zeugnisse der heiligen Väter verlesen, so riefen alle Bischöfe laut auf: „Auch wir, wir Alle, die wir hier versammelt sind, führen die nämliche Sprache.“ Darauf wurde <hi rend="italic">Nestorius</hi> im Namen Jesu Christi von der Gemeinschaft der Kirche ausgeschlossen.</p>
         <p>Ueber 200 Bischöfe unterschrieben eigenhändig den Beschluß des Conciliums. Vom frühen Morgen bis spät am Abende hatte die Sitzung gedauert; als sie geendigt war, begann es schon, Nacht zu werden, und doch war damals der Tag am längsten. Schon mit Tagesanbruch hatten sich die Ephesier haufenweise vor der Kirchthüre versammelt. Mit großer Geduld hatten sie den ganzen Tag über gewartet auf den entscheidenden Ausspruch der heiligen Kirchenversammlung. Gleich Engeln, vom Himmel gesandt, wurden die aus der Kirche austretenden Bischöfe von der frohlockenden Menge begrüßt. Mit flammenden Wachsfackeln, in unabsehbaren Reihen geordnet, wurden sie nach ihren Wohnungen begleitet. Die angesehensten und vornehmsten Einwohner der Stadt führten den Zug; Frauen und Jungfrauen, ausgezeichnet durch Rang und Geburt, trugen ihnen goldene und silberne Gefäße vor, in welchen die teuersten Rauchwerke des Morgenlandes brannten. Wie ganze Stadt ward beleuchtet, alle Straßen ertönten vom Lobe Gottes und von Lobpreisungen der heiligen Jungfrau. Sicher werden im allgemeinen Jubel, welcher nun ganz Ephesus ergriff, manche fromme Familien ihre Häuser, in dieser merkwürdigen Nacht in Tempel verwandelt, und der jungfräulichen Mutter Gottes Lob- und Preislieder angestimmt haben. Das Concilium dauerte noch längere Zeit; als es geendigt worden, wurden die Beschlüsse desselben an den heiligen Papst <hi rend="italic">Cölestinus</hi> nach Rom zur Bestätigung übersendet. Die Gesandten kamen am Vorabende des Geburtsfestes unsers Herrn Jesu Christi zu Rom an. Zur größern Feier des festlichen Tages ließ <hi rend="italic">Cölestinus</hi> die erhaltenen Briefe öffentlich in der St. Peterskirche vorlesen. Als die Ablesung geendet war, brach der Jubel der zahlreich versammelten Menge in ein lautes Freudengeschrei aus. Trunken von heiliger Freude lief das römische Volk durch alle Gassen und Kirchen Rom‘s, und schrie: „Es lebe die Mutter |Sp. 1378| Gottes! Heilige Maria, Mutter Gottes, bitt' für uns!“ Dieses Freudengeschrei erscholl von Rom aus in der ganzen katholischen Christenwelt. Der fromme und gelehrte Kardinal <hi rend="italic">Baronius </hi>behauptet, daß die katholische Kirche damals, um der hochheiligen jungfräulichen Mutter Gottes wegen der von <hi rend="italic">Nestorius</hi> und seinen Anhängern ausgesprochenen Lästerungen gleichsam öffentlich Abbitte zu thun, dem englischen Gruße die Worte beigesetzt habe: „Heilige Maria, Mutter Gottes, bitt' für uns!“</p>
         </div>
         <div type="kn">
         
         <head>Kirchliche Nachrichten.</head>
         <p rend="UKZ 4 12 kursiv">Nordamerika.</p>
         <p rend="UKZ 5 11 kursiv mitte">Vereinigte Staaten von Nordamerika.</p>
         <p>* <hi rend="italic">Detroit</hi>, den 5. Sept. (Aus einem Schreiben des Priesters A. <hi rend="italic">Kopp</hi> an den Redakteur der <hi rend="italic">Univ.-K.-Ztg</hi>.)</p>
         <p>Der hochwürdigste Bischof von <hi rend="italic">Bardstown</hi> (Nord-Amerika), <hi rend="italic">Benedict Flaget</hi>, ein ehrwürdiger Greis von 80 Jahren, der vor 2 Jahren über Frankreich, wo er geboren, nach Rom reisete, wird mit Nächstem wieder in den Vereinigten Staaten erwartet. </p>
         <p>Auch der hochwürdigste Bischof <hi rend="italic">Friederich Rese</hi> von <hi rend="italic">Detroit</hi> ist am 15. Juni d. J. über Havre nach Rom gereiset. Der hochwürdige Prälat wird seine Rückreise über Wien, München etc., im Anfange k. J. nach Detroit wieder antreten.</p>
         <p>Außer den 7 religiösen kathol. Zeitschriften in englischer Sprache ist endlich auch Eine in deutscher Sprache mit Juli d. J. in Cincinnati in's Leben getreten. Der Herausgeber ist Hr. <hi rend="italic">Henri</hi> in Cincinnati. So erfreulich ein solches Unternehmen ist, wäre dem Herrn Herausgeber sehr zu empfehlen, daß nicht so manche Fehler gegen den Styl und die Orthographie einschliche. Die in den ersten Nummern enthaltenen Aufsätze sind zweckmäßig gewählt; nämlich: die Freiheits-Erklärung von Nord-Amerika, so wie der Hirtenbrief der Bischöfe auf dem in diesem Jahre gehaltenen Provinzial-Concil in <hi rend="italic">Baltimore</hi>. Auch findet man dann mehrere Auszüge aus dem in Augsburg gedruckten Werke: Beiträge zur Kirchengeschichte des neunzehnten Jahrhunderts in Deutschland, so wie endlich Auszüge aus deutschen und hiesigen theologischen Werken, nebst eigenen Aufsätzen. </p>
         <p>Außer der großen Zahl von protest. Sekten hat sich in jüngster Zeit eine neue hier entwickelt. Auf der letzten Synode sind die Presbyterianer so zerfallen, daß die alten die neuen exkommunizirt haben. Auch die Pietisten sind hier im letzten Winter aufgekommen; nur deutsche Protestanten bekennen sich zu ihnen.</p>
         <p>Die im Januar d. J. in Cincinnati zwischen dem Bischof <hi rend="italic">Purcell</hi> und dem Baptisten-Prediger <hi rend="italic">Cambell</hi> auf Herausforderung des Letztern gehaltene öffentliche Debatte, welche 7 Tage in der Methodisten-Kirche täglich 5 Stunden dauerte, und zwar in Gegenwart einer großen Menge Volkes, ist nun im Drucke erschienen, und wäre zu wünschen, daß solche in‘s Deutsche übersetzt würde. Die Sache hat sich vorzüglich für Hrn. Bischof <hi rend="italic">Purcell</hi> gestellt, obgleich nicht geleugnet werden kann, daß Hr. <hi rend="italic">Cambell</hi> ein in den Concilien, in der Kirchengeschichte etc. sehr gewandter Mann ist.</p>
         <p>Man hat endlich Exemplare von <hi rend="italic">Möhler's</hi> Symbolik hier erhalten, und wird dieselbe mit Vergnügen gelesen; so wie man hier allenthalben den katholischen Theologen Deutschlands, — wie auch billig ist — wegen ihrer gründlichen Kenntnisse großes Lob spenden.</p>
         <p>Sichern Nachrichten zufolge, werden in Nordamerika 5 neue Bisthümer errichtet werden, und würde sich die Anzahl dann auf 1 Erzbisthum und 16 Bisthümer stellen.</p>
         <p>Nach dem <hi rend="italic">Catholic Herald</hi>, Philadelphia den 25. Mai d. J., wird die Anzahl der Katholiken wohl etwas zu geringe aus 800,000 angegeben; die ganze Bevölkerung des ungeheuren Staates nur zu 14,612,000. Es ist jedoch nicht dabei bemerkt, ob die in den südlichen Provinzen befindlichen Sklaven, die etwa 2,000,000 betragen, und die in den westlichen herumschweifenden Indianer, die etwa zu 300,000 angeschlagen werden, hierunter sich befinden. Unsres Erachtens sind sie nicht darunter begriffen, da nach andern Zeitschriften die ganze Bevölkerung dieses großen Staates gegenwärtig zu 17,000,000 Seelen angegeben wird.</p>
         <p rend="UKZ 4 12 kursiv">
            <hi rend="italic normalweight">|Sp. 1379|</hi>Schweden.</p>
         <p>Stockholm, 25. Sept. (Aus einem Schreiben des Apostol. Vikars, Hrn. J. L. <hi rend="italic">Studach</hi>, an einen der Herausgeber des unten benannten Blattes):</p>
         <p>„Ein Ereigniß aus dem Festtage, einen bezeichnenden bedeutsamen Augenblick will ich doch diesem Posttage noch mitgeben. Alle, mein geehrter Freund! welche Seher und Meister in geistlichen Dingen und den Geheimnissen des Pastorallebens sind, werden daraus besser, als ich, uns weissagen können. Es gilt zwar die Sache zum Theil mir selbst; aber Alles hat seine Zeit, Schweigen und Reden; und warum sollte ich doch Liebes und Gutes vorenthalten, weil es mir geschehen ist? An unserm Kirchweihtage, nachdem die Einsegnung der Kirche, Hochamt und Predigt vollbracht, die erste überwallende Rührung vorüber, die Thräne der Freude gestillt, die Umarmungen und gegenseitigen Beglückwünschungen der Gemeinde, und ihre Worte des Dankes und der Liebe für alle ihre so nahen und fernen Wohlthäter ein Ende hatten, sollte auch mir ein Freude ohne Gleichen werden. Diese hatte meine Heerde mir im Voraus zugedacht, sie im Stillen, mir unbewußt, bereitet, und diesen Augenblick gewählt, sie sie mir anzuthun. Es geschah in Gegenwart der zur Feier eingeladenen protestantischen Autoritäten der Stadt. Sie hielt eine Rede an mich, worin die lieben Seelen mir sagten, wie arm sie gewesen, und wie reich sie geworden seyen, und damit ich erkennen möge, wie sehr ihre Zukunft ihnen am Herzen liege, und wie sie mich liebten, und mir vertrauten, so hätten sie gethan, was sie glaubten, das mich am meisten davon überzeugen, und freuen würde: sie hätten meinem Beispiele folgen wollen, und übergäben mir nun eine Summe Geldes, die sie unter sich zusammengebracht, doch ja nicht, um mir ein Geschenk zu machen, welcher Gedanke so sie selbst als mich betrüben würde, sondern um sie zu meiner unbedingten Verfügung zu stellen, zur Grundlage irgend eines zu bildenden Fonds, ihres ersten Sparpfennigs, der zu immerwährendem Gedächtniß meinen Namen tragen solle. Sie hätten so gehandelt aus Liebe und Dankbarkeit, und in der Ueberzeugung, beide mir auf keine andere Weise besser zeigen zu können. So sprachen sie, und übermachten mir eine Summe von 1289 fl. 32 kr., zu welcher der im Augenblicke noch gegenwärtige Statthalter von Stockholm, der edle und allgemein geliebte Baron v. <hi rend="italic">Sprengtporten</hi>, gerührt vom feierlichen Momente, seine schöne und doppelt werthe Gabe von hundert schwedischen Thalern fügte. Das Alles kam mir unerwartet, um so mehr, da sich die arme Gemeinde schon zum Kirchbaue nach Kräften angestrengt hatte. In dieser Summe liegt viele Liebe, größere Anstrengung, und ein weit höherer Ernst, als Sie selbst, mein hochw. Freund, und Tausende um Sie her sich vorstellen mögen. Es ist das reiche Scherflein des Armen, der es aus der Wüste und dem Irrsal im Schweiße seines Angesichtes heimgebracht, und sich selbst dazu. Er wird reich werden an Gnade vor Gott und den Menschen. Mir ist das Herz gestohlen; Leib und Leben gäb' ich fröhlich für diese meine Schafe. — Der Herr sey mit Ihnen und Allen, die am heiligen Werke Theil genommen zu Seiner Verherrlichung. Er hat Seine Hand geoffenbaret, und das Elend Seiner Kinder angesehen. Er hat das Herz unserer fernen Brüder zur Liebe in der Noth und zur Eile in der Hilfe geweckt. Er sey ihr Lohn und ihre ewige Vergeltung. Amen !</p>
         <p>
            <hi rend="italic">Stockholm</hi>, den 25. Sept. 1837.</p>
         <p>J. L. <hi rend="italic">Studach</hi>, Vicarius apostolicus.“</p>
         <p rend="UKZ 7 11 zeitschriften">(Bemerker)</p>
         <p rend="UKZ 4 12 kursiv">Belgien.</p>
         <p>‒†‒ <hi rend="italic">Mecheln</hi>. Seit einigen Wochen ist das dem hiesigen Erzbischofe, Prinzen von <hi rend="italic">Méan</hi>, in der St. <hi rend="italic">Rombauts</hi>-Kirche gesetzte Grabdenkmal enthüllt. Der Prälat ist knieend in der Pontifical-Kleidung dargestellt. Ein tiefer Friede, eine resignirte Ruhe, die innere Glückseligkeit des wahren Weisen, des echten Christen auf dem Sterbebette, spricht aus seinen Zügen. Ein vor dem Fürsten stehender Engel scheint ihm die ewige Seligkeit, deren er genießen soll, zu verkündigen. Der Prälat scheint zu Gott, dem Lenker der Schicksale, zu sprechen: Fiat |Sp. 1380| voluntas tua ! — Das Mausoleum trägt überhaupt ein großartiges erhabenes Gepräge, und ist von sehr schöner Arbeit.</p>
         <p rend="UKZ 7 11 zeitschriften">(Journal des Flandres)</p>
         <p>‒†‒ <hi rend="italic">Löwen</hi>. Zur Eröffnung des Cursus der kathol. Universität, welche fast vierhundert immatriculirte Studenten zählt, hielt hier am 4. Okt. in der St. Peterskirche der Abbé <hi rend="italic">de Ram</hi>, Rektor derselben, eine feierliche Messe. Nach Beendigung derselben begab sich die Versammlung in solennem Zuge in das große Auditorium des Papstes, das eine Zeit lang das philosophische Collegium gewesen war. Dort hielt der Vice-Direktor <hi rend="italic">Dekock</hi> eine Rede in französischer Sprache, worin er zu zeigen suchte, wie die von der Universität befolgte Lehrmethode das rechte Mittel sey, die Studien zu befördern und nothwendig von großem Einfluß auf das zukünftige Leben des Zöglinge seyn müsse.</p>
         <p>In den beginnenden Semestern wird der Cursus der theolog, Fakultät Folgender seyn: Hr. <hi rend="italic">Beelen</hi> wird dreimal wöchentlich über die Psalmen die Sprichwörter und den Prediger lesen. Gleichfalls wird er dreimal wöchentlich im Hebräischen, Chaldäischen, Syrischen und Arabischen durch Erklärung einzelner Bruchstücke aus in diesen Sprachen verfaßten Werken, Vorträge halten. Hr. <hi rend="italic">Wouters</hi>, Dekan der Fakultät, wird seine Vorlesungen über die neuere Kirchengeschichte an jedem Sonnabend fortsetzen und an drei anderen Wochentagen, nach einer allgemeinen Einleitung in die Kirchengeschichte, besonders die drei ersten Jahrhunderte durchnehmen. Hr. <hi rend="italic">de Ram</hi> hält wöchentlich zweimal Vorlesungen über das jus publicantum ecclesiasticum. <hi rend="italic">Verhoeven</hi>, Sekretär der Fakultät, erklärt viermal wöchentlich das dritte Buch der Dekretalen. Hr. <hi rend="italic">Malou</hi> legt zweimal wöchentlich die Abhandlung über die Dreieinigkeit aus; und Hr. <hi rend="italic">Verkest</hi>, Präsident des theologischen Kollegiums, wird viermal die Woche von den Sakramenten der Priesterweihe und der Ehe handeln. Zwei Pädagogien sind unter der Universität eingerichtet; das Collegium des Papstes <hi rend="italic">Adrian IV</hi>. für die Philosophie Studiren-und das <hi rend="italic">Maria Theresia</hi> für die Mediziner.</p>
         <p>‒†‒ <hi rend="italic">Gent</hi>. Die belgischen Jesuiten werden ihr Noviciat in die alte Prämonstratenser Abtei nach Tronchiennes in hiesiger Nachbarschaft verlegen. Die Gebäude sind wieder ausgebessert und für ihre neue Bestimmung eingerichtet. Der Ort sagt übrigens völlig einem einsamen, zurückgezogenen Leben zu.</p>
         <p rend="UKZ 7 11 zeitschriften">(A. d. l. R.)</p>
         <p>‒†‒ Der Clerus des <hi rend="italic">Pays de Waes</hi> fährt mit lobenswerther Ausdauer fort, das Aufblühen der Schulen zu befördern. Im Allgemeinen zeichnen sich die beiden Diöcesen Gent und <hi rend="italic">Brügge</hi> in Beförderung der Ausbreitung nützlicher Kenntnisse in den niederen Volksklassen aus. In den Distrikten von St. <hi rend="italic">Nicolas</hi> und <hi rend="italic">Lokeren</hi> folgen seit einem Monate die Preisvertheilungen rasch auf einander; fast zwei bis drei wöchentlich. Die Geistlichkeit aus der Nachbarschaft kommt zusammen, der Dekan des Distrikts führt den Vorsitz und theilt die Preise aus, die gewöhnlich in Kleidungsstücken bestehen und einer oder der andere der Geistlichen hält dabei eine Rede, um die Mitglieder des Kirchspiels zur Mitwirkung an dem guten Werke der besseren moralischen Erziehung der Jugend zu ermuntern. </p>
         <p rend="UKZ 7 11 zeitschriften">(Univers)</p>
         <p>‒†‒ Die Congregation der Brüder vom heil. <hi rend="italic">Joseph</hi>, die sich dem Unterrichte widmet, hat gegenwärtig vier Häuser, zu <hi rend="italic">Grammont, Roboorts, Halle</hi> und <hi rend="italic">Melle</hi>. Das Institut verdankt seine Entstehung dem hiesigen Kanonikus <hi rend="italic">van Crombrugghe</hi>. Während der Ferien kommen die Mitglieder irgendwo zusammen, um sich zu ihrem Berufe aufzumuntern. In diesem Jahre versammelten sie sich zu <hi rend="italic">Grammont</hi>, unter dem Vorsitz ihres würdigen Stifters.</p>
         <p>‒†‒ Die belgischen Journale schildern den Gesundheitszustand des hiesigen Bischofs <hi rend="italic">Jean Francois van de Belde</hi> als sehr bedenklich. Den Prälaten hat zu wiederholten Malen der Schlag gerührt, so daß er den Gebrauch der Sprache verloren. Er empfängt Niemand mehr. Seine General-Vicare verwalten die Diöcese. Er ist noch nicht alt, denn er wurde am 8. Sept. 1779 geboren und 1829 zum Bischof von Gent befördert.</p>
         <p rend="UKZ 7 11 zeitschriften">(A. d. I. R.)</p>
         <p>‒†‒ <hi rend="italic">Lüttich</hi>. Der <hi rend="italic">Helsensche</hi> Cultus macht in Belgien kein besseres Glück, als der<hi rend="italic"> Chatel'</hi>sche zu Paris. Da <hi rend="italic">Helsen</hi> nicht den Miethzins von 1200 Fr. für sein Gotteshaus bezahlen konnte, so mußte er es unter eine Wagenremise vor dem Schaerbeeker-Thore verlegen. Da der Reiz der Neuheit aber |Sp. 1381| vorüber war, so blieben ihm seit mehreren Monaten nur ein Dutzend ausharrender Anhänger übrig. Leicht ist zu erkennen, daß die Toleranz mehr noch, als die Verfolgung solchen Verirrungen entgegen wirkt. </p>
         <p rend="UKZ 7 11 zeitschriften">(Cour. d. l. Meuse)</p>
         <p>‒†‒ <hi rend="italic">Coursel in der Campine</hi> (Diözese Lüttich). Die hiesige Kirche war mit einem Theile des Dorfes abgebrannt, ist aber, Dank den Beisteuern der Gläubigen, welche auf die durch die religiösen Zeitschriften ergangenen Aufforderungen einliefen, fast wieder hergestellt; nur das Innere ist noch auszubauen.</p>
         <p rend="UKZ 7 11 zeitschriften">(A. d. l. R.)</p>
         <p>‒†‒ <hi rend="italic">Cambrai</hi>. Die hier seit vier Jahren begründete katholische Bibliothek vermehrt sich Jahr für Jahr. Im ersten fanden nur 700 bis 800 Vertheilungen Statt, im zweiten über 10,000 und im vorigen Jahre (1836) stiegen sie auf 23,500; im laufenden Jahre glaubt man mit Grund, sie sich auf 30,000 erheben zu sehen. Die verliehenen Bücher sind für allerlei Personen gegeignet. Diejenigen u. a., welche die Pfarrer erhalten, laufen fast im ganzen Kirchspiele um. Die Pfarrer und Lehrer der vierzig Gemeinden haben nach dem Bericht des Kanonikus <hi rend="italic">Bonce</hi>, vom Anfang d. J., besondere Aufforderungen zum Beitritt ergehen lassen. Bei der Eröffnung am 1. Mai 1834 waren nur 300 Bände vorhanden, am Schluß des Jahres schon 790; 1835 dagegen 2500; Ausgangs 1836 aber 3200, und man nimmt an, daß die Zahl derselben sich gegenwärtig auf 4000 belaufe. Ueberall hat man eine sorgfältige Auswahl getroffen, sowohl in Bezug auf Belehrung als Unterhaltung, daher die Teilnahme natürlich sehr lebhaft geworden ist.</p>
         <p>‒†‒ <hi rend="italic">Mons</hi>, im Oktober. Die königl. Commission der Monumente befindet sich gegenwärtig hier, um die zum Bau der großen gothischen Treppe zu der schönen Kathedralkirche von St. <hi rend="italic">Waudru</hi> erforderlichen Arbeiten zu veranschlagen. </p>
         <p rend="UKZ 7 11 zeitschriften">(Univers)</p>
         <p>‒†‒ <hi rend="italic">Saint-Trond</hi>. Hier fürchtet man durchaus nichts vom Einflusse der Geistlichkeit auf die Erziehung der Jugend. Im Gegentheil hatten die Einwohner der Stadt längst gewünscht, Geistliche möchten in dem Kollegium Unterricht ertheilen. Auf Ansuchen der Regenz an den Bischof von <hi rend="italic">Lüttich</hi> hat dieser Prälat zwei Professoren des kleinen Seminars von <hi rend="italic">Rolduc</hi>, <hi rend="italic">Demal</hi> und <hi rend="italic">Boelen</hi>, hergesendet. Ersterer ist zum Vorsteher des Collegiums ernannt und hielt am 5. Oktober eine feierliche Messe in der Großen Kirche, welcher sämmtliche Zöglinge beiwohnten. Die Predigt hielt der Pfarrer, welcher mit der neuen Einrichtung sehr zufrieden ist. Uebrigens hofft man, das Kollegium werde unter der neuen Leitung aufblühen.</p>
         <p>‒†‒ <hi rend="italic">Charleroi</hi> in der Diözese <hi rend="italic">Tournai</hi>. Ein protestantischer Soldat, Abraham <hi rend="italic">Kruller</hi>, ein Holländer von Geburt, und Caroline <hi rend="italic">Arent</hi>, eine Hannoveranerinn, haben neulich hier in die Hände des Hrn. Stadt-Pfarr-Dekan <hi rend="italic">Raoult</hi> ihre Irrthümer abgeschworen. Sie waren von dem Vikar Almosenier <hi rend="italic">van Gaersdaele</hi> unterrichtet worden. Beide Neubekehrte bewähren durch ihre Aufführung vollkommen den von ihnen gethanen Schritt. </p>
         <p rend="UKZ 7 11 zeitschriften">(Ami de la Religion)</p>
         <p rend="UKZ 4 12 kursiv">Türkei.</p>
         <p>
            <hi rend="italic">Konstantinopel</hi>, 27. Sept.. Großen Skandal erregte in Pera der Uebertritt eines Archidiacon (des ersten Geistlichen nach dem griech. Bischofe und dessen Stellvertreters), des (schismat.-griech.) Metropoliten von <hi rend="italic">Ephesus</hi> zum Islamismus. Er war von der Pest im Hotel des Prälaten ergriffen, der Obsorge einer armen griechischen Familie anvertraut und hatte sich nach seiner Genesung in eine schöne Griechinn verliebt, so daß öffentliches Aergerniß hierüber entstand. Der Patriarch ließ den Diaconus festnehmen, allein er fand Mittel, einigen türkischen Großen mitzutheilen, daß er sich in Haft befinde, weil er zum Islam überzutreten wünsche. Die Pforte schritt sogleich ein. Der Geistliche wurde reklamirt, und trat mit seiner Geliebten öffentlich zum Islam über. Die ganze griechische Gemeinde ist in Verzweiflung über dieses Aergerniß, welches der griechischen Geistlichkeit einen so schweren Stoß versetzt. </p>
         <p rend="UKZ 7 11 zeitschriften">(Großhzgl. Hess. Ztg.) <lb/>|Sp. 1382|</p>
         </div>
         <div type="ta">
         <head> Theologische Akademie.</head>
         
         <div type="tais">
         <head>Israelitische Abtheilung.</head>
         <p><title><hi rend="bold">* Erstes Prologomenon zu einer künftigen Dogmatik und Sittenlehre für Israeliten.</hi></title>
            
         </p>
         <p>
            <hi rend="bold">Von Dr. S. </hi>
            <hi rend="italic bold">Scheyer </hi>
            <hi rend="bold">in Frankfurt am Main.</hi>
         </p>
         <p>(Schluß.)</p>
         <p>Die Mischnah (Tractat Sanhedrin S. 90a) rechnet folgende, die<note place="foot" xml:id="ftn1" n="1">
               <p rend="UKZ 8 fussnote"> Siehe oben Anmerkung 1.</p>
            </note> keinen Antheil an der zukünftigen Welt haben. Wer behauptet die Auferstehung der Todten sey nicht im schriftlichen Gesetze begründet (אין תהית המתים מן התורה) oder das Gesetz sey nicht von Gott gegeben (אין תורה מן השמים) ferner ein Anhänger Epikur's. </p>
         <p>Unstreitig sind תהיית המתים und עולם הבא wie aus Traktat Sanhedrin I. c. a. und b. und vielen andern Stellen hervorgeht, identische Begriffe, wiewohl die Begriffe selbst noch viel Dunkelheit enthalten, und daher sowie der Begriff <hi rend="UKZ_Hebr">לעתיד לבוא </hi>von den spätern Rabbinen auf mannigfache Weise erklärt wurden (Ef. Ikarim 4,31).</p>
         <p>Im Allgemeinen versteht daher die Mischnah unter <hi rend="UKZ_Hebr">תהיית המתים </hi>unfern Zustand jenseits, dessen größere oder geringere Seligkeit von der in diesem Leben errungenen Vollkommenheit abhängig ist.</p>
         <p>In dem Ausdruck <hi rend="UKZ_Hebr">תהיית המתים </hi>ist auch (Ef. l.c. 99a) das mündliche Gesetz eingeschlossen, insofern nach der Ansicht der Mischna mit der Verwerfung einer mündlichen Offenbarung, ohne welche das schriftliche Gesetz uns ein verschlossenes Buch ist, auch die Göttlichkeit des Gesetzes überhaupt geläugnet wird Ef. Traktat Schabboth 31a <hi rend="UKZ_Hebr">מעשה בוכרי וכו ושבעפ איני מאמינך. </hi>Dagegen ist das Wort <hi rend="UKZ_Hebr">תורח</hi> in <hi rend="UKZ_Hebr">אין החית המתים מן התורה </hi>nur von dem schriftlichen Gesetze, und zwar von dem Pentateuch zu verstehen, wie nicht nur aus dem Talmud erhellet und Raschi richtig bemerkt, sondern auch im Worte selbst liegt. <hi rend="UKZ_Hebr">אפיקורס</hi> bedeutet ohne Zweifel in der Mischna einen Anhänger Epikur's, der die Weltbildung aus einer zufälligen Berührung der Atomen erklärt, und Gott, dessen Daseyn er nicht bestreitet, allen Einfluß auf die menschlichen Angelegenheiten abspricht. (Ef. Sanhedrin 99b und Ikarim 1,10).</p>
         <p>Die Mischna befolgt bei der Aufstellung dieser drei Fälle, die von ihr oft gebrauchte Methode, nach welcher der zweite Fall sich aus dem ersten und der dritte aus dem zweiten von selbst versteht<note place="foot" xml:id="ftn2" n="2">
               <p rend="UKZ 8 fussnote">
                  <seg> </seg>
                  <hi rend="UKZ_Hebr">זו ואין צריך לומר זו קתני</hi>
               </p>
            </note>. Alle drei Fälle nämlich haben das Gemeinschaftliche daß die Personen, welche sich in denselben befinden, die Göttlichkeit des Gesetzes läugnen, und dieß ist der eigentliche Grund, warum ihnen der Antheil an dem ewigen Leben abgesprochen wird.</p>
         <p>Zwar nur im zweiten Falle behauptet man ausdrücklich, das Gesetz sey nicht von Gott gegeben. Allein der Anhänger der epikuräischen Philosophie, welcher die Vorsehung Gottes läugnet, ist er nicht mit weit mehr Entschiedenheit Läugner der Göttlichkeit der mosaischen Religion? Ein solcher ist aber auch nach der Mischna derjenige, welcher behauptet, die Auferstehung sey nicht im schriftlichen Gesetze begründet.</p>
         <p>Sie geht hierbei von dem richtigen Grundsatze aus, daß der Glaube an ein Jenseits, wo der höchste Richter die Thaten der Menschen mit der Wage der Gerechtigkeit wiegt, und die Dissonanzen dieser Welt in Harmonie auflößt, ein zu einem wahrhaft sittlichen und gottgefälligen Leben unabweisbares Bedürfniß sey, und daß anderseits eine Religion, welche nicht alle Lehren in sich fasset, von welcher der Mensch, um nach dem Willen Gottes zu leben, durchdrungen seyn muß, keineswegs den Charakter der Göttlichkeit an sich trage, vielmehr durch diese Unvollkommenheit unverkennbare Spuren eines menschlichen Ursprunges verrathe (siehe Ikarim a. a. O.) Wer daher die Auferstehung der Todten |Sp. 1383 | als nicht im schriftlichen Gesetze begründet betrachtet, läugnet<note place="foot" xml:id="ftn3" n="3">
               <p rend="UKZ 8 fussnote"> Die Worte Raschi's im Kommentar zur Mischna: <hi rend="UKZ_Hebr">מה לו ולאמונתו וכי מהיכן הוא ירע שכן חוא </hi>sind daher nicht ganz angemessen.</p>
            </note> wenn er auch persönlich von der Wahrheit dieses Dogma's überzeugt ist, die Göttlichkeit der mosaischen Religion, welche bei dem Gebrechen, mit welchem dieselbe seiner Meynung nach behaftet ist, nicht ein Werk der göttlichen Weisheit seyn könne.</p>
         <p>Wir sehen hier deutlich, wie nach der Mischna die Lehre von der Auferstehung, wenn sie wirklich der mosaischen Religion angehört, in dem schriftlichen Gesetz und zwar, wie sich nach einer früheren Bemerkung von selbst versteht, in den Büchern Moses begründet seyn müsse. Daß diese Lehre eine Halacha an Moses gewesen seyn sollte, kam den Rabbinen nie in den Sinn. Wie aber die Auferstehung keine Halacha an Moses war, so läßt sich zugleich aus der Mischna schließen, daß überhaupt die Vorstellung, welche sich die Rabbinen von unsrer geoffenbarten Religion bildeten, mit der Annahme theoretischer Halachoth an Moses unvereinbar war. Denn wie könnte sonst die Behauptung, das Auferstehen der Toden sey nicht im Gesetze begründet, als einen Beweis für die Läugnung der Göttlichkeit der mosaischen Religion gelten? Wer dieß behauptet könnte doch, wiewohl irrig, diese Lehre als eine Halacha an Moses und somit auch die Göttlichkeit der mosaischen Religion ankennen.<note place="foot" xml:id="ftn4" n="4">
               <p rend="UKZ 8 fussnote"> Auch das Dogma vom Messias, wie man auch dasselbe auffassen mag (Ef. <hi rend="italic">Johlsohn's</hi> L. d. m. Religion S. 46), wurde von den Rabbinen weder als eine ursprüngliche Lehre der Propheten, noch als eine Halacha an Moses, sondern als in den Büchern Mosis selbst begründet, betrachtet, wie Maimonides Hilchoth Melochim 11,1 ausdrücklich sagt, und aus den Midraschim erhellet. Ef. besonders <hi rend="UKZ_Hebr">מדרש רבה פ ואתהנן </hi>S. 252 über den Vers <hi rend="UKZ_Hebr">בצר לך וכו</hi> Albo dagegen stellt (Ikarim 4,42) andere Ansichten auf.</p>
            </note> Es muß also nothwendig ein in dem Religionssystem der Rabbinen allgemein anerkanntes Axion gewesen seyn, daß Gott keine theoretische Halachoth an Moses offenbart habe.</p>
         <p>Dasselbe gilt aber auch von den sittlichen Geboten. Ohne uns auf ihre Analogie mit den theoretischen Lehren zu berufen, glauben wir in der bedeutungsvollen Äußerung Hillel's<note place="foot" xml:id="ftn5" n="5">
               <p rend="UKZ 8 fussnote"> Schabbath 31a.</p>
            </note> „was Dir nicht angenehm ist, das thue auch Deinem Nächsten nicht,“ das ist das ganze Gesetz, das Uebrige ist nur Auslegung, einen ausdrücklichen Beleg zu finden. Es spricht sich nämlich in dieser Aeußerung der Grundsatz Hillel's aus, daß Liebe das Prinzip unserer Pflichten (nicht das Prinzip der mosaischen Religion) bilde, daß alle uns von der mosaischen Religion aufgelegten Pflichten gegen Andere von dem Geiste der Liebe durchdrungen, und nur eine durch spezielle Fälle versinlichende<note place="foot" xml:id="ftn6" n="6">
               <p rend="UKZ 8 fussnote"> † Ef. Commentar des Maimonides zu Peah Kap. 1,1 sub. fine.</p>
            </note> Erläuterung des großen Themas seyen. „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“ (3. B. Mos. 19,18). Nothwendig ergibt sich hieraus die Unmöglichkeit der Existenz sittlicher Halachoth wenigstens solcher, welche die Pflichten gegen die menschliche Gesellschaft betreffen. Denn solche Halachoth könnten weder das Prinzip, noch einzeln das Prinzip erläuternde sittliche „Gebote enthalten. Das Prinzip nicht, weil schon die h. Schrift dasselbe darstellt, und weil es keine zwei Prinzipien gibt, aber auch einzelne sittliche Gebote nicht, weil diese, welche sich durch reifliches Nachdenken aus dem Prinzip ableiten lassen, unmöglich den Gegenstand der Halachoth ausmachen, deren Charakter eben darin besteht, daß sie nicht aus der Schrift ableitbar sind und darum einer besondern Ueberlieferung bedürfen.</p>
         <p>Es gibt daher nach Hillel keine sittliche<note place="foot" xml:id="ftn7" n="7">
               <p rend="UKZ 8 fussnote"> †† Der Begriff Sittlichkeit ist zwar ein höherer, als der der Pflicht, und der Beweis der für einen Theil des Umfanges gilt, gilt nicht für den ganzen. Aber der Mangel der mathematischen Strenge des Beweises, wird durch das folgende ergänzt.</p>
            </note> Halachoth.</p>
         <p>Es bleibt uns nun übrig nachzuweisen, daß auch die überlieferte philologische Auslegung sich nur auf das Positive der mosaischen Gesetzgebung und nicht auf deren theoretische und sittliche Wahrheiten bezog. Wenn auch das Feld der philologischen Auslegung nicht wissenschaftlich bearbeitet ist, und auf dem Gesichtspunkte, aus welchem die Rabbinen dieselbe betrachten, bis jetzt noch eine ägyptische Finsterniß ruht; so scheint doch der Grundsatz fest zustehen , daß nach den Rabbinen jede der natürlichen Auffassung |Sp. 1384| sich nicht unmittelbar darbietende philologische Auslegung überliefert ist, d. h. nicht erst mit Hilfe der traditionellen Dialektik ermittelt zu werden braucht. Aus dem Festhalten an diesen Grundsatz, dessen Richtigkeit wir sogleich erörtern, erwächst uns erst die Nothwendigkeit, auch in Beziehung auf die philologische Auslegung den charakteristischen Unterschied zwischen dem Positiven und dem Nichtpositiven nachzuweisen. Denn nähmen wir an, die philologische Auslegung wäre nicht durch die Tradition gegeben, sondern erst dialektisch zu gewinnen; so bedurfte es dieser Nachweisung nicht, weil wir uns schon von der nothwendigen Einschränkung der überlieferten Dialektik auf das Positive hinlänglich überzeugt haben, und also nicht nochmals besonders von der Nichtexistenz einer dialektischen philologischen Auslegung der die religiösen und sittlichen Wahrheiten enthaltenden Stellen der Bücher Moses zu reden brauchten. Wir glauben aber, daß nach den Rabbinen die philologische Auslegung überliefert ist, wodurch jene Nachweisung nöthig wird. Wollte man nämlich das Gegentheil behaupten, d. h. die philologische Auslegung, die nicht überliefert wäre, bedürfte erst nach den Rabbinen einer dialektischen Begründung; so würde man zwar die buchstäbliche Auffassung unzähliger talmudischer Stellen (Ef. z.B. die oben angeführten Baba Kama 83-84, Joma 74b und Sukka 35 a) für sich haben, dagegen auch in ein Labyrinth von Verwickelungen gerathen, aus welchem der Leitstern der Wissenschaft nicht mehr herauszuführen vermöchte.</p>
         <p>Für unsern gegenwärtigen Zweck genügt schon das Unvernünftige und daher das Unhaltbare dieser Annahme hervorzuholen. Läßt es sich denken, daß die Worte der Schrift (2 B. M. 21,24) „Auge um Auge, Zahn um Zahn etc.“ wenn wirklich der buchstäbliche Sinn nicht der richtige, sondern Geldentschädigung darunter verstanden ist, von dem göttlichen Gesetzgeber nicht ausdrücklich in der Tradition erklärt wurden ? Einen so wichtigen Punkt der Jurisprudenz, der die Grundlage der Strafgesetzgebung bildet, und an welchen die höchsten Interessen der bürgerlichen Gesellschaft geknüpft sind, sollte er nicht deutlich angeben, und es vorziehen dessen Auslegung der Diskussion einer dem Irrthum vielfach unterworfenen geistlichen Behörde anzuvertrauen ?</p>
         <p>Es ist dies durchaus nicht zu vergleichen, mit jenen Fällen, welche nicht ausdrücklich im Gesetze vorkommen, und bei welchen allerdings die Diskussion der Richter oft über Vermögen, Freiheit, Leben und Tod entschied. Hier war das Vertrauen auf die Weisheit und unparteiische Gerechtigkeitsliebe der Richter nothwendig, weil das schriftliche Gesetz nebst den Halachoth nicht alle im Reiche der Möglichkeit denkbaren Streitsachen und Criminalfälle in sich fassen konnte. Aber aus welchem Grunde sollte eine wegen ihrer Wichtigkeit im schriftlichen Gesetze selbst enthaltene Rechtsbestimmung nicht wenigstens in der Tradition so deutlich erklärt werden, daß über ihren Sinn keinen Zweifel obwalten kann ?</p>
         <p>Auch die von uns angeführte traditionelle Erklärung der Worte der Schrift 3 B. M. 24,40 <hi rend="UKZ_Hebr">פרי עץ הדר</hi> bildet ein anschauliches Belege für die nothwendige Annahme, daß die philologische Auslegung überliefert ist, weil man wohl die talmudischen Beweise (Trakt. Sukka, 35a) für die traditionelle Interpretation nicht plausibel nennen, und daher jeder Vernünftige zugestehen wird, daß letztere, wenn sie wirklich Wahrheit enthält<note place="foot" xml:id="ftn8" n="8">
               <p rend="UKZ 8 fussnote"> Auch Maimonides in der Einleitung zu seinem Mischna-Commentar hält die philologische Auslegung für überliefert, nur fügt er hinzu <hi rend="UKZ_Hebr">ויש לו רמז ג''כ במקרא </hi>Durch diesen Zusatz will er, wie es scheint, theils die oft vorkommenden talmudischen Erörterungen über die philologische Auslegung erklärlich machen, theils seinen Grundsatz <hi rend="UKZ_Hebr">דברי קבלה אין בו מחלוקת</hi> rechtfertigen. Beiden Schwierigkeiten wird aber hierdurch nicht genügend abgeholfen, Ef. auch Ikarim 3, 23. — Besonders zu berücksichtigen ist Traktat Sanhedrin 52 b <hi rend="UKZ_Hebr"> ר' יזנתן אומר כל מיתה האמורה בתורה סתם אינה אלא חנק</hi>welche Interpretation nach Raschi zwar dialektisch gefunden, nach Maimonides aber traditionell ist. Denn ausdrücklich bemerkt er (Hilchoth Sanhedrin 14, 1) <hi rend="UKZ_Hebr">זמפי משה רבינו למדו שכל מיתה האמורה בתורה סתם היא חנק</hi>.</p>
            </note> überliefert seyn muß ?</p>
         <p>Zur Begründung unfter Ansicht, nach welcher die überlieferte |Sp. 1385| philologische Auslegung sich nicht über Stellen des Pentateuch erstreckt, die theoretische und sittliche Wahrheiten betreffen, führen wir über mehrere solcher Stellen, die rabbinischen Auslegungen an, welche wiewohl wir hier keine erschöpfende systematische Angabe aller Arten der rabbinischen Exegese beabsichtigen, zu unserm Zwecke vollkommen hinreichen. Von der agadischen Exegese zu reden, wäre überflüssig, weil jeder weiß, daß dieselbe nichts Anders als eine freie, subjektive, willkührliche Entwickelung der Schrift ist, und von den Rabbinen nie als Tradition ausgegeben wurde. Aber derselbe Charakter der Subjektivität und also der Nichttradition ist auch bemerkbar an der gesammten rabbinischen Exegese, welche das Nichtpositive der mosaischen Gesetzgebung angeht. Diese Exegese ist von mannigfaltiger Art. Zuweilen ist sie eine bloße lingustische Erklärung der Worte der Schrift z.B. Traktat Joma S. 23a über 3 B. M. 19,18 לא תקום ולא תטור איזו נקימה ואיזו היא <hi rend="UKZ_Hebr">נטירה וכו  </hi>Ebenso Keduschin 31a,<hi rend="UKZ_Hebr"> תניא רבי אומר גלוי וידוע לפני מי שאמר, והיה העולם וכו </hi>desgleichen ibid. 31b über 2 B. Moses 20,12 <hi rend="UKZ_Hebr">כבד את אביך ואת אמך </hi>und 3 B. M. 19,3 <hi rend="UKZ_Hebr">איש אמו ואביו תיראו איזהו מורא ואיזהו כבוד וכו </hi>.</p>
         <p>Diese linguistische Erklärung gründet sich aber, nicht immer, wie in vorstehenden Beispielen auf das bloße sprachliche Studium des Pentateuch, sondern mehr auf ein durch Nachdenken gewonnenes Resultat über die Bedeutung der betreffenden mosaischen Bestimmung. Da z. B. aus der Natur und aus dem Wesen der Versöhnungslehre hervorgeht, daß die Bekehrung am Bußtage nur die gegen Gott, aber nicht die gegen Menschen begangenen Verschuldungen söhnt; so bemüht sich Rabbi Elieser ben Asariah eine Stelle im Pentateuch ausfindig zu machen, aus welcher auf eine ungezwungene Weise diese treffliche Lehre abzuleiten ist, Ef. Traktat Joma S. 85b<hi rend="UKZ_Hebr"> דרש ר' אליעזר בן עזריה מכל הטאתיכם לפני ה' תטהרו</hi>
            <note place="foot" xml:id="ftn9" n="9">
               <p rend="UKZ 8 fussnote"> Durch das beifallswürdige Streben des Hrn. Johlsohn nach Identität seiner Uebersetzung mit dem Original, läßt sich 3 B. Mos. 16, 30 wie aus diesem so auch aus jener die Lehren des R. Elieser herleiten. Ef. meine Rezension dieses Bibelwerkes Sulamith 6. Jahrg. S. 185. Ueber den oft mißverstandenen Begriff: עבירות שבינ אדם למקום siehe Mose 3, 35. sub sine.</p>
            </note>
            <hi rend="UKZ_Hebr"> וכו.</hi> Dieses Bestreben gelingt jedoch nicht immer und die linguistische Erklärung legt nicht selten mehr in die Worte der Schrift hinein, als eine unbefangene Auffassung darin findet, was auch gar nichts schadet, da nicht alle denkbaren, theoretischen und sittlichen Wahrheiten in der Schrift ausdrücklich zu stehen brauchen. Z. B. Unterricht in der Religion zu ertheilen, wird in dem Buche Moses nur dem Vater oder dem Großvater zur Pflicht gemacht (2 B. M. 12,26. 13,14. 5 B. M. 4,9. 6,6).</p>
         <p>Die Rabbinen überzeugten sich aber, daß bei dem Geiste der Liebe, welcher die mosaische Gesetzgebung durchdringt (3 B. M. 19,18) die Pflicht der Unterrichtsertheilung sich auf alle Menschen erstrecken müsse, und daß die Schrift des Vaters nur deßwegen Erwähnung thut, weil es diesem besonders obliegt, die Wohlthätigkeit der religiösen Belehrung seinem Sohne angedeihen zu lassen. Deßhalb bemerkt Siphri über 5 B. Moses 6,6. <hi rend="UKZ_Hebr">(ושננתם לבניך) לבניך אלו תלמידיך וכן אתה מוצא בכל מקום שהתלמידים קרויים בנים שנאמר בנים אתם לה אלהיכם ואומר ויצאו בני הנביאים וכי בני הנביאים היו והלא תלמידים היו אלא מכאן לתלמידים שקרויים בנים</hi> hiermit zu vergleichen Traktat Baba Bathra Seite 21a <hi rend="UKZ_Hebr">ברם זכור אותו האיש לטוב וכו</hi>.</p>
         <p>In den vorigen Beispielen beschränkte sich die rabbinische Exegese auf die linguistische Erklärung; zuweilen vermittelt sie aber neue Entwickelungen, die nicht unmittelbar den Worten der Schrift zu entnehmen sind. Traktat Joma S. 39a über 3 B. Moses 19,7. „Haltet Euch heilig so werdet Ihr heilig seyn.“<hi rend="UKZ_Hebr"> והתקדשתם והיתם קדושים, אדם מקדש עצמו מעט מקדשין אותו הרבה מלמטה מקדשין אותו וכו</hi>.Ef. <hi rend="UKZ_Hebr">הבא לטהר מסייעין אותו</hi>. Ebenso ibid. S. 86a über 5 B. M. 5,5. <hi rend="UKZ_Hebr">ואהבת את ה' אלהיך שיהא שם שמים מתאהב על ידך שיהא קורא ושונה ומשמש תלמידי חכמים ויהא משאו ומתנו וכו |Sp. </hi>1386| Deßgleichen Taanith 11a über 5 B. M. 32,4 אל אמונה <hi rend="UKZ_Hebr">ואין עול כשם שפורעין מן הרשעי וכו.</hi>
         </p>
         <p>Der Darstellung dieser entwickelten Lehren geht auch oft der begründende Beweis voran, was eine neue Bestätigung unsrer Meinung von der Subjektivität der rabbinischen Exegese bietet. Z. B. Traktat Kiduschin 39b über 5 B. M. 5,16 <hi rend="UKZ_Hebr">למען יאריכון ימיך ולמען ייטב לך </hi>Und über 5 B. M. 22,7 <hi rend="UKZ_Hebr">למען ייטב לך והארכת ימים ר' יעקוב אומר אין לך כל מצוה ומצוה שהתובה בתורה שמתן שכרה בצדה שאין תחית המתים תלויה בה בכבוד אב ואם כתיב וכו' הרי שאמר לו אביו וכו אלא למען ייטב לך לעולם שכולו טוכ ולמען יאריכון ימיך לעולם שכולו ארוך. </hi>
         </p>
         <p>Die vorstehenden Untersuchungen haben uns nunmehr die Ueberzeugung gewonnen, daß das überlieferte dialektische System sich nur auf das Positive bezog, daß die Tradition keine theoretischen und sittlichen Halachoth enthielt, daß die überlieferte philologische Auslegung sich nur auf solche Stellen des Pentateuchs einschränkt, welche positive Verordnungen enthalten. Wie früher, aus der Bedeutung der Tradition, so ergibt sich nun auch für jeden Unbefangenen aus der Beschaffenheit derselben, und zwar mit dem höchsten Grade von Evidenz, die Wahrheit der Ansicht, daß die gesammte mündliche Ueberlieferung keine andere Aufgabe hatte, als die Erläuterung und Ergänzung der positiven Verordnungen, daß hingegen die rein vernünftigen Lehren und Gebote des Pentateuch weder einer überlieferten Erläuterung noch Ergänzung bedurften, da das redliche Forschen in der Schrift das wahre Verständniß entdecken, und alle zur zeitlichen und ewigen Glückseligkeit nothwendigen Erkenntnisse des Menschen zu entwickeln vermag.</p>
         <p>Diese Ansicht findet auch ihre Bewährung durch die nicht-pentateuchischen heiligen Schriften. Nach einem oben aufgestellten Grundsatze nämlich, kann die Summe unserer geoffenbarten religiösen und sittlichen Lehren aus dem Studium dieser Schriften keine eigentliche Bereicherung gewinnen, weil selbst die Propheten nicht die Befugniß hatten, die Gebote Gottes zu vermehren oder zu vermindern. Wir dürfen aber noch weiter gehen, und behaupten, daß in diesen Schriften, und namentlich in den Schriften der Propheten, überhaupt keine neuen in der mit Moses geschlossenen offenbarten Religion nicht enthaltenen, theoretischen und moralischen Wahrheiten sich vorfinden können. Denn wenn, wie Niemand bezweifelt, der Mittelpunkt der geistigen Thätigkeit der Propheten bestand in der Befestigung der mosaischen Religion und der Verbreitung der offenbarten Lehren unter alle Mitglieder des religiösen Verbandes; so ist auch zuverläßig gewiß, daß sie nur den Urkunden der mosaischen Religion den Stoff zu ihren Reden an das Volk und dessen Machthaber entnehmen, daß sie nur die Lehren und Gebote Mosis zum Bewußtseyn der Nation bringen, daß sie also keineswegs durch die Lehren menschlicher Weisheit, durch die Satzungen fremder Völker oder einer neuen Religion ihre Zeitgenossen für das Göttliche gewinnen durften.<note place="foot" xml:id="ftn10" n="10">
               <p rend="UKZ 8 fussnote"> Noch der letzte der Propheten rief dem Volke zu: (Maleachi 3,23) זכרו תורת משה עבדי Ef. Jesode Thora 9,2.</p>
            </note>
         </p>
         <p>Kommen aber nicht offenbar in den Reden der Propheten religiöse und sittliche Ideen vor, welche in den Büchern Mosis nicht ausdrücklich stehen? Wie läßt sich dieses erklären? Aus welcher Quelle schöpften die Propheten ihre großartigen Ansichten über die höhern Angelegenheiten des Menschen ? War es etwa die Tradition, welche sie benutzten ? O, gewiß nicht! Wer vermöchte in ihren Reden, welche der Entwickelung religiöser und sittlicher Wahrheiten gewidmet waren<note place="foot" xml:id="ftn11" n="11">
               <p rend="UKZ 8 fussnote"> Noch dem Talmud (Moed Katon 5 a) soll zwar in eine Rede des Propheten Hesekiel (Hesekiel 44,9) eine Halacha an Moses aufgenommen seyn; aber diese Rede ist auch ganz positiven Inhalts.</p>
            </note> von Dialektik, von Halachoth, von überlieferter, philologischer Auslegung auch nur eine Spur nachzuweisen?</p>
         <p>Aber diese Frage löset sich befriedigend durch unsere Voraussetzung, daß die rein vernünftigen Lehren der mosaischen Gesetzgebung keine Tradition hatten, und die Erklärung, Entwickelung und die Anordnung derselben auf die mannichfachen Verhältnisse und Zustände des Lebens dem Forschen und Nachdenken der Israeliten von Gott überlassen blieb. Die Propheten thaten dem-|Sp. 1387| nach, abgesehen von der eigenthümlichen Beschaffenheit ihres Seelenzustandes, durch welchen sie sich von den übrigen Menschen auszeichneten, weiter nichts, als daß sie die Lehren und Wahrheiten, welche der Pentateuch enthält, entwickelten und für ihre Zeit benutzten. Sie erfaßten das schriftliche, offenbarte Wort in seiner natürlichen Reinheit und Einfalt, wie es heutzutage noch jeder in sich aufnehmen wird, der mit heiligem Gemüth zu seiner Belehrung und Erbauung in dem Buche Gottes forscht. Sie befruchteten aber, unterstützt von der Kraft des Herrn, der mächtig in ihnen wirkte,<note place="foot" xml:id="ftn12" n="12">
               <p rend="UKZ 8 fussnote"> Jerusalem S. 120. „Die Erfahrung vieler Jahrhunderte lehret auch, daß dieses göttliche Gesetzbuch einem großen Theil des Geschlechtes Quelle des Erkenntnisses geworden, aus welcher sie neue Begriffe schöpften, oder die alten berichtigten. Je mehr Ihr in demselben forschet, desto mehr erstaunt Ihr über die Tiefe der Erkenntnisse, die darin verborgen liegen.“</p>
            </note> den Keim des mosaischen Gotteswortes, das ihren Vorträgen zu Grunde lag, mit ihrem reichen Geiste, daß es in ihrem Munde stark wurde, die erschlafften, in Sünden versunkenen Gemüther für die großen Wahrheiten der Religion empfänglich zu machen, und für wohlwollende und großherzige Gesinnungen zu begeistern.</p>
         <p>Wie aus den Schriften der Propheten, so erhellet die Wahrheit unserer Behauptung auch aus den Schriften der Rabbinen. Es hat sich dieß uns schon oben ergeben, als wir von der Beschaffenheit der Tradition redeten. Außerdem lassen sich noch aus jedem Traktat des Talmuds unzählige Stellen anführen, welche deutlich zeigen, wie die Rabbinen die freie Beurtheilung der Vernunft als das einzig gültige Mittel für die Entwickelung und Ergänzung der religiösen und sittlichen Lehren der mosaischen Religion betrachten. <note place="foot" xml:id="ftn13" n="13">
               <p rend="UKZ 8 fussnote"> Z. B. Kiduschin 31a bei der Entscheidung der Frage<hi rend="UKZ_Hebr">: אבא אומר השקני מים ואמא אמר השקני מים איזה מהם קודם, </hi>und ibidem bei der andern Frage? <hi rend="UKZ_Hebr">עד היכן כיבוד אכ ואם כל מילתא דמתאמרא באפין תלתא </hi>ferner Ernsin 15b <hi rend="UKZ_Hebr">לית בה משום לישנא בישא </hi>ferner Moed katon <hi rend="UKZ_Hebr">18b יהא הלקי עם מישחושדין אותו בדבד ואיןבו</hi> was doch im Grunde dem buchstäblichen Sinn der Schrift (4 B. Mos. 32,22) widerspricht; ferner Sanhedrin 74a <hi rend="UKZ_Hebr">נמנו וגמרו בעלית בית לוד וכו</hi> Ef. oben Anmerk. 17, ferner Nedarim 22a unten <hi rend="UKZ_Hebr">א''ל דילמא הס ושלום אהזיקו ידי עובד עברה א''ל נפשך הצלת.</hi>
               </p>
            </note>
         </p>
         <p>Der Traktat Aboth, eine Sammlung theoretischer und sittlicher Lehren, scheint dieses am meisten zu bewähren, namentlich wegen der Introduktion dieses Traktats. <hi rend="UKZ_Hebr">משה קבל תורה מסני וכו''</hi>
         </p>
         <p>Diese Introduktion deutet nämlich an, daß nur die positiven Lehren, die nicht im Pentateuch stehen, sich von Moses her datiren, indem sie ihm entweder ausdrücklich oder dem Prinzips nach überliefert wurden, daß aber die folgenden Lehren, welche theoretische und sittliche Wahrheiten betreffen, nicht von Moses herrühren, sondern ein freies Produkt des Nachdenkens und des Schriftstudiums der in diesem Traktat auftretenden Lehrer sind. Auch scheint sich unsre Ansicht durch die nicht ungegründete Voraussetzung zu empfehlen, daß ein Buch, welches der Nation zum Unterricht in den offenbarten göttlichen Dingen in die Hände gegeben wurde, auch diejenigen Lehren und Gebote vollständig enthalten müsse, welche den Mittelpunkt der Gesetzgebung Gottes bilden.</p>
         <p>Wenn die positiven Verordnungen nicht mit erschöpfender Ausführlichkeit in den Büchern Moses zu stehen brauchten, so erklärt sich dieß daraus, daß dieselben, welche zwar ebenfalls auf Verbesserung der Erkenntniß und Veredlung der Gesinnungen und Handlungen hinzielen, 5. B. M. 14,23, sich zu den rein vernünftigen Lehren und Geboten, wie Mittel zum Zweck verhalten. Das Volk konnte die vollständige Kenntniß der Erläuterung und Ergänzung desselben, unbeschadet seiner Tugend und Glückseligkeit entbehren, während die geistliche Behörde dafür sorgte, daß in allen Zweigen des öffentlichen Lebens die positiven Verordnungen schrift- und traditionsgemäß in Anwendung kamen. Aber derjenige Theil der Lehre Mosis, ohne dessen Beherzigung der Mensch nicht aufgeklärt und rechtschaffen seyn kann, sollte er |Sp. 1388| nicht Jedem, auch dem Ungelehrten, dem die Muße zum Studium der Tradition fehlte, zugänglich gewesen, sollte er daher nicht ganz, wie ihn Gott offenbarte, ohne traditioneller Deutungen und Erweiterungen zu bedürfen, in die schriftliche Urkunde aufgenommen worden seyn, damit er allen Israeliten ganz nahe sey<note place="foot" xml:id="ftn14" n="14">
               <p rend="UKZ 8 fussnote"> 5 B. Mos. 30,14.</p>
            </note> „um ihn mit ihrem Munde und ihrem Herzen auszuüben.“</p>
         <p>Hierzu kommt noch, daß der Mangel einer Tradition in Betreff der nichtpositiven Lehren zwei höchst heilsame und wohlthätige Wirkungen hervorbringen mußte, und wirklich hervorbrachte, nämlich die fortschreitende Entwickelung der religiösen und sittlichen Erkenntniß, und die glückliche Verhütung jeder möglichen Verketzerungssucht.</p>
         <p>Beschränkt auf die Worte der Schrift, für welche es keine traditionelle Erläuterung gab, war nicht nur überhaupt dem Forschungsgeiste freier Spielraum gelassen sondern jeder Israelite fand sich auch veranlaßt<note place="foot" xml:id="ftn15" n="15">
               <p rend="UKZ 8 fussnote"> Selbst die Ursachen der Gesetze (טעמי מצות) scheinen mir darum eben so wenig wie die anthropomorphischen und anthropopatischen Ausdrücke der.Schrift in der Tradition erläutert worden zu seyn, Ef. die merkwürdige Stolle in Bereschit Rabba Par. 9 <hi rend="UKZ_Hebr">כשהגיע משה לפסוק הזה שנאמר ויאמר אלהים נעשה אמם בצלמנו כדמותנו אמר לפניו רבון העולם מה אתה נותן פתחון פה למינים? אמר לו כתוב והרוצה לטעות יטעה.</hi>
               </p>
            </note>, selbst nachzudenken über die Urkunden seiner Religion, ihren Inhalt zu verstehen, die Schwierigkeiten zu beseitigen und neue Wahrheiten sich aus denselben abzuleiten. Hingegen bei einer vorhandenen' mündlichen Ueberlieferung, auf die man sich, ohne selbst in der Schrift zu forschen, verlassen könnte, wäre dieser schätzbare Vortheil, diese zunehmende Bereicherung der Erkenntnis Gottes, seines Willens und seiner Rathschlüsse nothwendig bedeutend verringert worden, und statt der wachsenden Vervollkommnung in der religiösen und sittlichen Erkenntniß die Gefahr eines starren unbeweglichen Stillstandes im geistigen Leben für den größten Theil der Nation unvermeidlich gewesen.</p>
         <p>Wem die Tradition der reichhaltigen Entwickelung der positiven Verordnungen keinen Eintrag that, so sind diese auch von anderer Natur, als die rein religiösen und sittlichen Lehren, und die dem beständigen Wechsel unterliegenden häuslichen und bürgerlichen Verhältnisse, welche neue Bedürfnisse erzeugten, wirkten von selbst jedem Stillstand entgegen.</p>
         <p>Nicht minder wohlthätig mußte sich die vollständige Aufnahme der nichtpositiven Lehren und Verordnungen in den Inhalt der Bücher Mosis für die Verhütung der Verketzerungssucht erweisen. Wie sehr das göttliche Gesetz auf die Bewahrung der Gewissensfreiheit, des schätzbarsten Kleinods des Menschen, sein Augenmerk richtete, haben wir schon aus der Beschaffenheit seiner dem obersten Gerichtshof ertheilten Autorität erkannt, welcher bloß über die Einheit in der Praxis, aber nicht über die Einheit in der Theorie zu wachen hatte, und keinem Israeliten das Recht der freien Erforschung und der selbstständigen Auffassung des Inhalts, selbst der positiven Verordnungen des Gesetzes, schmälern durfte. Daß dieser Gerichtshof, der zwar meistens, aber namentlich in den Zeiten der syrischen Herrschaft, und auch später,<note place="foot" xml:id="ftn16" n="16">
               <p rend="UKZ 8 fussnote"> Ef. Traktat Sanhedrin 52b <hi rend="UKZ_Hebr">אמר ר' יוסף בית דין של צדוקי הוי</hi>
               </p>
            </note> nicht immer aus lauter ehrwürdigen und heiligen Männern zusammengesetzt war, seine Befugniß weiter ausdehnen, und den Forschungsgeist der Israeliten lähmen würde, war in Betreff der positiven Verordnungen nicht zu befürchten, weil er aus solcher Anmaßung keinen wesentlichen Gewinn ziehen, und seiner gesetzlichen Autorität eher schaden, als nützen könnte. Dagegen hätte die Existenz einer mündlichen Ueberlieferung in Betreff des Nichtpositiven in den Händen ehrgeiziger Männer zum gefährlichsten und verderblichsten Werkzeuge der Verketzerungssucht und des Eingriffes in die Gewissensfreiheit gemißbraucht werden können, wie die Geschichte anderer Religionen hinlänglich beweist.</p>
         <p>Gab es aber keine solche Tradition, so konnte Niemand, selbst die geistliche Behörde nicht, es wagen, ein bindendes Dogmen-und Sittensystem, das nicht in der Schrift begründet ist, aufzu- |Sp. 1389| stellen, weil jeder einzelne Israelite mit dem Gesetzbuche in der Hand dagegen zu protestiren das Recht hatte.</p>
         <p>Wir fügen zum Schlusse an die Reihe der aufgestellten Beweise noch einen exegetischen:</p>
         <p>Als Jesua im Begriffe, die Eroberung des gelobten Landes zu beginnen, durch eine göttliche Erscheinung zu Tapferkeit und Beobachtung des Gesetzes aufgefordert wurde, heißt es in dieser Aufforderung</p>
         <p>„Nicht weichen müsse dieses Buch der Lehre von Deinem „Munde! Forschen sollst Du darin bei Tag und des Nachts, „damit Du beobachtest zu thun nach Allem, was darin geschrieben ist.“ (Jos. 1,8.)</p>
         <p>Nur der Feldherr wird zum Studium des Gesetzes ermahnt, nur von dem Buche Mosis ist die Rede, und der Tradition geschieht keiner Erwähnung. Beides ist auffallend, und hat schon Viele zu falschen Voraussetzungen und irrigen Vermuthungen verleitet.</p>
         <p>Aber das Auffallende verschwindet durch unsere Ansicht, daß für die offenbarten Lehren und sittlichen Gebote, die in den Büchern Mosis stehen, keine Erläuterung und Ergänzung in der Tradition enthalten war.</p>
         <p>In diesem außerordentlichen Zeitpunkt des bevorstehenden entscheidungsvollen Kampfes lag nemlich der göttlichen Ermahnung zum Festhalten an das mosaische Gesetz nur die Hauptabsicht zu Grunde, die Israeliten, bei den Gefahren, denen sie entgegen gingen, mit Muth und Furchtlosigkeit zu beseelen. Darum mußte vor Allem Josua, der Feldherr, auf den die Augen Aller gerichtet waren, zur Tapferkeit aufgefordert werden, damit er mit dem Beispiele männlicher Unerschrockenheit dem Kriegsheere voranglänze. Die Gottheit wollte es aber nicht bei der bloßen Aufforderung bewenden lassen, sondern ihm auch die Quellen angeben, aus welcher der Held den wahren Muth schöpfet, nämlich aus dem Bewußtseyn der sittlichen Schuldlosigkeit, und aus dem festen Vertrauen auf die göttliche Vorsehung, die mit Allgewalt die menschlichen Schicksale leitet. Darum wies sie ihn an zum beständigen Forschen in dem Buche Mosis, in welchem die zur echten religiösen Aufklärung und sittlichen Vervollkommnung nothwendigen Lehren und Gebote enthalten sind. Den religiösen und sittlichen Inhalt dieses göttlichen Gesetzbuches sollte er sich stets zum lebendigen Bewußtseyn bringen, damit er bei dem neu beginnenden Nationalkampfe, ausgerüstet mit der Kraft eines reinen Unbefleckten Gewissens, und eines gottvertrauenden, gottergebenen Herzens, muthig und furchtlos an die Spitze seiner Kriegsschaaren trete.</p>
         <p>Mit dem Bewußtsten, den Gegenstand reiflich erwogen, und nach bestem Wissen begründet zu haben, schließen wir das erste Prolegomenon, dem noch ein zweites nachfolgen wird.</p>
         <p>Indem die Wahrheit oder die Falschheit der hier aufgestellten Ansicht einen entscheidenden Einfluß auf die der jüdischen Theologie höchst noththuende wissenschaftliche Bearbeitung einer Religions- und Sittenlehre unstreitig ausüben muß, erlauben wir uns, die angelegentlichste Bitte auszudrücken, daß diejenigen Herren Theologen, welche unsere Meynung, von dem Eingeschränktseyn der Tradition auf die positiven Verordnungen nicht theilen, die Widerlegung vorliegender Beweise und ihre Gegengründe öffentlich bekannt machen, damit eine Verständigung und eine wissenschaftliche Lösung der in theoretischer wie in praktischer Beziehung gleich wichtigen Frage ermittelt werde.</p>
         </div>
         </div>
         <div type="lit">
         <head>Literatur. </head>
         
         <div type="litr">
         <head>Nachweise von Rezensionen theologischer Schriften.</head>
         <p>(Fortsetzung.)</p>
         <p>
            <hi rend="italic">Tholuck's literarischer Anzeiger.</hi>
         </p>
         <p>No. 26-31. Dr. C. <hi rend="italic">Daub</hi> Darstellung und Beurtheilung der Hypothesen in Betreff der Willensfreiheit, herausgegeben von J. C. <hi rend="italic">Kröper</hi>. — J. P. Romang Ueber Willensfreiheit und Determinismus, mit |Sp. 1390| sorgfältiger Rücksicht auf die sittlichen Dinge, die rechtliche Imputation auf Strafe und auf das religiöse. — No. 31-32. <hi rend="italic">Henderson</hi> The great mistery of Godliness incontrovertible. A critical examination of the various readings in 1. Sim. 3,16 — No. 32-33. K. <hi rend="italic">Fuchs</hi> Ueber einige mißdeutende Erscheinungen im Gebiete des kirchlichen Lebens und ihre Benutzung für Belebung sittlicher Gesinnungen. — J. F. <hi rend="italic">Prahl </hi>Das Konventikelwesen, im Verhältniß zur Religion und Sittlichkeit, zur Kirche und zum Staat. No. 34-35. Erinnerungen an Pastor <hi rend="italic">Stäckhardt</hi>, herausgegeben von <hi rend="italic">Linke</hi>. — Denkwürdigkeiten aus dem Leben <hi rend="italic">Alois Klar's</hi> Prof. u. s. w. von <hi rend="italic">Weinolt</hi>. — No. 38. 39. J. E. <hi rend="italic">Veith Homilet</hi>. Vorträge, die heiligen Berge, das Vaterunser, Homilienkranz. — C. A.. <hi rend="italic">Hase</hi> confessio fidei ecclesiae evangelicae. — Dr. K. <hi rend="italic">Hase</hi> Das junge Deutschland, ein theolog. Votum. — <hi rend="italic">Von Bohlen</hi> histor. krit. Erläuterung des Genesis. — <hi rend="italic">Tholuck </hi>Commentar zum Evangelium Johannis. — <hi rend="italic">Schlüter</hi> Die Lehre des Spinosa, in ihren Hauptmomenten geprüft und dargestellt. —</p>
         <p>(Wird fortgesetzt.)</p>
          </div>
         </div>
         <div type="anz">
         <head>Anzeigen.</head>
         <p>(81) Bei uns ist so eben erschienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen:</p>
         <p>Müller's; Dr. A., (Domkapitular zu Würzburg) Lehrbuch der Katechetik. gr. 8. 12 Bogen stark zu 18 gr. oder 1 fl. 12 kr. rhein.</p>
         <p>Wir zweifeln nicht, daß die vielen Tausend Besitzer der übrigen Werke des Verfassers, als da sind: <hi rend="italic">das Lexicon des Kirchenrechts </hi>in 5 Bänden, dann die <hi rend="italic">Anleitung zum geistlichen Geschäftsstyle</hi> und <hi rend="italic">das Handbuch des Volksschulwesens,</hi> auch obiges Lehrbuch der Katechetik anschaffen, welches jede Buchhandlung zur Einsicht vorzulegen bereit seyn wird.</p>
         <p>Würzburg, im Oktober 1837.</p>
         <p>
            <hi rend="italic">C. Etlinger'sche Buchhandlung</hi>.</p>
         <p>(82) Bei L. <hi rend="italic">Troschel</hi> in <hi rend="italic">Trier</hi> ist so eben erschienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen:</p>
         <p>Homilien des h. <hi rend="italic">Joh. Chrysostomus</hi> über die Briefe des h. <hi rend="italic">Paulus</hi>, aus dem Griechischen übersetzt vom Domkapitular W. <hi rend="italic">Arnoldi</hi>; 5r Bd., enthaltend den <hi rend="italic">Brief an die Galater</hi> und den <hi rend="italic">Brief an die Epheser</hi>, 28 Bogen. Preis 1 Thlr. 4 ggr. od. 2 fl. 6 kr. rhn.</p>
         <p>Die ersten 4 Bände dieses in allen kritischen Zeitschriften <hi rend="italic">überaus günstig</hi> beurtheilten Werkes sind für den <hi rend="italic">billigen Preis</hi> von 4 Thlr. 18 ggr. od. 8 fl. 33 kr. rhein. (für 114 Bogen) ebenfalls durch jede Buchhandlung zu beziehen.</p>
         <p>Durch dasselbe wird eine wahrhafte Lücke in der theologischen Literatur ausgefüllt, indem eine <hi rend="italic">vollständige Uebersetzung dieser Homilien</hi> bisher gänzlich mangelte.</p>
         <p>Von <hi rend="italic">demselben Herausgeber</hi> ist früher erschienen: Nachtgedanke des h. <hi rend="italic">Augustus</hi>, Bischof's von <hi rend="italic">Hippo</hi>, übersetzt von W. <hi rend="italic">Arnoldi</hi> und W. <hi rend="italic">Heuser</hi>. 8. broch. 16 ggr. 1 fl. 12 kr. rhn.</p>
         <p>Auch dieses Werkchen, ausgezeichnet durch seine blühende Schreibart, die eher einem Originale, als einer Übersetzung gleicht, fand überall ungetheilten Beifall, und ist als Erbauungsschrift jeder Empfehlung würdig.</p>
        </div>
         <div>
         <p>
            <hi rend="bold">Buchhandlung</hi>
            <hi rend="italic bold">: F. Varrentrapp – </hi>
            <hi rend="bold">Herausgeber:</hi>
            <hi rend="italic bold"> Dr. J. V. Hoeninghaus. –</hi>
            <hi rend="bold"> Druckerei</hi>
            <hi rend="italic bold">: Heller </hi>
            <hi rend="bold">und</hi>
            <hi rend="italic bold"> Rohm. </hi>
            <hi rend="bold">Maschinendruck</hi>
            <hi rend="italic bold">.</hi>
            <seg> </seg>
         </p>
    </div>  
      </body>
   </text>
</TEI>

