<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<?xml-model href="http://www.tei-c.org/release/xml/tei/custom/schema/relaxng/tei_all.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?>
<?xml-model href="http://www.tei-c.org/release/xml/tei/custom/schema/relaxng/tei_all.rng" type="application/xml"
	schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
   <teiHeader>
      <fileDesc>
         <titleStmt>
            <title type="main">Unparteiische Universal-Kirchenzeitung für die Geistlichkeit und die gebildete Weltklasse des protestantischen, katholischen und israelitischen Deutschlands</title>
            <title type="sub">Frankfurt a. M. 26. Oktober 1837, Nro. 86</title>
            <title type="short">Universal-Kirchenzeitung</title>
            <respStmt>
               <resp>Neu hrsg. von</resp>
               <persName ref="http://d-nb.info/gnd/1046474146"><forename>Beata</forename><surname>Mache</surname></persName>
            </respStmt>
         </titleStmt>
         
         <publicationStmt>
            <publisher>Steinheim-Institut</publisher>
            <publisher>Beata Mache</publisher>
            <pubPlace>Essen</pubPlace>
            <date type="publication">2014</date>
            <publisher>
               <email>mac@steinheim-institut.org</email>
               <orgName role="hostingInstitution">Steinheim-Institut</orgName>
               <address><addrLine>Edmund-Körner-Platz 2, 45127 Essen</addrLine>
<country>Germany</country>
</address>
               <orgName role="project">DISS</orgName>
            </publisher>
            <availability>
               <licence target="http://creativecommons.org/licenses/by-nc/3.0/de/">
                  <p>CC by-nc-sa</p>
               </licence>
            </availability>
            <idno>
               <idno type="URL">http://www.deutsch-juedische-publizistik.de/pdf/universal-kirchenzeitung_086.pdf</idno>
               <idno type="URN">nbn:de:0230-20090805571</idno>
            </idno>
         </publicationStmt><seriesStmt><title>Unparteiische Universal-Kirchenzeitung für die Geistlichkeit und die gebildete Weltklasse des protestantischen, katholischen und israelitischen Deutschlands</title></seriesStmt>
         <sourceDesc>
            <bibl type="J">Universal-Kirchenzeitung</bibl>
            <biblFull>
               <titleStmt>
                  <title level="j" type="main">
                     Unparteiische Universal-Kirchenzeitung für die Geistlichkeit und die gebildete Weltklasse des protestantischen, katholischen und israelitischen Deutschlands
                  </title>
                  <title level="j" type="issue" n="86">26. Oktober 1837, Nro. 86</title>
                  <editor>
                     <persName ref="http://d-nb.info/gnd/187133182">
                        <forename>Julius Vinzent</forename>
                        <surname>Hoeninghaus</surname>
                     </persName>
                  </editor>
               </titleStmt>
               <editionStmt>
                  <edition n="1"/>
               </editionStmt>
               <extent>
                  <measure type="column">16</measure>
               </extent>
               <publicationStmt>
                  <pubPlace>Frankfurt am Main</pubPlace>
                  <date type="publication">1837-10-26</date>
                  <publisher><name>Varrentrapp</name></publisher>
               </publicationStmt>
            </biblFull>
         </sourceDesc>
      </fileDesc>
      <encodingDesc>
         <editorialDecl><p>Offensichtliche Setzerfehler wurden stillschweigend korrigiert. Die Original-Orthographie wurde ansonsten beibehalten.</p></editorialDecl>  
      </encodingDesc> 
      <profileDesc>
         <langUsage>
            <language ident="deu">German</language>
            <language ident="heb">Hebrew</language>
            <language ident="grc">Ancient Greek</language>
            <language ident="lat">Latin</language>
         </langUsage>
      </profileDesc>
   </teiHeader>
   <facsimile>
      <graphic url="http://www.deutsch-juedische-publizistik.de/pdf/Univ.-Kirch.-Ztg_086.pdf"/>
   </facsimile>
   <text>
      <body>
         <div>
         <head>Unparteiische Universal-Kirchenzeitung<lb/>
            für die Geistlichkeit und die gebildete Weltklasse des protestantischen, <lb/>
            katholischen, und israelitischen Deutschland's. <lb/> Frankfurt a. M., den 26. Oktober 1837. Nro. 86.</head>
       </div> 
         <div type="inhalt">
         <head>Inhalt: </head>
         <p rend="UKZ 3 12 normal">Die ehemalige katholische Domkirche zu <hi rend="italic">Drontheim</hi> in <hi rend="italic">Norwegen</hi>. A. d. Schwedischen (Schluß.) — </p>
         <p>
            <hi rend="italic bold">Kirchliche Nachrichten</hi>
            <hi rend="bold">.</hi> 
            <hi rend="italic">Asien. China</hi>; Treiben der Protest. Missionäre. — <hi rend="italic">Afrika. Aegypten. Alexandrien</hi>; Toleranz <hi rend="italic">Mehemet Ali's. Kairo</hi>; protest. Missionäre. — <hi rend="italic">Schottland. Edinburgh</hi>; Fortschritte des Katholizismus. — <hi rend="italic">Ungarn. Preßburg</hi>; Einweihung einer prot. Kirche.. <hi rend="italic">Gran</hi>; Kathedrale. <hi rend="italic">Raab</hi>; Todesfall. — <hi rend="italic">Deutschland. Sachsen. Dresden</hi>; Berichtigung eines Corresp. — Artikels der Allg.-K.-Ztg.; mystische Sekte. — </p>
         <p>
            <hi rend="italic bold">Theologische Akademie. </hi>
         </p>
         <p>
            <hi rend="italic bold">Kathol. Abth.</hi> Religiöse Kunst. <hi rend="italic">Lessing's</hi> Hussitenpredigt; <hi rend="italic">Bendemann's</hi> Jeremias. — </p>
         <p>
            <hi rend="italic bold">Israel. Abth.</hi> Erstes Prolegomenon zu einer künftigen Dogmatik und Sittenlehre für Israeliten. Von Dr. S. <hi rend="italic">Scheyer</hi> in Frankfurt a. M. (Forts.) — </p>
         <p>
            <hi rend="italic bold">Literatur. </hi>
         </p>
         <p>Nachweis von Rezensionen theol. Schriften (Forts.) — </p>
         <p>
            <hi rend="italic bold">Anzeigen.</hi><lb/>|Sp. 1359|
         </p>
         </div>
         <div type="mantel">
         <head>
            Die ehemalige katholische Domkirche zu Drontheim in Norwegen.</head>
         <p>(<hi rend="italic">Aus dem Schwedischen</hi>.) </p>
         <p>(Schluß.)</p>
         <p>Es ist nun Zeit, in das Innere einzutreten, obgleich der Anblick, auf welchen man dort stößt, ganz geeignet ist, den Eindruck feierlicher Andacht zu zerstören, womit Jedermann, der nicht Nerven von Holz hat, die gewaltigen Pforten sich öffnen sieht. Hat man den protest. Vandalismus an der Außenseite mit Verdruß und Trauer betrachtet, so erblickt man ihn mit tiefem Kummer innerhalb der ehrwürdigen Mauern auf seinem höchsten Gipfel. In Wahrheit — der Tempel kann sich nur rächen, indem er zusammenstürzt über diesem Geschlechte von richtiger, blaugrauer Prosa, welches durch die elendesten, lumpigsten Erfindungen den letzten Schimmer der Würde von einem Tempel verlöscht hat, welcher der erste im Norden einstmals war und es — zum Trotze der Menschen — in gewisser Rücksicht noch ist.</p>
         <p>Der Eingang ist an der Vorderseite des nördlichen Kreuzarms. „Man öffnet die Pforten zu einem majestätischen Tempel“ — um mit dem Ahnherrn der schwedischen Antithesen, <hi rend="italic">Lehnberg</hi>, zu reden; „aber man tritt nicht ein unter Gewölbe, welche Unsterblichkeit wiederhallen und die Vergänglichkeit verbergen.“ Man tritt unter ein plattes, von verschiedenen Brettern zusammengeschlagenes Dach, mit Kalk beworfen, wie alles Uebrige. Dieses Bretterdach schneidet das hohe gothische Gewölbe horizontal ab, und läßt nur in Gedanken ahnen, wie hoch oben im freien Raume seine Bogen sich zusammenspitzen. Doch das ist noch nicht genug. Man hätte ja noch immer in dem herrlichen Gotteshause um sich schauen können, wenn nicht mehr über sich. Man hätte sich noch freuen können über die Grundlagen und Untertheile der edlen Pfeilermassen, wenn auch die Einbildungskraft das Uebrige thun mußte — auch dieß sollte verhindert werden, und deshalb wurde die Kirche nun auf beiden Seiten des großen Ganges, dem Chor gegenüber, mit langen Reihen kleiner Logen bekleidet, welche gewöhnlich mit kleinen Glasfenstern und einer kleinen rothen, blauen, grünen, gelben oder grauen Baumwollengardine geziert sind. Diese kleinen Logen oder Zimmer erheben sich mehrere Stockwerke übereinander gegen das Bretterdach, sollen inwendig mit mancherlei Bequemlichkeiten versehen seyn, und nehmen die schöne Welt von Drontheim auf; denn es schickt sich hier nicht, daß Leute von Stande im Gottes Hause mit der übrigen Versammlung auf Bänken oder Stühlen in der Kirche sitzen. Jede bessere Familie hat ihr <hi rend="italic">Ochsenauge</hi>, von welchem aus sie sonntäglich die Vorstellung ansieht und anhört.</p>
         <p>|Sp. 1360| Dieser Brauch ist eben nicht bloß in Drontheim zu Hause, er soll in ganz Norwegen im Schwunge gehen, und in den Landkirchen sieht man ebenfalls solche Logen für die Herrschaften. Das weibliche Geschlecht nimmt sich besonders dieser Sitte an.</p>
         <p>Aber wir wollen die Augen zumachen, und von dem betrübendem Anblicke einer Barbarei hinwegsehen, welche man im neunzehnten Jahrhunderte bei einem gebildeten Volke — und das ist das norwegische — nicht für möglich halten sollte. Wir nähern uns dem berühmten Chore, und bei diesem außerordentlich herrlichen Werke vergißt sich alles Andere.</p>
         <p>Daß die Ruine und das Chor den Bau der Christkirche vollendeten, ist, wie wir oben bemerkt haben, sowohl durch die Ueberlieferung, als durch die hohe Kunstausbildung, wovon Beide zeugen, erwiesen; aber die Ruine ist — eine Ruine, und vom Chor ist glücklicherweise nicht ein einziger Stein verloren oder beschädigt, obgleich der Kalk auch bis hierher seine rastlose Dienstfertigkeit erstreckt hat. Das Chor bildet eine freistehende, durchbrochene Rotunde — wenn man sich so ausdrücken darf — von mehreren Reihen gothischer Bogen oder Säulenhallen, welche zuletzt hoch oben im Halbdunkel zusammenlaufen. Die Leichtigkeit, die tausend Formen und Schönheiten dieser Pilaster mit ihren, von der prächtigsten Arbeit strotzenden Kapitälern, welche mit allerhand Zierrathen prangen, die zu einem harmonischen Ganzen auf das Schönste vereinigten, die über einander aufgethürmten Arkaden, der herrliche, überall mit Sculptur bedeckte Fronton über der Choröffnung gegen den großen Gang hin — zu Allem diesem wird man schwerlich anderwärts, als etwa in <hi rend="italic">Aachen</hi> oder <hi rend="italic">Rheims, Köln, Straßburg</hi> oder <hi rend="italic">Antwerpen </hi>Seitenstücke finden; und stände auch bloß noch dieser Chor von dem Tempel des heiligen <hi rend="italic">Olaf</hi>, so würde er für sich allein bereits das herrlichste Denkmal der gothischen Baukunst im Norden seyn.</p>
         <p>Ueber dem mitten im Chore befindlichen. Altare stand vordem St. <hi rend="italic">Olaf's</hi> Schrein; jetzt soll dort auf Kosten Sr. Majestät des Königs eine Nachbildung von <hi rend="italic">Thorwaldsen's</hi> berühmtem Christus (venite ad me omnes — kommt zu mir Alle, die Ihr etc.) und rund umher die zwölf Apostel, gleichfalls auf des Königs Kosten von einem jungen, in Stockholm wohnenden, norwegischen Bildhauer, Namens <hi rend="italic">Michelsen</hi> — Alles in Gyps — aufgestellt werden.</p>
         <p>Wenn man den Chor in dem engen, dunklen Gange, der rund herum läuft, umwandert, stößt man an der Südseite auf eine kleine Eisenthür, welche auf Verlangen geöffnet wird, und kommt in eine finstre Kammer, welche nur durch eine kleine Oeffnung in der Mauer Licht erhält. Bei dem dunklen Zwielicht sieht man vor sich in der Erde eine Höhle, und blickt man hinein, so scheint der Boden dem Auge entgegenzuglänzen; dieß ist |Sp. 1361| ein Wasser, welches den dürftigen Tagesschein zurückspiegelt und dieses Wasser ist St. <hi rend="italic">Olaf's</hi> Brunnen, eine Quelle, nach der Sage an demselben Flecke, wo der treue <hi rend="italic">Thorgils</hi> im Dunkel der Nacht seines erschlagenen Königs Leiche eingrub, nachdem es ihm mit vieler Vorsicht, Mühe, Schlauheit und List geglückt war, sie von Sticklarstad hierher zu bringen.</p>
         <p>In den Seitenmauern der Kirche befinden sich viele verschlungene Treppen, sie führen zu halbverfallenen Zellen und anderen Gemächern, worin die Mönche ihre Wohnungen gehabt oder ihre heimlichen Werke und Betrügereien ausgeübt haben. Eine Art der Letzteren wird mehrfältig entdeckt durch die Spuren hier und da in den Mauern angebrachter Sprachrohre.</p>
         <p>Unter den übrigen Merkwürdigkeiten Drontheims darf man verschiedene Copieen der Arbeiten des großen <hi rend="italic">Thorwaldsen </hi>in Bronze, Marmor und Gyps nicht übersehen, die man hier in mehreren wohlhabenden Privathäusern antrifft. Einige Basreliefs in Marmor, alle jedoch aus seiner jüngeren Zeit, gehören zu dem Besten. Alles, was auf irgend eine Weise die Nationalehre erhöhen kann, ist dem Norrmann niemals gleichgiltig. <hi rend="italic">Thorwaldsen</hi> ist auf Island geboren, Island ist eine norwegische Colonie und überall sieht man die Büste des „Landsmanns“ <hi rend="italic">Thorwaldsen</hi>. Es machte mir Freude, so oft diesen außerordentlich anziehenden, originellen Kopf zu betrachten, über dessen einigermaßen rauhe, grobe, plebejische Formen, wie sie aus der Hand der Natur hervorgegangen sind, die Kunst und eine sehr moralische und intellektuelle Ausbildung, einen so edlen und denkenden Ausdruck hingegossen hat — so wie jene milde Schwermuth, diesen gutmüthigen, schönen Blick, worin ein edles Herz sich spiegelt und dessen leichter Anstrich von Melancholie einem nordischen Künstler und Skalden so wohl ansteht — wahrlich, man kann Stunden lang vor diesem Haupte stehen, welches so Vieles sagt und dieses so anspruchlos, so vertraulich.</p>
         <p rend="UKZ 7 11 zeitschriften">(Journal für Land- und Seereisen.)</p>
         </div>
         <div type="kn">
         <head>Kirchliche Nachrichten.</head>
         <p rend="UKZ 4 12 kursiv">Asien. </p>
         <p rend="UKZ 5 11 kursiv mitte">China.</p>
         <p>Man schreibt aus <hi rend="italic">London</hi>: Die Gesellschaft für Verbreitung nützlicher Kenntnisse in <hi rend="italic">China</hi> hielt den 10. März ihre zweite jährliche Sitzung in <hi rend="italic">Canton</hi>. Sie ist eines der Produkte der Klasse halbverrückter Europäer, die sich in allen Häfen der Welt herumtreiben, und ohne Kenntniß der Völker, mit denen sie zu thun haben, ihnen ihre eigenen unreifen Ideen beibringen wollen, und wenn sie die Errichtung eines Journals zu Stande bringen, alle Uebel der Welt geheilt zu haben glauben. Diese Gesellschaft wollte ein chinesisches Journal gründen und im Innern verbreiten, als ob sie wissen könnte, welche Art von Kenntnissen den Chinesen nützlich sind, und auf welche Art sie ihnen beigebracht werden können; aber die Mitglieder derselben waren, wie es scheint, der chinesischen Regierung nicht mit Unrecht noch besonders verdächtig, indem sie sich mehr mit chinesischer Politik abgaben, als das Reich der Mitte den „rothhaarigen Barbaren“ zu erlauben geneigt ist. Sie haben es daher mit ihren beständigen Drohungen, die tatarische Dynastie durch ihre Broschüren zu stürzen, so weit gebracht, daß die Chinesen die wirksamsten Maßregeln genommen haben, ihnen die Herausgabe chinesischer Journale unmöglich zu machen. Früher hatten Europäer alle Leichtigkeit, in Canton chinesische Werke drucken zu lassen, und die englische Bibelgesellschaft fand keine Schwierigkeit, Uebersetzer, Kalligraphen, Holzschneider und Drucker zu erhalten, so viel sie wollte. Allem diesem hat der Eifer der Gesellschaft für Verbreitung nützlicher Kenntnisse, ein Ende gemacht, und der Secretär hat wenig Anderes zu berichten, als daß sie keine Mittel zum Druck ihrer Werke mehr gefunden habe. Das Resultat des Eindruckes, den solche verkehrte Köpfe auf eine ohnehin eifersüchtige Nation hervorbringen mußten, ist Natürlich immer dasselbe, sie noch engherziger und abgeschlossener zu machen, denn sie haben weder die Milde der Taube, noch die Klugheit der Schlange. Die katholischen Missionen in Macao, welche bisher immer auf chinesische Art in Holz gedruckt hatten, haben sich auch in Folge des Verdachts, dem sich die Europäer aussetzten, genöthigt ge- |Sp. 1362| sehen, darauf zu verzichten, und haben aus Paris lithographische Pressen kommen lassen, um für die Bedürfnisse ihrer Kirchen zu drucken, aber die Hitze des Klima's macht die Druckerschwärze so flüssig, daß sie bis jetzt die größten Schwierigkeiten fanden. Sie haben in der neuesten Zeit angefangen, sich der Tinte, die zur Autographie dient, und die viel härter ist, zum Druck zu bedienen, und hoffen damit ihren Zweck zu erreichen. Der protest. Missionär <hi rend="italic">Guzlaff</hi> hat in Malacca eine chinesische Bibel in japanischen Charakteren drucken lassen und will diese in Japan verbreiten — auch ein hoffnungsloses Unternehmen! Aber es gibt Leute, die nie ruhig an einem Ort bleiben können, um ein angefangenes Unternehmen zu verfolgen. Die Welt scheint ihnen, wie Alexander'n, zu klein für ihre regellose Thätigkeit; er hatte zuerst unternommen, Siam zu bekehren, dann China, und findet, daß er nicht genug zu thun hat. Ein anderer dieser Strohhalmen, die der Wind über die Welt hintreibt, der bekannte Teufelaustreiber <hi rend="italic">Wolf</hi>, welcher von Cairo abgereist war, um nach Tombuktu zu gehen, ist unerwartet in Bombai angekommen, wo er Vorlesungen über den Zustand des Christenthums in Abyssinien hält. Diese Leute sind eine wahre Pest, welche Europa und das Christentum zum Spott der Barbaren machen, und die gewissenhaften Bemühungen wahrer Missionäre vereiteln.</p>
         <p rend="UKZ 7 11 zeitschriften">(Allg. Z.)</p>
         <p rend="UKZ 4 12 kursiv">Afrika.</p>
         <p rend="UKZ 5 11 kursiv mitte">Aegypten.</p>
         <p>
            <hi rend="italic">Alexandrien</hi>, 18. Sept. Eine Türkinn auf Kandien, die vor einiger Zeit zum Christenthum übergetreten war, wandte sich, um ein ihr zugefallenes Erbgut in Besitz zu nehmen, an die türkische geistliche Behörde, die ihr indeß zur Antwort gab, daß sie durch ihren Uebertritt zum Christenthum alles Recht auf muhamedanisches Besitzthum verloren habe. Bei der Ankunft <hi rend="italic">Mehemed Ali's</hi> auf Kandien überreichte sie demselben eine Bittschrift, worauf dieser ihr sofort das Erbtheil zusprach und zugleich erklärte, daß die Religion keinen Unterschied mache. Als er nach Alexandrien zurückgekehrt war, gab er allen Frauen seines Harems, mit Ausnahme derjenigen, die ihm Kinder geboren, die Freiheit. Durch diese Maßregel sind 150 Frauen dem Lande zurückgegeben worden.</p>
         <p>
            <hi rend="italic">Kairo</hi>. Die Bemühungen der prot. Missionäre in <hi rend="italic">Kahira</hi>, welche von der Londoner Missions-Gesellschaft unterstützt werden, nehmen einen günstigen Fortgang. Sie haben drei <hi rend="italic">Schulen </hi>errichtet. In der ersten, von Hrn. <hi rend="italic">Kruse</hi> geleitet, werden zehn Knaben zu Lehrern gebildet; in der zweiten werden 80 Knaben unterrichtet. Dieser und der Mädchenschule, welche ebenfalls 80 Zöglinge zählt, steht Hr. <hi rend="italic">Leider</hi> vor. Der <hi rend="italic">Vicekönig</hi> ist <hi rend="italic">tolerant</hi>. Vor einigen Jahren hörte er, daß einer seiner Unterthanen Christ geworden sey und die Bibel lese. Mehemed <hi rend="italic">Ali </hi>erwiederte, da man ihm dieß als ungeheures Verbrechen vorstellte: „Was geht mich seine Religion an? Er ist ein guter Unterthan; es wäre zu wünschen, Du glichest ihm.“ Mehemed ist ein Muhamedaner, aber kein fanatischer. Er gilt unter seinen Landsleuten für einen tüchtigen Gläubigen, weil er nach Mekka gepilgert ist, und gegenwärtig eine Moschee baut. </p>
         <p rend="UKZ 7 11 zeitschriften">(Morn. (Cron.)</p>
         <p rend="UKZ 4 12 kursiv">Schottland.</p>
         <p>‒†‒ <hi rend="italic">Edinburgh</hi>. Ein Reisender, welcher ganz kürzlich Schottland besuchte, gibt in unten benanntem Blatte über die religiöse Lage des Landes folgende Aufschlüsse: Was dem Reisenden bei dem Besuche Schottland's, wenn er es nicht als Musterreiter, oder Handlungs-Commis bereiset, zunächst auffällt, ist die überall sichtbare Wiedergeburt des Katholizismus. Ich zweifle, ob irgend sonst, wie dieses Lager so frische, kräftige Sprößlinge treiben könne. </p>
         <p>Mir war es schon lange vor meinem Eintritt in Schottland bekannt, daß der puritanische Fanatismus sich bedeutend gelegt habe, und war darauf gefaßt, weder <hi rend="italic">Old-Martalid</hi>, noch <hi rend="italic">Bothwell</hi> oder <hi rend="italic">Burlay</hi>, noch die <hi rend="italic">alte Mause</hi>
            <hi rend="footnote_reference">
               <seg rend="italic">
                  <note place="foot" xml:id="ftn1" n="1">
                     <p rend="footnote text"> Handelnde Personen in dem historischen Romane: „die schottischen Puritaner.“</p>
                  </note>
               </seg>
            </hi> mehr zu finden, aber ich erwartete nicht, daselbst Katholiken in solcher Anzahl und Achtung anzutreffen. Was würde <hi rend="italic">Knox</hi> Schatten sagen, wenn er auf die Erde zurückkehren könnte, und sähe, daß man öffentlich katholische Bücher, die er in so großer Zahl verbrannte, verkauft, und Kirchen neu aufrichtet an der Stelle |Sp. 1363| derer, die er zerstörte, oder zerstören ließ? Die katholischen Bücher und Kirchen sind in der That etwas Neues in <hi rend="italic">Schottland</hi>, man sieht deren überall, und eben so sind sie Gegenstand des allgemeinen Gesprächs. Mit neuen Auflagen oder Umsetzungen, apologetischen, ascetischen Inhalts, füllen unsere katholischen Romantiker alle Bücher-Catalogen; in allen Städten, in allen irgend einigermaßen bedeutenden Flecken, sieht man Kirchen erstehen. Freilich sind es keine Kathedralen (doch werden diese auch noch kommen), sondern größtentheils bloße Kapellen. Aber ihre Menge, ihr Reichthum, ihre schnelle Vollendung zeugen von der Macht und Stärke des Glaubens, der solchergestalt die Keime von Basiliken der Erde entsteigen läßt. Ich habe ihrer viele besucht, und der Einweihung mehrerer beigewohnt, und werde Ihnen einige hernennen.</p>
         <p>Von der des Klosters der heil. <hi rend="italic">Margarethe</hi> zu <hi rend="italic">Edinburgh</hi> spreche ich nicht, sondern behalte mir vor, Ihnen dieß niedliche Muster sächsischer Bauart ausführlicher zu beschreiben, indem ich Ihnen zugleich über die Niederlassung der barmherzigen Schwestern in dem Kloster berichte. Ich wohnte der Eröffnung jener zu <hi rend="italic">Blairgowrie</hi> in der Nähe von <hi rend="italic">Perth</hi> bei. Sie ist ein schönes Gebäude, welches ihr Erbauer dem Kirchspiele zum Geschenke gemacht hat. Schwer ist es, auszudrücken, mit welcher Andacht die Katholiken an der Ceremonie Theil nahmen. Unter andern warm einige alte Männer gegenwärtig, welche sich ganz gut erinnerten, die ersten und einzigen Katholiken an dem Orte gewesen zu seyn, der jetzt deren 500—600 zählt.</p>
         <p>Zu <hi rend="italic">Dundee</hi> in der Grafschaft <hi rend="italic">Angus</hi> sahe ich eine sehr schöne und sehr geräumige Kirche, die erst ein Jahr alt ist. Eine andere ist in dem Städtchen <hi rend="italic">Wick</hi> der Vollendung nahe. Wick liegt in der Grafschaft <hi rend="italic">Caithneß</hi>, fünfzig Stunden von Edinburgh. Eine zweite Kirche wird zu <hi rend="italic">Glencoe</hi> erbaut; eine dritte zu <hi rend="italic">Nord-Morar</hi>; eine vierte endlich ist ihrer Vollendung zu <hi rend="italic">Stirling</hi> nahe und wird gleich nach der Rückkehr des würdigen Priesters, der ihren Bau leitete, eingeweihet werden; jetzt befand er sich noch in Irland, um die nöthigen Unterstützungen sich zu verschaffen. Zu Stirling war bis daher keine katholische Kirche gewesen; der Gottesdienst wurde in einem Privathause gehalten, das aber wegen Zunahme der Glaubensgenossen den hinlänglichen Raum nicht mehr darbot. Die in Schottland und England gesammelten Beiträge sind nicht reichlich ausgefallen, aber man rechnet stark auf die Theilnahme der Irländer, denn es ist bekannt, daß dieses obwohl arme Volk doch im höchsten Grade mildthätig ist. Der Irländer ist stets bereit, seine letzte Kartoffel mit seinem Glaubensgenossen zu theilen.</p>
         <p>In den ersten Tagen des vergangenen Frühlings wurde zu. <hi rend="italic">Inverneß</hi> in der Humly-Straße eine katholische Kapelle eröffnet; Hr. <hi rend="italic">Kyle</hi> verrichtet die Weihe. Man sagt, viele Protestanten sollen an dem feierlichen Akte Theil genommen haben. Uebrigens ist es hinsichtlich der Größe ein Gebäude von geringer Bedeutung und eben so auch dem Style nach.</p>
         <p>Seit langer Zeit bestand zu <hi rend="italic">Elgin</hi> in <hi rend="italic">Morayshire</hi> eine katholische Gemeinde, welche die heiligen Geheimnisse in einem Privatzimmer feierte. So bedrängt der Raum auch war, so mußte er doch lange Zeit ausreichen, aber seit einigen Jahren entspricht er bei der Vermehrung der Gemeinde dem Bedürfnisse durchaus nicht mehr. Der ehrw. Sir John <hi rend="italic">Forbes</hi>, der dieser Gemeinde als Seelsorger vorsteht, hat die Erbauung einer Kapelle für seine sich täglich mehrende Heerde beschlossen. In dem Augenblicke, wo ich Ihnen schreibe, ist er im Begriff, eine Pilgerfahrt anzutreten, um nach eingeholter Erlaubniß seines Bischofs, die Mildthätigkeit der Gläubigen in den drei Königreichen in Anspruch zu nehmen. Dieser ehrwürdige Priester, der seit vierzig Jahren in der schottischen Mission arbeitet, und der den Glauben mitten unter Puritanern sich ausbreiten sah, setzt volles Vertrauen auf das Gelingen seiner Unternehmung. Seine Seelenruhe versinnlicht nur die heitere Fruchtlosigkeit, mit welcher die ersten Apostel die Bekämpfung des Heidenthums begannen. — Zuweilen ist es mir so vorgekommen, als wenn der Glaube, welcher Berge zu versetzen vermag in einer fieberhaften, verzehrenden Aufregung bestände, die kaltes Blut und Seelenruhe ausschlösse. Die paar Tage, welche ich bei Hrn. <hi rend="italic">Forbes</hi> zubrachte, haben mich enttäuscht. Ganz gewiß ist er ein wahrer Apostel, der Söhne <hi rend="italic">Abraham's</hi> dem Schooße des Felsens entrückte. Uebrigens versichere ich Sie, haß Niemand weniger von dem stür- |Sp. 1364| mischen Eifer beseelt ist, dessen Ausdruck einige Künstler in die Gesichtszüge des h. Petrus und Paulus zu legen für gut gefunden haben.</p>
         <p>Leben Sie wohl! Nächstens werde ich geordneter Ihren Mittheilungen über den Zustand des Katholizismus in Schottland machen. </p>
         <p rend="UKZ 7 11 zeitschriften">(Univers)</p>
         <p rend="UKZ 4 12 kursiv">Ungarn.</p>
         <p>
            <hi rend="italic">Preßburg</hi>, 4. Oktober. Man schreibt aus <hi rend="italic">Leutschau</hi>: Am 17. September wurde hier die, von den unter den ältesten Königen hier angesiedelten Sachsen bereits gegründete, jetzt aber neu erbaute und mit Kupfer gedeckte evangelische Kirche, zu welcher der Grundstein schon im Jahre 1822 von der, mit der Reformation beinahe gleichzeitig entstandenen evangelischen Gemeinde gelegt worden war, durch den Superintendenten, <hi rend="italic">Paul von Józéffy</hi>, in Gegenwart einer zahlreichen Versammlung eingesegnet. Das Innere der Kirche ist sehr zweckmäßig; das Altarbild ein Meisterstück des Malers Czauczik. </p>
         <p rend="UKZ 7 11 zeitschriften">(Preuß. St.-Ztg.)</p>
         <p>
            <hi rend="italic">Gran</hi>. Noch immer ist die Kathedrale in Gran, welche der verstorbene Kardinal <hi rend="italic">Rudnay</hi>, Primas von Ungarn, zu bauen unternahm, nicht vollendet. Bereits 6 Jahre lang stehen die Gerüste, von keinem Fuße der Werkleute mehr betreten, da, und fallen theilweise in sich selbst zusammen. Kühn und großartig ist der Bau begonnen, der das Schicksal hat, schon vor seiner Vollendung eine Ruine zu werden. Wird der künftige Primas ihn wieder aufnehmen? das steht wohl sehr zu bezweifeln. Noch ist keiner ernannt, und nachdem das Gerücht bereits fast alle hohen Kirchenhäupter Ungarns dazu bestimmt hat, verweilt es gegenwärtig bei dem Bischof von <hi rend="italic">Salzburg</hi>, Fürsten Schwarzenberg. Die Ungarn würden, wenn dieß in Erfüllung gehen sollte, wohl von der Ansicht ausgehen, es werde ihnen ein Fremder eingeschoben. </p>
         <p rend="UKZ 7 11 zeitschriften">(Schwäb. Merk.)</p>
         <p>
            <hi rend="italic">Raab</hi>. Der hochwürdigste Hr.Bischof von <hi rend="italic">Raab, Anton Juranics</hi>, und nicht der hochwürdigste Csanader Herr Bischof, wie uns durch unseren Correspondenten fälschlich berichtet wurde, ist mit Tode abgegangen, worüber wir von einem verläßlichen, den erwähnten Irrthum berichtigenden Correspondenten Nachstehendes erfahren. „Der hochwürdigste Herr Bischof, <hi rend="italic">Anton Juranics</hi>, ist im 70sten Lebensjahre gestorben, und ward am nämlichen Tage (30. August), an dem er vor 12 Jahren in sein bischöfliches Amt eingeführt wurde, zur Erde bestattet. Das Begräbniß fand mit größter Feierlichkeit statt; alle Straßen waren mit Menschen, welche sich wetteifernd nach dem Trauerwagen drängten, gefüllt. Die Bahre wurde, als der Zug vor der Kirche anlangte, von den Pfarrherren herabgenommen, und in die Kirche getragen. Der Hochwürdigste Herr Weßpimer Bischof, <hi rend="italic">Jos. Kopacsy</hi>, pontificirte bei dem Leichenbegängnisse.</p>
         <p rend="UKZ 7 11 zeitschriften">(Agram. pol. Ztg.)</p>
         <p rend="UKZ 4 12 kursiv">Deutschland.</p>
         <p rend="UKZ 5 11 kursiv mitte">Sachsen.</p>
         <p>
            <hi rend="italic">Dresden</hi> 31. August Zur <hi rend="italic">Berichtigung</hi> einer in No. 130. der „Allg. Kirch.-Ztg.“ vom 15. d. M. enthaltenen, aus Dresden datirten Nachricht über die Beisetzung eines vor zwei Monaten verstorbenen Protestanten, des Hauptmannes <hi rend="italic">von G</hi>., auf dem dasigen kathol. Begräbnißplatze, findet sich der Unterzeichnete, welcher mit Auswirkung der Erlaubniß zu jener, dem Wunsche des Verstorbenen gemäßen Beerdigung beauftragt war, und als Protestant um so unparteiischer ist, um Mißdeutungen vorzubeugen, Folgendes zu erklären veranlaßt:</p>
         <p>Unrichtig ist es, wenn in jener Correspondenz-Nachricht behauptet wird, die katholische Geistlichkeit habe das dießfallsige Gesuch der Familie als ganz unstatthaft abgeschlagen. Vielmehr hat sich letztere hiermit unmittelbar an das katholisch-geistliche Consistorium im Königreiche Sachsen, welches zum größeren Theile aus geistlichen Beisitzern besteht, gewendet, und dieses hat das Gesuch sofort mit vollkommenster Bereitwilligkeit, und in Uebereinstimmung mit einer bereits im Jahre 1831 dem Conditor S. ertheilten ähnlichen Erlaubniß, genehmigt. Nur der spätere Einspruch eines einzigen Geistlichen, des an der hiesigen kathol. Hofkirche angestellten Pfarrers und Superiors, legte der Ausführung jener vom Konsistorium bereits ertheilten Bewilligung ein Hin- |Sp. 1365| derniß in den Weg. Obwohl nun dasselbe in Abwesenheit des Apost. Vikars und Bischofs nicht sofort beseitigt werden konnte, so fand sich doch die mehrgedachte katholisch-geistliche Behörde bewogen, am folgenden Tage, <hi rend="italic">unerwartet höherer Einwirkung</hi>, um welche der Unterzeichnete im Auftrage der Verwandten inmittelst nachgesucht hatte, jenen Einspruch zu verwerfen, und, ohne Rücksicht auf denselben, die Beerdigung des Verstorbenen, an dem gewünschten Orte, neben seiner Gattinn, welche dem katholischen Glauben angehörte, zu gestatten.</p>
         <p>Advokat und Notar <hi rend="italic">Marschall von Bieberstein</hi>.</p>
         <p rend="UKZ 7 11 zeitschriften">(A. K. Z.)</p>
         <p>— den 10. Okt. Mit einer seit Jahren hier bestehenden mystischen Sekte, die nach ihrem Führer, dem Pastor an der hiesigen böhmischen Kirche, <hi rend="italic">Stephan</hi>, Stephanianer genannt zu werden pflegen, dürfte nächstens eine wohlthätige Veränderung vorgehen. Glaubhafte Nachrichten von nächtlichen Zusammenkünften beider Geschlechter an entlegenen Orten zu religiösen Zwecken gaben in der letzten öffentlichen Sitzung der Stadtverordneten Veranlassung zu vielseitigen Anträgen, theils auf Schließung der böhmischen Kirche, theils auf Abhaltung des Gottesdienstes in derselben nicht in deutscher, sondern bloß in böhmischer Sprache. — Auch bei den ständischen Berathungen ist davon die Rede gewesen, die böhmische Exulantenkasse mit 49,057 Malern Capital einzuziehen, da der frühere Zweck derselben nicht mehr zu erreichen sey. Die Einziehung dieser Kasse ist rechtlich nie zu rechtfertigen, und nur der Parteigeist und die Abneigung, die gegen die Mystiker hier im Allgemeinen herrscht, kann solche Maßregeln anrathen. Bei der vorerwähnten öffentlichen Berathung der hiesigen Stadtverordneten kamen freilich Thatsachen zur Sprache, die es allenfalls rechtfertigen, einzelne sogenannte Stephanianer, wenn auch nicht polizeilich zu verfolgen, doch zu bemitleiden: die oft wiederholten Anträge des Stadtraths, auf Aufhebung der böhmischen Gemeinde, das Verbot der nächtlichen religiösen Promenaden beiderlei Geschlechts, unter dem Titel religiöser Sprechstunden u. s. w., die früheren abschlägigen Bescheidungen des Stadtraths Seiten des Conferenzministers Grafen <hi rend="italic">Einsiedel</hi> und der nachherigen Cultusminister, ein Bericht des Physicus, nach welchem 13 Anhänger des Pastor <hi rend="italic">Stephan</hi> wegen Verrücktheit (unter diesen zwei Mörder aus religiösem Wahnsinn) bereits in dem Stadtkrankenhause sich befunden haben. Man beschloß einstimmig, von Neuem bei dem Cultusministerium die Schließung der böhmischen Kirche, die früher ursprünglich nur eine Begräbnißkapelle war, zu beantragen. Der Mysticismus findet hier, außer den eigentlichen sogenannten echtlutherischen Christen, durchaus keinen Anklang, auch ist es nicht unbekannt, daß seit einiger Zeit Emissäre der schlesischen altlutherischen Kirche hier thätig sind, und mit den Stephanianern in Verbindung stehen. Die durch ihren herausfordernden Titel bekannte, gegen Prof. <hi rend="italic">Krug</hi> und Oberhofprediger Dr. <hi rend="italic">v. Ammon</hi> gerichtete Brochüre des Frhrn. <hi rend="italic">v. Uckermann</hi> ist ein Beweis, daß diese Religionspartei auch in neuerer Zeit sich verstärke. Pastor <hi rend="italic">Stephan</hi> ist übrigens, von seinen religiösen Ansichten abgesehen, einer unserer ausgezeichnetsten Kanzelredner. </p>
         <p rend="UKZ 7 11 zeitschriften">(Leipz. Allg. Ztg.)</p>
         <p>
            <hi rend="italic">Leipzig</hi>, 12. Okt. Aus Lützen wird uns unterm 11. d. berichtet, daß am 6 Nov. d. J. das für <hi rend="italic">Gustav Adolph</hi> von Schweden errichtete Denkmal enthüllt werden soll, und daß die dabei stattfindende Feierlichkeit um so interessanter zu werden verspricht, als der evangel. Bischof Dr. <hi rend="italic">Dräseke</hi> die Weiherede zu halten versprochen hat. </p>
         <p rend="UKZ 7 11 zeitschriften">(Leipz. Ztg.)</p>
         
         </div>
         <div type="ta">
         <head>Theologische Akademie.</head>
         
         <div type="taka">
         <head>Katholische Abtheilung.</head>
         <p><title>  <hi rend="bold">Religiöse Kunst.</hi><lb/>
        
            <hi rend="bold">* </hi>
            <hi rend="italic bold">Lessing's</hi>
            <hi rend="bold"> Hussitenpredigt; </hi>
            <hi rend="italic bold">Bendemann's </hi>
            <hi rend="bold">Jeremias.</hi></title>
          
         </p>
         <p>Die große und verdiente Theilnahme an diesen Meisterstücken deutscher Kunst ladet Jeden ein, seine Gedanken und seine Ge- |Sp. 1366| fühle durch sie hervorgerufen, freundlich mit Andern auszutauschen, und so sein Schärflein zu der allgemeinen geistigen Bewegung beizutragen.</p>
         <p>Dieselbe Kraft des Geistes und des Gemüthes, die in <hi rend="italic">Lessing's</hi> Landschaften selbst dem kleinsten Grashalm Leben und Bedeutung, jedem Lichtstrahl seine Freude, seine Sprache einhaucht, die den starren Fels, das stille Wasser, den Baum mit seinem grünenden Laube, den einsamen Weg, kurz die ganze Natur mit gewaltiger Macht zwingt, ein Leben zu leben, und so wie es in des Künstlers tiefster Brust verschlossen glüht und quillt, — diese Schöpfersprache, die uns mit sich hinreißt in ihre Welt, tritt uns auch auf diesem Bilde <hi rend="italic">Lessing's</hi>, wo die Natur nur den Hintergrund einnimmt, und Mensch und Menschliches die ideale Welt des Künstlers offenbaren sollen, kühn und gewaltig entgegen. Die ganze Handlung des Stückes, alle Personen auf ihm und mit ihnen die Umgebung der Natur, machen ein Ganzes aus, das äußerlich und innerlich <hi rend="italic">einen</hi> Mittelpunkt hat, einen lebenströmenden Quell, und zwar in dem schwärmerischen Prediger, der, in der Mitte der Handelnden erhöht, das begeisternde Zeichen ihres Glaubens, den Kelch in seiner Hand, dasteht. Wir hören seine Worte nicht, wir vernehmen nicht mit ihnen die Kraft seines Willens, das Feuer seiner Gefühle, aber wir sehen in sein glühend suchendes Auge, wir hangen an dem begeisterten, thatkräftigen aber wehmüthig gebrochenen Ausdruck seines Gesichtes. Der ganze Kreis der Zuhörer, jeder nach seinem Erkenntnißvermögen und nach seinem gläubigen, hingebenden Gemüthe, lebt von dem Leben des Predigers, denkt, will, hofft und fürchtet, was er, ist erleuchtet von demselben Lichte, umdunkelt von derselben Nacht. Es ist ein wahrhaftes Kunstwerk; darüber ist <hi rend="italic">eine</hi> Ansicht, nur <hi rend="italic">eine</hi> freudige Anerkennung.</p>
         <p>Wohl steht hierin das liebliche und erhebende Bild <hi rend="italic">Bendemann's</hi> nach. Selbst für die Anschauung bietet es keinen eigentlichen Mittelpunkt. <hi rend="italic">Jeremias</hi> sitzt wohl in der Mitte, aber die wahnsinnige Mutter, das todte Kind, die beiden Geschwister, die ihrem Vater den letzten Liebesdienst erzeigen, der sterbende Bruder mit dem in schmerzlicher Neugier forschenden Knaben, so schön sie sind, so führen sie doch unsere Augen ab vom J<hi rend="italic">eremias</hi>! Sie wenden sich sichtbar von ihm weg, und damit auch uns. <hi rend="italic">Jeremias</hi> aber fehlt, trotz seiner Bestimmtheit und Erhabenheit die Stellung, die uns den Propheten bezeichnet, den Mann, der durch seine Vaterlandsliebe, und noch mehr durch Gottes Ruf, der Hort seines Volkes, vor der Zerstörung und nach ihr, das letzte Band mit dem Himmel, da der Hohepriester, die Bundeslade, der Tempel, die heiligen Bücher, alles verloren, da die ganze Nation in die Verbannung getrieben, und das wilde Jauchzen des feindlichen Heeres durch den Tumult der stürzenden Zion zu den Ohren der armen Zurückgelassenen dringt. In diesem Verhältnisse steht er zu keinem von allen Figuren des Bildes; (und doch sieht man, daß er in diesem Augenblicke vom Künstler für alle als Mittel- und Haltpunkt gedacht und dargestellt ist, .aber nur in geringem, ich möchte sagen, in zu geringem Maße.) Auch erscheinen die Leiden dieser Gestalten mehr als Privatleiden, als daß sie ganz durchdrungen seyn sollten von dem unendlichen Jammer ihres Volkes, von dem Bewußtseyn dieses gewaltigen Strafgerichtes ihres Gottes und Herrn. Der alten Mutter mit dem jugendlichen Mädchen, herrlichen, liebevollen Gestalten, die den unendlichen Schmerz noch einmal in vollen Zügen trinken wollen, und sich deshalb in ihre innere Welt verschließen, traut man dieses zu. Sie sind nothwendige Gestalten.</p>
         <p>Man könnte ferner fragen, ist <hi rend="italic">das Jeremias</hi>, der berufene des <hi rend="italic">Herrn</hi>, sein <hi rend="italic">Mund</hi>, sein Wort? Erscheinen in den Klageliedern seine Augen ermüdet von Thränen, so blicken sie doch voll Muth und Hoffnung zu Ihm, Israels Retter und Gott. Hier hat uns der Künstler nur die eine Seite dieses erschütterndsten Schmerzes der auserwählten Nation, nämlich die irdische, dargestellt. Darum verbirgt er uns auch die Augen, denn sie mußten Zeugniß geben von der göttlichen Seite. Nun dient ihm auch die Natur weniger, unbestimmt ist das Licht, was auf diese Gestalten fällt, kraftlos, unsicher; die grausige Oede der brennenden Stadt, wo nichts Menschliches mehr, als die blutigen Haufen der Erschlagenen, tritt kaum hervor. Mit ganz anderer Gewalt ist der geistige Inhalt des <hi rend="italic">Lessing</hi>'schen Stückes ausgeprägt und ausgedrückt; bei <hi rend="italic">Bendemann</hi> ist er durch das Natürliche sowohl in dem ganzen Ereignisse, als in den Menschen |Sp. 1367| und ihren Ereignissen und Zuständen überwunden. Und wiederum auch deshalb erscheinen keine Augen auf dem Bilde, denn sie sind der Spiegel des Geistes, die Sprache der geistigen Welt, die beste für den Maler. Die Idee aber dieses Stückes, das größte Unglück, was die merkwürdigste Nation der Welt getroffen, in ihrem damals größten Manne darzustellen, ist wahrhaft herrlich und erhaben. Noch ertönen die Klagen dieses Propheten jährlich am bestimmten Tage in allen Kirchen der kathol. Christenheit, es gibt dann keine Nation, die nicht Theil nähme an diesem Schmerze. Wäre daher die Gewalt der Darstellung so wie bei der Hussitenpredigt, Niemand würde diesem Bilde die Palme streitig machen, alle Herzen würden gleich erschüttert, gleich zum Höchsten erhoben werden. Gottesfurcht und Gottesliebe, Vaterlandsliebe, Mutter-Kindesliebe in allen ihren Aeußerungen enthält dieses schöne Bild; von jenen Gedanken und Gefühlen, die alle Herz und Geist erleuchten und durchglühen, ist es erfüllt, es schlägt tausend schöne Saiten in uns an, während in der Hussitenpredigt das innere Gähren und Streiten der Finsterniß mit dem Lichte, der Sünde mit der Heiligkeit, der schrecklichsten Selbstsucht mit der kindlichsten Hingebung in allen Gestalten und Abstufungen sich darstellt. Uneins und zerrissen ist der Geist, den es ausspricht; Licht, tief getrübt durch Dunkel; nichts Reines, nichts Festes, nichts wahrhaft Erhabenes ist in diesen Gestalten, und trübe, wirr und unbefriedigt ist der Eindruck — frage sich ein Jeder — den es auf uns macht. Keines von den Banden unseres Herzens will zerbrechen, und wie wir in uns zerrissen vor dem Bilde stehen, steht auch der Kreis der Zuschauer zerrissen unter sich vor ihm. Nichts ist in ihm, was den Menschen näher an den Menschen schlösse, als das gemeinsame Mitleid mit diesen trüben, wirren Männern, in denen die edelsten Züge, Glaube, Vertrauen, gränzenlose Aufopferung sich kund geben, die alle hoffen aufzuleben in dem Leben, das der Prediger so begeistert ausströmt, die in ihm zur vollen Entfaltung der Freiheit zu gelangen sich sehnen, und nie und nimmer können werden; man sehe nur in die irren, unsicheren, nichts Festes, nichts von Himmelsklarheit leuchtendes, in sich haben den Augen des männlich schönen, von tiefer, wehmüthiger Schwermuth durchfurchten und veredelten Antlitzes ihres Predigers.</p>
         <p>Je größer die Genialität beider Meister, um so mehr möchte man sich sehnen nach der Zeit, wo der epische <hi rend="italic">Bendemann</hi>, fortfahrend, das Leben jener merkwürdigsten Nation vor ihrem Könige und Herrn in ihren wichtigsten Zuständen uns vor Augen zu führen, uns ganz jene Seligkeit, jene Schönheit, jene Erhabenheit schauen ließe, in der die hohen Männer jenes Volkes lebten, und uns also die Herrlichkeit einer andern Welt in Gestalten und Farbe der hiesigen ahnen und genießen ließe. Möchte <hi rend="italic">Lessing's</hi> tiefsinnige grübelnde Kraft das Unrecht und die Sünde mit ihren Abgründen, ihrer Finsterniß, ihrem Schmerze im Kampfe mit den leuchtenden, beseelenden Strahlen der göttlichen Wahrheit, Liebe und Schönheit darstellen, nicht im ungleichen Kampfe, wie auf diesem Bilde, sondern so, daß unsere Seele von Schönheit und Seligkeit erfüllt, und dem Geiste die tiefsten und höchsten Geheimnisse in ihrer Herrlichkeit ahnend erschlossen würden! </p>
         <p>Nur so kann die Zeit kommen, wo die Kunst in Wahrheit Erzieherinn der Nation, wo sie wirklich ein heiliges Band für die leider immer mehr und mehr zersplitterte Menschheit, und ein unentweihter, unerschöpflicher Born würde, aus dem tausende Erquickung, Segen und heilige Freuden schöpften, wo sie das Alltäglichste mit dem Lichte der Schönheit durchdränge, das Niedrigste mit dem Schimmer der Liebe verklärte, das Erhabenste und Tiefste mit irdischen Stoffen umkleidet, unsern Augen und unserer Seele nahe brächte, so daß sie ein Geschenk Gottes, und eine Wiederherstellerinn der gefallenen Welt, wiederum Alles zu Ihm vereinte, und ein lebendiges Zeugniß wäre von den Worten der heil. Schrift, daß die Natur ein Spiegel Gottes und der Leib des Menschen ein Tempel des heil. Geistes.</p>
         <p>Schließlich möchten wir als geringen Dank beiden Meistern wünschen, mit eigenen 
            Augen und Ohren die allgemeine und edle Aufregung unserer ganzen Stadt, 
            hervorgerufen durch ihre Leistungen, vernommen zu haben. 					
            <hi rend="italic">Münster</hi>. Sch. <lb/>|Sp. 1368|</p>
        
         </div>
            <div type="tais">
            <head>
           Israelitische Abtheilung.</head>
         <p><title> <hi rend="bold">* Erstes Prologomenon zu einer künftigen Dogmatik und Sittenlehre für Israeliten. </hi></title>
           <lb/>
            <hi rend="bold"> Von Dr. S.</hi>
            <hi rend="italic bold">Scheyer </hi>
            <hi rend="bold">in Frankfurt am Main.</hi>
         </p>
         <p>(Fortsetzung.)</p>
         <p>Was zuförderst die nichtpentateuchischen h. Schriften betrifft, so leuchtet es von selbst ein, daß sie keine ursprüngliche sondern nur eine abgeleitete Quelle der offenbarten religiösen und sittlichen Lehren sind, und also keine neuen, im Pentateuch nicht entweder ausdrücklich vorkommenden, oder doch aus demselben zu entwickelnden religiösen und sittlichen Wahrheiten enthalten können.</p>
         <p>Die offenbarte Religion wurde durch Moses in ihrem ganzen Umfange vollständig mitgetheilt, und niemand, selbst kein Prophet, hatte die Befugniß, die wesentlichen Lehren der mosaischen Religion zu vermehren oder zu vermindern, wie es ausdrücklich im Gesetze heißt<note place="foot" xml:id="ftn2" n="2">
               <p rend="UKZ 8 fussnote"> לא תוסיפו על הדבר אשר אנכי מצוה אתכם היום ולא תגרעו ממנו (Deut. 4,2.) Ef. ib 13,1.</p>
            </note> und wie die Rabbinen mit Entschiedenheit annehmen.<note place="foot" xml:id="ftn3" n="3">
               <p rend="UKZ 8 fussnote"> Megillah, 2b, אלה המצות שאין נביא רשאי לחדש דבר <lb/>Aben Esra über Ex. 12 2 ,מעתה עתה הזכיר תהלת המצות שהיו על ידי משה ואהרן כי הם לבדם היו נביאי התורה כי אהריהם לא נתחדשה מצוה רק אם היתה לצורך שעה כדבר גרעון ואליהו.</p>
               <p rend="UKZ 8 fussnote">Ef. auch Nedarim 22,b. אמר רב אדא ברבי חנינא אילמלא לא חטאו ישראל לא ניתן להם אלא חמשה חומשי תורה וספר יהושוע בלבד שערכה של ארץ ישראל הוא.</p>
               <p rend="UKZ 8 fussnote">Ein merkwürdiger Beleg ist auch Moed katon 5,a. אמר ר' חסד' דבר זה מתורת משה לא למדנו וכו' מקימי דליתי יחזקאל מאן אמר?</p>
               <p rend="UKZ 8 fussnote">Ef. dag. Berachoth S. 5a, אשר כתבתי, אלו נביאים וכתבים וכו מלמד שבולם נתנו למשה מסיני wo das Agadische nicht zu verkennen ist. Aehnliche Aeußerungen finden sich in den Midraschim.</p>
            </note>
         </p>
         <p>Die Lehrer der Nation, die nach Moses auftraten, und namentlich die Propheten, die von Gott begeisterten Männer, sollten nicht den Kreis des Gesetzes erweitern, sondern die Lehren der mosaischen Religion verbreiten, entwickeln, auf die Verhältnisse ihrer Zeit anwenden, und die Herzen der Israeliten für dieselben gewinnen.</p>
         <p>Die historischen Bücher, die Schriften der Propheten und der übrigen heiligen Männer, für deren wunderbare Erhaltung wir der Vorsehung nicht genug danken können, dienen uns daher allerdings, so gut wie unsren Vorfahren, für welche sie abgefaßt, oder denen sie durch das lebendige Wort mitgetheilt wurden, zum richtigen Verständniß des Geistes der Lehre Mosis, und lehren uns die wichtige Kunst, den in dem offenbarten, göttlichen Worte liegenden, reichhaltigen Keim zu entfalten, und für die jedesmaligen Bedürfnisse des Lebens fruchtbar zu machen. Aber die Urquelle<note place="foot" xml:id="ftn4" n="4">
               <p rend="UKZ 8 fussnote"> Darum heißt es oft im Talmud: דברי תורה מדברי קבלה לא ילפינו, Nidda, 23a, Babba Kama 2b.</p>
            </note> der sittlichen und moralischen offenbarten Lehren bleiben die Bücher Mosis, für welche die übrigen heiligen Bücher des Kanon's als die, freilich lehrreichsten und unvergleichbaren, Commentare zu betrachten sind.</p>
         <p>Wenn die Schrift sagt: „Einen Propheten will ich ihnen aufstellen, aus der Mitte ihrer Brüder, wie du bist: ich gebe meine Worte in seinen Mund, und er soll zu ihnen reden Alles, was ich ihm gebiete“ (Deut. 18,18) so<note place="foot" xml:id="ftn5" n="5">
               <p rend="UKZ 8 fussnote"> Ef. Hilchoth Jesode Thora 9,2. [Red.]</p>
            </note> ist hier nicht die Rede |Sp. 1369| von neuen Gesetzen, welche Gott durch den Propheten der mosaischen Religion hinzufügen werde; sondern theils von göttlichen Ermahnungen an das von Gott abtrünnig gewordne Volk, oder an einzelne auf die Gesammtheit einflußreiche Männer, die dem göttlichen Gesetz entgegen handeln; theils von göttlichen Rathschlägen, die der Prophet in Beziehung auf wichtige Staatsunternehmungen oder auf die Errichtung politischer und religiöser, in dem mosaischen Gesetze begründeter Institute, dem Volke mittheilen soll.</p>
         <p>Mit nicht geringerer Evidenz läßt sich nachweisen, daß auch die Tradition oder die mündliche Offenbarung keine eigentlichen theoretischen Lehren und sittlichen Gebote enthielt, sondern sich lediglich auf die positiven ceremoniellen und juridischen Verordnungen bezog.</p>
         <p>Bekanntlich finden sich viele Stellen im Pentateuch, welche das Vorhandenseyn einer mündlichen Ueberlieferung voraussetzen, und daher auch von den Vertheidigern der Tradition zur Bekämpfung der Läugner derselben als Belege angeführt werden. Diese Stellen, welche in dem Buche כוזרי שני, das sich die Nachweisung der Existenz einer mündlichen Ueberlieferung aus den kanonischen Schriften zur Aufgabe stellte, mit ziemlicher Vollständigkeit gesammelt sind, beziehen sich sämmtlich auf die positiven Verordnungen und sprechen eben darum schon für unsere aufgestellte Behauptung.</p>
         <p>Allein diese wird noch stärker Begründet, durch die Bedeutung der Tradition. Die Ansicht des Maimonides über den Grund warum die mündlichen Ueberlieferungen nicht auch in den Pentateuch aufgenommen wurden, ergibt sich aus seiner Bemerkung über die bekannte talmudische Stelle: דברים שבעל פה אי אתה רשאי לאומרן בכתב Gittin 60b, nach welcher ehemals nichts Schriftliches über die Tradition abgefaßt werden durfte.</p>
         <p>Dieß war sagt er (Führer der Verirrten 1,71) höchst weise. Man vermied hierdurch ein großes Uebel nämlich die Streitigkeiten und die Zweifel, welche sich im Laufe der Zeit in Beziehung auf den Sinn eines schriftlich verfaßten Werkes erheben, und die selbst in der Praxis zur Sectirerei Veranlassung geben. Darum wurde die mündliche Lehre dem großen Gerichtshofe überliefert,<note place="foot" xml:id="ftn6" n="6">
               <p rend="UKZ 8 fussnote"> In demselben Sinne spricht sich auch R. <hi rend="italic">Albo</hi> aus Ikarim 3,23: והפי' הזה התורה שמסר משה ליהושע ויהושע לבאים אחריו הוא שקרא תורה שבעל פה, לפי שאי אפשר שיבוא הפי' הזה בכתב, בי בכתב ההוא יפול גם כן הספק שאמרנו שיפול במכתב הראשון ויצטרך פי' לפי' וכן לבלת תכלית.</p>
            </note> wie wir in unseren talmudischen Werken bemerkt haben (הלכות ממרים פרק א) und wie die Schrift ausdrücklich lehrt. (5. B. M. 17,9.)</p>
         <p>Demnach war der Zweck der Tradition, d. h. der Nichtaufnahme des Inhalts derselben in die Bücher Mosis und ihrer Ueberlieferung in die Hände einer geistlichen Behörde, kein anderer, als die Verhütung der Zweifel und der Zwistigkeiten in Betreff der Auffassung und Anwendung der göttlichen Gebote.</p>
         <p>Hierin finden wir aber sogleich eine unwiderlegliche Bestätigung, daß aus dem Inhalte der Tradition die theoretischen Lehren und sittlichen Gebote ausgeschlossen blieben. Die Möglichkeit nämlich, daß durch die Ueberlieferung der nicht aufgeschriebenen traditionellen Lehren in die Hände des obersten Gerichtshofes jene Zweifel und Streitigkeiten von der Nation entfernt gehalten wurden, gründet sich auf die unbeschränkte Competenz<note place="foot" xml:id="ftn7" n="7">
               <p rend="UKZ 8 fussnote"> Hilchoth Mamrim Cap. 1,1. בית דין הגדול שבירושלים הם עיקר תורה שבע''פ והסעמודי ההוראה ומהם חק ומשפט יוצא לכל ישראל ועליהן הבטיחה תורה שנאמר על פי התורה אשר יורוך זו מצות עשה וכל המאמין במשה ובתורתו הייב לסמוך מעשה הדת עליהן ולשען עליהן.</p>
               <p rend="UKZ 8 fussnote">Ef. Sanhedrin 86,b. ב''ד שבלשכת הגזית שממנו יוצאת תורה לכל ישראל. </p>
            </note>, welche dieser geistlichen Behörde in Sachen der Religion von dem Gesetze zuerkannt war, und vermöge deren ein widerspenstiger Gelehrter (זקן ממרא) in gewissen Fällen seinen Ungehorsam mit dem |Sp. 1370| Tode büßte. (5 B. M. 17,12.) Indem also die Mitglieder jener Behörde, welche im (keineswegs<note place="foot" xml:id="ftn8" n="8">
               <p rend="UKZ 8 fussnote"> Jeder Israelite hatte die Verpflichtung, das Gesetz zu studiren, und es gereichte ihm dieses Studium zum höchsten Verdienste (Ef. Peah Cap. 1,1, Joma 72b. שלשה זירין הן ובו של ארון עדין מונח הוא כל הרוצה ליקח יבוא. ויקח שמא תאמר פחות הוא וכו'.</p>
            </note> ausschließlichem) Besitze der erläuternden und ergänzenden Tradition, ihr Leben dem Studium des Gesetzes widmeten, bei vorkommenden Fragen ihre Entscheidung de non appellando abzugeben hatten, wurde die Gefahr des Zwiespalts und der Streitigkeiten verhütet, d. h. es wurde in der Ausübung der mosaischen Verordnungen die zur Aufrechthaltung der Religion und der Staatsverfassung, nothwendige Einheit unter den Israeliten erhalten.</p>
         <p>Insofern aber der Gerichtshof, der kein Inquisitionstribunal war, nur über die Einheit in der <hi rend="italic">Ausübung</hi> der mosaischen Verordnungen, keineswegs über die Einheit<note place="foot" xml:id="ftn9" n="9">
               <p rend="UKZ 8 fussnote"> Sanhedrin 86,b. חזר (הזקן ממרא) לעירו ושנה ולמד כדרך שהיה למד פטור ואם הורה לעשות חייב שנאמר האיש אשר יעשה בזדון אינו הייב עד שיורה לעשות.</p>
               <p rend="UKZ 8 fussnote">Die selbstständige Erforschung des göttlichen Wortes nach allen seinen Theilen stand jedem frei; jeder durfte die Ergebnisse seiner Untersuchungen als den richtig aufgefaßten göttlichen Willen ansehen, und die gefundene Wahrheit Anderen mittheilen, ohne sich um die Entscheidung der gerichtlichen Behörde, die nur über die Einheit in der Praxis zu wachen hatte, zu bekümmern, und ohne Beeinträchtigung von derselben zu befürchten. Nur dann war er straffällig, wenn er seine mit dem Ausspruche der geistlichen Behörde im Widerspruche stehende Meynung in der Praxis geltend machen wollte, weil er zu gefährlichen Spaltungen und Streitigkeit Veranlassung gab. Sanhedrin 88b. כדי שלא ירבה מהלוקת בישרא Ef. Maimonides F. d. V. 3,41. Hieraus erklären sich die Worte des Siphri über 5 B. M. 17,11.  אפ' מראים בענך על שמאל שהוא ימין ועל ימין שהוא שמאל שמע להם welche von Ramban, Albo (Ikarim 3,23) Abarbanell, und Misrachi, verschiedentlich ausgelegt, aber am besten mit Raschi und Rabbi Nisim im buchstäblichen Sinne genommen werden. Demnach bestand selbst in Betreff der positiven Verordnungen vollkommene Denk- und Lehrfreiheit, und die Ansicht des Maimonides, welcher (Hilchoth Mamrin 3,2) von einer Beschränkung der Lehrfreiheit durch die geistliche Behörde redet, ist nicht im Talmud enthalten und nicht zu billigen. </p>
            </note> in der <hi rend="italic">Ansicht</hi> über das mosaische Gesetz zu wachen hatten; so mußte sich nothwendig seine Competenz auf die positiven, mosaischen Gebote und Verbote einschränken, und es ist eine Entscheidung der geistlichen Behörde über Zweifel und Streitigkeiten, welche rein religiöse und sittliche Angelegenheiten, also Gesinnungen und Ansichten betreffen, etwas Undenkbares und Unmögliches. Gesinnungen und Ansichten sind Dinge, bei welchen der Israelite nicht die Autorität anderer Menschen, sondern nur die Autorität des göttlichen Wortes, und keinen andern kompetenten Gerichtshof als den seiner Vernunft und seines Gewissens anzuerkennen brauchte.</p>
         <p>Ist es nun gewiß, daß die Competenz der geistlichen Behörde sich nicht über die theoretischen Lehren und rein sittlichen Gebote erstreckte, wie auch schon aus den Worten der Schrift (Deut. 17,8<note place="foot" xml:id="ftn10" n="10">
               <p rend="UKZ 8 fussnote"> Ef. Siphri über diese Stelle und Sanhedrin 77b oben. </p>
            </note> „zwischen Blut und Mut, zwischen Rechtssache und Rechtssache, zwischen Plage und Plage“ deutlich hervorgeht, so ist es auch erwiesen, daß für diesen Theil der mosaischen Gesetzgebung keine mündlichen Ueberlieferungen vorhanden waren, weil, wie wir gesehen, Competenz der geistlichen Behörde und mündliche Ueberlieferungen in genauester Verbindung stehen, und mit der Competenz zugleich der Grund wegfällt, warum solche Ueberlieferungen, wenn es gäbe, nicht in die Bücher Mosis aufgenommen wurden. Es ist also die ganze Summe der offenbarten in religiösen und sittlichen Wahrheiten in den Büchern Mosis enthalten, und es giebt demnach keine Tradition über diesen Kreis der mosaischen Gesetzgebung.</p>
         <p>Wem unsere aus der Bedeutung der Tradition hergenommenen Gründe noch nicht genügen sollten, den denken wir durch die Beschaffenheit der Tradition, wie die Rabbinen uns dieselbe darstellen, für unsere Ansicht zu gewinnen.</p>
         <p>|Sp. 1371| Die gesammte Tradition, welche<note place="foot" xml:id="ftn11" n="11">
               <p rend="footnote text"> Traktat Erubin 84b, Berachoth 5a.</p>
            </note> Gott an Moses offenbarte und dieser wiederum seinen Zeitgenossen mittheilte, und namentlich in die Hände der obersten geistlichen Behörde gab, bestand nach der Vorstellung der Rabbinen in drei Theilen </p>
         <p>1) in der philologischen Auslegung des geschriebenen Wortes. Diese lehrte z. B., daß 2 B. Mos. 21,24 unter עין תחת עין (Traktat Baba Kama S. 83-84) Geldentschädigung, daß 3 M. 16,29 unter את נפשותיכם <note place="foot" xml:id="ftn12" n="12">
               <p rend="UKZ 8 fussnote"> In der trefflichen Uebersetzung des Hrn. <hi rend="italic">Johlson</hi>, werden die Worte תענו את נפשותיכם „sollt ihr demüthigen Euere Seelen übertragen.“ Das Unrichtige der oft getadelten Uebertragung dieser Worte liegt nicht darin, daß sie der Tradition widerspricht (Ef. <hi rend="italic">Johlson's</hi> Vorrede zum zweiten Theil seines Bibelwerkes Seite XX), sondern darin, daß ענוי נפש nicht eine innere, sondern eine äußere Peinigung, wenn auch nicht nothwendig das Fasten bezeichnet, wie aus Jesaias 58,3 erhellet.</p>
            </note> תענו „Fasten“ (Traktat Joma 74b). Daß 3 B. Mos. 23,40 unter פרי עץ חדר Ethrog (Traktat Sukka S. 35b) verstanden sey; </p>
         <p>2) in dem dialektischen System, einer Art überlieferten Logik, nach deren Gesetzen aus den vorhandenen göttlichen Verordnungen neue, welche durch die Bedürfnisse der Zeit nothwendig werden abzuleiten sind. Die מרות שהתורה נדרשת בהן bilden den wesentlichen Inhalt dieses dialektischen Systems, zu welchem jedoch noch andere Grundsätze gehörten Traktat. Menachoth S. 29b. Mit Hilfe des dialektischen System's wird z.B. Traktat Jebomath 70a die nicht im Pentateuch enthaltene Bestimmung ermittelt, daß ein Priester, so lange er nicht beschnitten ist, keine תרומה Hebe genießen darf. נאמר תושב' ושכיר בתרומה וכו</p>
         <p>3) in Lehren und Verordnungen die weder ausdrücklich im Pentateuch stehen noch durch die überlieferte Dialektik aus dem<note place="foot" xml:id="ftn13" n="13">
               <p rend="UKZ 8 fussnote"> Der bemerkte Charakter der Halachas, daß sie weder aus dem Wortsinne der Schrift, noch durch die Dialektik herzuleiten sind, wird schon von Maimonides (in der Einleitung seines Commentars zu Seraim) angegeben und er beruft sich auf (fehlerhaft steht dort Berachoth 41) Sukka S. 6, was auch und noch deutlicher aus Pesachim 38b unten, und nicht minder aus Menachoth 89a erhellet. Statt des Ausdruckes הלכה למשה מסיני heißt es auch zuweilen הילכתא גמירי לה (Traktat Chulin 72a); auch einfach גמירי Sanhedrin (101b) Jona 32a.</p>
               <p rend="UKZ 8 fussnote">Indessen ist גמירי nicht immer identisch mit הלכה למשה Ef. Chagiga 15a גמירא דלמעלה לא ישיבה וכון הוי לא Taanith 29a  וגמירי דכי גזרי גזירתא ומית הד מניהו Sanhedrin 92b וכול הו גמרא וארבע מלכיות קרא Vielfache Belehrung über diesen Gegenstand bietet R. <hi rend="italic">Bacharach</hi> in הות יאיר Gutachten 192, wo auch die unhaltbare Ansicht des <hi rend="italic">Maimonides</hi>, daß das Traditionelle keinem Streite unterworfen seyn könne (Ef. 1c. und Hilchoth Mamrim Cap. 1,3) bündig widerlegt ist. Daß Tosphoth die Ansicht des Maimonides nicht theilt, ist wahrscheinlich; geht aber nicht wie R. <hi rend="italic">Bacharach</hi> meynt, aus Erubin 21b ד''ה מפני מה לא נכתבו hervor. Seine Auslegung des Tosphoth in Jebomath 77b ד''ה הלכה אני אומר ist daher richtig, obwohl ohne dieselbe nicht gerade ein Widerspruch mit dem angeführten Tosphoth in Erubin 21b stattfinden würde. Uebrigens ist es an sich klar, daß (Jebomath 77b) von keiner Halacha an Moses die Rede seyn kann, da eine solche nicht aus dem Pentateuch herzuleiten ist, und kann, da eine solche nicht aus dem Pentateuch herzuleiten ist, und R. <hi rend="italic">Simon</hi> doch ausdrücklich sagt: .ועוד קרא מסייעני Neben diesem Gutachten ist mit Nutzen nachzulesen die gelehrte Abhandlung des Hrn. Dr. <hi rend="italic">Creizenach</hi> „Beiträge zur Beurtheilung des Talmuds“ in der wissenschaftlichen Zeitschrift 2. Bandes 2. Heft, S. 272-284 und 3. Bandes 2. Heft S. 171-180.</p>
            </note> Inhalt des Pentateuchs zu ermitteln sind, daher zur Ergänzung und Vervollständigung des Gesetzes ausdrücklich an Moses offenbart wurden, und unter dem Namen הלכות למשה מסיני bekannt sind, z. B. Traktat Menochoth 32aהלכה למשה מסיני תפילין על הקלף ומזוזה על דוכסום תום. Diese drei Glieder, die philologische Auslegung das dialektische System und die Halachoth an Moses bilden die vollständige Reihe der Tradition. Mit Ausnahme der natürlichen Logik, die allerdings ebenfalls zur Entwicklung des Gesetzes benutzt wird, die also zur Dialektik aber nicht zur Tradition gehört, findet sich in den uns vorliegenden Quellen der Tradition kein viertes Glied, |Sp. 1372| läßt sich auch keines denken, und man darf mit Entschiedenheit behaupten, daß alle Lehren und Verordnungen, welche wirklich der mosaischen Religion angehören, entweder ausdrücklich im Pentateuch stehen, oder eine Halacha an Moses seyn, oder in der philologischen Auslegung oder in dem dialektischen System ihre Begründung finden müssen, oder endlich durch konsequente Vernunftschlüsse mit Nothwendigkeit aus der vorhandenen mosaischen Gesetzgebung hervorgehen. Wenn es nun gelingt nachzuweisen, daß sogar die Rabbinen die erwähnten drei Theile der mündlichen Ueberlieferung nur auf die Erläuterung und Ergänzung des positiven Inhalts der mosaischen Gesetzgebung beziehen können; dagegen von den Rabbinen rücksichtlich des reinvernünftigen und religiösen Inhalts dieser Gesetzgebung kein anderes Mittel der Entwickelung als der Gebrauch der Vernunft und das redliche Forschen im geschriebenen Worte Gottes angewendet wird; so gewinnen wir auch von Seiten der Beschaffenheit der mündlichen Überlieferung einen neuen unumstößlichen Beweis für unsere Ansicht und Niemand, der nicht den Rabbinen selbst, den Bewahrern der mündlichen Ueberlieferung, die Autorität absprechen will, darf denn vernünftiger Weise an der Wahrheit zweifeln, daß die Tradition keine rein religiösen Lehren und sittlichen Gebote enthielt.</p>
         <p>Die Unbrauchbarkeit des überlieferten dialektischen Systems zur Erweiterung und Entwickelung der Sphäre des rein Religiösen und Sittlichen der mosaischen Gesetzgebung leuchtet Jedem ein, der mit der Natur und Beschaffenheit dieses dialektischen Systems bekannt ist. Da wir eine Kunde desselben nicht bei jedem der Leser voraussetzen dürfen, und eine genauere Analyse von demselben eine eigne Darstellung verlangt, so wollen wir bloß — und dieß genügt schon für unsern Zweck — auf die Unnützlichkeit und Zwecklosigkeit desselben aufmerksam machen. Wir geben daher die Möglichkeit des Gebrauches der Dialektik in Beziehung auf das Nichtpositive einstweilen zu. Diese Möglichkeit ist auch, wenn man von der Natur und Beschaffenheit jener Dialektik absieht, denkbar. Die Möglichkeit der nützlichen und fördernden Anwendung der Dialektik auf das Positive der mosaischen Gesetzgebung beruht nämlich auf dem Grundsatze, daß in dem schriftlichen Worte nebst den Halachas an Moses eine vollständige Grundlage gegeben ist, auf welcher mit Hülfe der Dialektik das immer sich erweiternde Gebäude des Gesetzes errichtet werden kann. Dieselbe vollständige Grundlage findet sich aber auch in Beziehung auf das Nichtpositive der mosaischen Gesetzgebung, indem kein Schatten von Zweifel gegen die Wahrhaftigkeit der Vorstellung erhoben werden kann, daß die Hauptprinzipien der für die Aufklärung und die Glückseligkeit der Menschen nothwendigen theoretischen Lehren und sittlichen Verordnungen in der mosaischen Religion niedergelegt sind. Wie für das Positive ist daher auch für das Nichtpositive eine überlieferte Dialektik denkbar, deren Geschäft es wäre, aus den vorhandenen rein vernünftigen Lehren und Verordnungen neue zu entwickeln und abzuleiten.</p>
         <p>Ohne in das innere Wesen des überlieferten dialektischen Systems einzugehen, überzeugen wir uns aber sogleich von der Unmöglichkeit der Existenz einer solchen Dialektik in Beziehung auf das Nichtpositive durch unsere obige Bemerkung, nach welcher die Dialektik in zwei Theile zerfällt, in einen überlieferten und einen nicht überlieferten, welcher letztere aus den Gesetzen der Vernunft seine Gründe schöpft. Gibt es einen solchen Theil der Dialektik, der das wahre natürliche Mittel für die Beurtheilung religiöser und sittlicher Gegenstände ist, so ist auch die Anwendung der Widdoth und der übrigen überlieferten Prinzipien in Beziehung auf den in Rede stehenden Kreis der mosaischen Religion, wenn nicht unmöglich, doch unnöthig und überflüßig.</p>
         <p>Warum sollte die Gottheit die Vernunft der Gläubigen in dem freien Gebrauch ihrer natürlichen Kräfte durch Fesseln der Ueberlieferung hemmen, deren Anwendung mindestens geringere Sicherheit, als das ernstliche und redliche Forschen im geschriebenen göttlichen Worte darbietet?</p>
         <p>Wenn die Entscheidung der Vernunft zur Entwickelung des Positiven nicht genügt, so liegt dieß in der Natur des Positiven, zu welchem sich der Mensch durch die bloßen Aussprüche seiner Vernunft nicht verpflichtet fühlt, und zu welchem das Gesetz auch nur den Israeliten verpflichten will, welches daher bei jeder Erweiterung seiner Sphäre gleichsam einen besonderen göttlichen |Sp. 1373| Willen und daher eine überlieferte Dialektik nothwendig macht. Bei der Entwicklung des Nichtpositiven, welches aus an sich einleuchtenden, nicht bloß den Israeliten sondern die ganze Menschheit bindenden und beglückenden Lehren und Verordnungen besteht, fällt die Notwendigkeit und daher die Nützlichkeit einer überlieferten Dialektik gänzlich weg.<note place="foot" xml:id="ftn14" n="14">
               <p rend="UKZ 8 fussnote"> Es ist allerdings nicht zu läugnen, daß mehrere talmudische Stellen die Dialektik zur Entwickelung des Nichtpositiven benutzen, und daher dem eben erörterten Grundsatze zu widersprechen scheinen. Allein theils sind dieß nur sehr wenige, theils ersieht man aus diesen Stellen, daß es hier mit der Dialektik nicht ernstlich gemeynt ist. Z. B. Baba Mezia 32a מנין שאם אמר לו אביו היטמא , ferner Kiduschin 32a oben מיתיבי נאמר כבד את אביך וכו' Unmöglich ist dieß eine eigentliche גזירה שוה da sonst immer der Grundsatz gilt דברי תורה מדברי קבלה לא ילפינן Baba Kama 2b Nidda 23a. Größere Schwierigkeit würde Traktat Sanhedrin S. 73a darbieten, wenn man nicht annehmen wollte, daß die daselbst dargestellten reinvernünftigen Bestimmungen (Ef. Maim. F. d. V. 3,40) Resultate des Schriftstudiums und des Nachdenkens sind, die dann nach Analogie des Positiven dialektisch begründet wurden. Auch Von der eigenthümlichen Art der Entwicklung neuer Lehren durch Berücksichtigung des Objektiv-Zeichens eth scheint dieses zu gelten.<lb/>Traktat Pesachim 22b שמעון העמסוני היה דורש כל אתים שבתורה וכו' את ה' אלהיך תירא לרבות תלמידי חכמים Ef. Hierüber Kosri Seite 268 Edit. Basiliensis.</p>
            </note> Ihre Nichtexistenz ist also so gewiß, als ihre Entbehrlichkeit, und an ihre Stelle tritt die auf Vernunftprinzipien sich stützende Forschung in dem geschriebenen, offenbarten göttlichen Worte.</p>
         <p>Zu vorstehender Erörterung, nach welcher das übertiefer dialektische System nur im Kreise des Positiven wahre Geltung hat, fügen wir nun die Nachweisung, daß die Tradition auch keine sittlichen und theoretischen Halachas an Moses enthalten haben kann.</p>
         <p>Die Wahrheit dieser Behauptung läßt sich schon aus dem Umstande schließen, daß die Rabbinen den Ausdruck הלכה למשה מסני <note place="foot" xml:id="ftn15" n="15">
               <p rend="UKZ 8 fussnote"> Die Anzahl dieser Halachas, die sich bei der noch mangelnden Klarheit über diesen Gegenstand sich nicht genau bestimmen läßt, übersteigt sicher nicht 80 Ef. חות יאיר 1c. und Dr. <hi rend="italic">Creizenach</hi> 1.c.<lb/>Zweiten Bandes, 2tes Heft S. 292. Ueberhaupt scheint die ursprüngliche Tradition einfach, und nicht so complicirt und weitläufig gewesen zu seyn, wie man sich dieselbe gewöhnlich denkt. Ef. Traktat Gitin 60a תורה רוב בכתב ומיעוט עפ.</p>
            </note> oder einen ähnlichen gleichbedeutenden nie von theoretischen und sittlichen Gegenständen, sondern nur von positiven Verordnungen gebrauchen.</p>
         <p>Wer dieses nicht als Beweis gelten lassen will der müßte annehmen, entweder es wäre diese ursprünglich vorhanden gewesene Gattung der Halachas nicht in die auf uns gekommenen Quellen der Tradition übergangen, (Ef. das angeführte Tosephot Erubin 21b) oder es befänden sich unter den in den Talmuden und in den Midraschim aufgeführten religiösen und sittlichen Wahrheiten manche, die eigentlich Halacha's an Moses sind, deren halachischer Charakter aber im Laufe der Zeit vergessen wurde. Allein abgesehen von dem Mangel an Beweis für diese Annahme, welche auf Nebelgrund gebaut ist, scheint auch die unsrige von den Rabbinen als giltig anerkannt zu werden.</p>
         <p>(Schluß folgt.)<lb/>|Sp. 1374|</p>
         
            </div> 
         </div>
         <div type="lit">
         <head>
             Literatur.</head>
         
         <div type="litr">
         <head>
        Nachweise von Rezensionen theologischer Schriften.
         </head>
         <p>(Fortsetzung.)</p>
         <p>
            <hi rend="italic">Theologisches Literaturblatt</hi>.</p>
         <p>No. 68-71. <hi rend="italic">Tholuck</hi> Glaubwürdigkeit der evangelischen Geschichte, zugleich eine Kritik des Lebens Jesu von <hi rend="italic">Strauß</hi>, rez. von <hi rend="italic">David Schulz,</hi> — No. 68. <hi rend="italic">Philibert</hi> Leuchtkugeln aus dem Gebiete der Theologie, Philosophie und Politik. — No. 71. <hi rend="italic">Ellendorf</hi> Der hl. Bernhard von Clairvaux und die Hierarchie seiner Zeit. Rez. von Dr. <hi rend="italic">Paulus</hi>. — <hi rend="italic">Schläger</hi> Predigt. — No. 72-74. G. <hi rend="italic">Schilling </hi>Briefe über die äußere Kanzelberedsamkeit. Bd. 2. — No. 73. <hi rend="italic">Willkomm</hi> Elieser. Weihnachtsgabe für Dienstboten. — No. 74. Jahresbericht des Gymnasiums zu Cöslin. — Das Leben Petri des Apostels. — No. 75. Sancta IV. evangelia, in processione festi corporis Christi decantanda. —<hi rend="italic">Lösch</hi> zwölf Predigten. — <hi rend="italic">Hankel</hi> und <hi rend="italic">von Holleben </hi>Predigt und Altarrede. — No. 76. <hi rend="italic">Köhler</hi> Sieben Predigten. — <hi rend="italic">Salomon Mose</hi>, der Mann Gottes, 21 Kanzelvorträge. — <hi rend="italic">Umbreit </hi>Jakob Böhm u. s. w. — No. 77-79. A. <hi rend="italic">Buchner</hi> summa theologiae dogmanticae — No. 77. <hi rend="italic">Heynatz</hi> biblische Erzählungen, neu bearbeitet von Usener — No. 78. Offenbarung Gottes in Geschichten des N.T. — No. 79. <hi rend="italic">Vogelsang</hi> Lehrbuch der christlichen Sittenlehre. Bd. 1. — <hi rend="italic">Genßler</hi> Geistliche Reden. — No. 80. J. <hi rend="italic">Kerner</hi> Nachrichten von dem Vorkommen des Besessenseyns u. s. w. rez. von Dr. <hi rend="italic">Paulus</hi>. <hi rend="italic">Kohler</hi> Rede zur Eröffnung des Predigerseminars und Taubstummeninstituts zu Friedberg. — No.81. K. <hi rend="italic">Zimmermann</hi> Bußtagspredigt, und: <hi rend="italic">Haußmann</hi> Beleuchtung derselben, rez. von <hi rend="italic">Bretschneider</hi>. — <hi rend="italic">Neuffer</hi> Ueber den Zerfall des Kultus, rez. von <hi rend="italic">Dietzsch</hi>. — G. <hi rend="italic">Geßner</hi> Wahre Züge aus dem Bilde einer Stillen im Lande. — No. 82. <hi rend="italic">Staudenmaier</hi> Johannes Scotus Erigena und die Wissenschaft seiner Zeit. — Stöber Lieder und Erzählungen für die reifere Jugend. — <hi rend="italic">Von Ammon Predigt</hi> vor Eröffnung der Ständeversammlung im Jahr 1826. — No. 83 <hi rend="italic">Ullmann</hi> Johann Wessel, ein Vorgänger <hi rend="italic">Luther's</hi>. — Sachse Predigt zur Eröffnung des Landtags im J. 1836. — No. 84-85. Ueber die Pflichten des Menschen aus dem Italienischen des <hi rend="italic">Silvio Pellico</hi> von Saluzzo. — No. 84. K. <hi rend="italic">Zimmermann </hi>Das Gebet des Christen. Elf Predigten. Rez. von <hi rend="italic">Dietzsch</hi>. — No. 85 R <hi rend="italic">Stier</hi> Darf <hi rend="italic">Luther's</hi> deutsche Bibel unberichtigt bleiben? — No. 86. <hi rend="italic">Goldwitzer</hi> Patrologie, verbunden mit Patristik. — <hi rend="italic">Lösch </hi>Ostergabe für das Jahr 1837. —</p>
         <p>(Wird fortgesetzt.)</p>
         
         </div>
         </div>
         <div type="anz">
         <head>Anzeigen.</head>
         <p>(80) Im Verlage der <hi rend="italic">Karl Kollmann</hi>'schen Buchhandlung in Augsburg ist so eben erschienen, und durch alle Buchhandlungen zu erhalten:</p>
         <p>Gedanken eines Gläubigen. (Ein Seitenstück zu den Worten eines Gläubigen des Abbé de la Mennais.) Aus einer spanischen Handschrift frei übertragen vom Einsiedler von St. Maria von Villa Pigneto bei Rom. Klein 8. Schön gedruckt und in Umschlag geheftet. Preis 24 kr. oder 6 ggr.</p>
         <p>Von dem <hi rend="italic">Einsiedler von St. Maria von Villa Pigneto </hi>erschien im vorigen Jahre schon bei uns das höchst interessante Schriftchen, welches ebenfalls in allen Buchhandlungen zu erhalten ist:</p>
         <p>Moralische Betrachtungen eines Klausners über die Wahrheiten der Religion, Klein 8. broschirt 18 kr. oder 4 gr.</p>
         <p>
            <hi rend="italic">K. Kollmann</hi>'sche Buchhandlung.</p>
        </div>
         <div>
         <p>
            <hi rend="bold">Buchhandlung</hi>
            <hi rend="italic bold">: F. Varrentrapp – </hi>
            <hi rend="bold">Herausgeber:</hi>
            <hi rend="italic bold"> Dr. J. V. Hoeninghaus. –</hi>
            <hi rend="bold"> Druckerei</hi>
            <hi rend="italic bold">: Heller </hi>
            <hi rend="bold">und</hi>
            <hi rend="italic bold"> Rohm. </hi>
            <hi rend="bold">Maschinendruck</hi>
            <hi rend="italic bold">.</hi>
         </p>
    </div> 
      </body>
   </text>
</TEI>

