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            <title type="main">Unparteiische Universal-Kirchenzeitung für die Geistlichkeit und die gebildete Weltklasse des protestantischen, katholischen und israelitischen Deutschlands</title>
            <title type="sub">Frankfurt a. M. 24. September 1837, Nro. 77</title>
            <title type="short">Universal-Kirchenzeitung</title>
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            <publisher>Steinheim-Institut</publisher>
            <publisher>Beata Mache</publisher>
            <pubPlace>Essen</pubPlace>
            <date type="publication">2014</date>
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            <bibl type="J">Universal-Kirchenzeitung</bibl>
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                     Unparteiische Universal-Kirchenzeitung für die Geistlichkeit und die gebildete Weltklasse des protestantischen, katholischen und israelitischen Deutschlands
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                  <title level="j" type="issue" n="77">24. September 1837, Nro. 77</title>
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                        <forename>Julius Vinzent</forename>
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                  <pubPlace>Frankfurt am Main</pubPlace>
                  <date type="publication">1837-09-24</date>
                  <publisher><name>Varrentrapp</name></publisher>
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         <editorialDecl><p>Offensichtliche Setzerfehler wurden stillschweigend korrigiert. Die Original-Orthographie wurde ansonsten beibehalten.</p></editorialDecl>  
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            katholischen, und israelitischen Deutschland's. <lb/>Frankfurt a. M., den 24. September 1837. Nro. 77.</head>
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         <head>Inhalt: </head>
         <p rend="UKZ 3 12 normal">Die katholische Mission von <hi rend="italic">Salmaz</hi> in <hi rend="italic">Persien</hi>. — </p>
         <p>
            <hi rend="italic bold">Kirchliche Nachrichten.</hi> 
            <hi rend="italic">Nordamerika. Vereinigte Staaten von Nordamerika. Cincinnati</hi>; Controverse zwischen dem kathol. Bischof und dem protest. Prediger <hi rend="italic">Campbell.</hi> —<hi rend="italic">Deutschland. Oesterreich. Wien</hi>; Besuch JJ kk. MM. in Mariazell. <hi rend="italic">Salzburg</hi>; Auswanderung der protest. Zillerthaler. <hi rend="italic">Hessen-Darmstadt</hi>. <hi rend="italic">Darmstadt</hi>; Gesetz über die Disziplinargewalt über die protest. Geistlichen. <hi rend="italic">Gießen</hi>; Jubelfeier des Kirchenraths <hi rend="italic">Palmer. Hamburg</hi>. <hi rend="italic">Hamburg</hi>; über den Ausbau der anglikan. Kirche; theolog. Theaternotiz. — </p>
         <p>
            <hi rend="italic bold">Theologische Akademie. </hi>
         </p>
         <p>
            <hi rend="italic bold">Kathol. Abth.</hi> Ueber Kirche und Spaltung. Vom Erzbischof <hi rend="italic">Fenelon</hi>. A. d. Franz. — </p>
         <p>
            <hi rend="italic bold">Protest. Abth.</hi> Drei Briefe vom Propst Hanstein. — </p>
         <p>
            <hi rend="italic bold">Israel. Abth.</hi> Die zwei theol. Parteien im Judenthum. Vom Oberlehrer Dr. Heß. — </p>
         <p>
            <hi rend="italic bold">Anzeigen. </hi> <lb/>|Sp. 1215|
         </p>
         
         </div>
         <div type="mantel">
         <head>
           Die kathol. Mission von Salmaz in Persien.</head>
         <p>In No. 74 der <hi rend="italic">Univ.-K.-Ztg.</hi> ist der Aufruf mitgetheilt worden, welchen neuerlich in Auftrag Sr. päpstl. Heiligkeit ein römischer Kardinal zu Beiträgen für die Erbauung einer neuen katholischen Kirche in der persischen Provinz Ormi erlassen hat. Es wird bei diesem Anlasse zweckdienlich erscheinen, einige neuere Berichte über den betreffenden Gegenstand nach den „Jahrbüchern der Gesellschaft zur Verbreitung des Glaubens in beiden Welten“ zu vernehmen. Jahrgang 1836, Heft II, S. 132 ff. lesen wir darüber Folgendes:</p>
         <p>Seit der Orden der Dominikaner aufgehört hat, Mitglieder von seiner Gesellschaft nach Persien zu schicken, und seitdem die Kapuziner Diabekir beinahe sich selbst überlassen haben, befinden sich jene Missionen im Innern von Asien in einem sehr leidenden Zustande. Sie haben nur noch inländische Priester, und wenn es unter diesen nicht noch einige gäbe, welche ihre Studien in Rom vollendet haben, so würde der Katholizismus mit schnellen Schritten seinem Untergange unter jenen Völkern entgegen gehen, die dem Elende und den Feindseligkeiten Preis gegeben sind, welche die gleich Sklaven behandelten Christen zu erdulden haben. Es ist nichts Seltenes, daß Katholiken dieses Landes in Constantinopel einige Tausend Piaster (türkische Geldmünze) zu sammeln suchen, um bald eine Schwester, bald eine Tochter, oder andere von den Machthabern entführte, und zu Sklaven gemachte Personen loszukaufen.</p>
         <p>Die Diözese von Salmaz gehört zur chaldäisch-katholischen Kirche, und umfaßt eine ziemlich große Landfläche. Die Katholiken bewohnen hier eine bedeutende Anzahl voneinander entfernt liegender Dörfer, von denen die kleinsten aus zwanzig bis dreißig Familien bestehen. Das Dorf Ormi, sechzehn Stunden von Salmaz<note place="foot" xml:id="ftn1" n="1">
               <p rend="UKZ 8 fussnote"> Man gibt in diesem Lande die Entfernungen nach Stunden an. Um einen richtigen Begriff davon zu geben, ist es gut, zu bemerken, daß man unter einer Stunde den Weg versteht, den während dieser Zeit ein beladenes Kamel oder Pferd zurücklegt; was ungefähr so viel beträgt, als was ein Mann, der einen guten Schritt geht, zu laufen vermag.</p>
            </note>, ist das bevölkertste. Die Anzahl der Familien beträgt hier, das ganze Weichbild miteinbegriffen, an vierhundert. Es gibt hier drei zerstörte Kirchen; in Salmaz befinden sich deren zwei in demselben Zustande. In letzterm Orte werden zweihundert katholische Familien angenommen. Ihre große Armuth ist der Grund, warum sie so zerstreut leben. Es gibt hier im Ganzen fünf Priester, von denen nur zwei, Don Isaia di Giacobbe und Don Giorgio di Natale, Heide Zöglinge der Propaganda, im Stande sind, die Pflichten ihres Amtes zu erfüllen, indem |Sp. 1216| die andern alt und wenig unterrichtet sind, da ihnen die nöthigen Geldmittel und in ihrer Landessprache geschriebene Bücher gefehlt haben, womit sie sich die nöthigen Kenntnisse hätten verschaffen können. Die Priester befinden sich in einer solchen Dürftigkeit, daß, um sich ihren Lebensunterhalt zu verschaffen, sie genöthigt sind, Ackerbau zu treiben, welches sie vom Studium abhält, und sie hindert, dem Volke Unterricht zu ertheilen, mit Anstand die Sakramente zu verwalten, und sich die Bekehrung der Nestorianer angelegen seyn zu lassen, chaldäische Ketzer, die in dieser Provinz sehr zahlreich sind, und deren Bekehrung, bei ihrer Bereitwilligkeit, diejenigen anzuhören, welche sie unterrichten, sehr leicht werden würde. Ueberdieß werden die Kirchen wegen der großen Armuth der Katholiken nicht in gutem Baustande erhalten, und es fehlt ihnen an Ornamenten und Kelchen. Seit vier Jahren ist die Kirche von Salmaz, nachdem ihr Hirt, Se. Gn. Herr Johann <hi rend="italic">Guriel </hi>gestorben ist, ohne Bischof; aber es heißt, der neue Patriarch von <hi rend="italic">Chaldäa</hi> werde in Kurzem für diese Diözese einen Bischof ernennen.</p>
        </div>
         
         <div type="kn">
         <head>Kirchliche Nachrichten.</head>
         <p rend="UKZ 4 12 kursiv">Nordamerika. </p>
         <p rend="UKZ 5 11 kursiv mitte">Vereinigte Staaten von Nordamerika.</p>
         <p>‒ † ‒ <hi rend="italic">Cincinnati</hi>. In den Vereinigten Staaten herrschen viele Vorurtheile gegen die Katholiken. Auf einem weiten Landstrich verstreut, ungekannt von den Einen, gefürchtet von den Andern, verläumdet in den Journalen und von Kanzeln, mußten sie in den letztern Zeiten Gewaltthätigkeit und Demütigungen erleiden. Der Verwüstung des Klosters von <hi rend="italic">Charlestown</hi> gingen Angriffe von Seiten der Journale gegen sie vorauf und folgten ihr und eine Menge Flugschriften hatten alle die Tendenz, von den Katholiken, ihrem Klerus, ihrem Benehmen die unrichtigsten Ideen zu verbreiten. Schon allein die Titel derselben deuten auf ihren Zweck. <hi rend="italic">Z. B. die enthüllten Geheimnisse des Klosters; die Geschichte des Klosters der Ursulinerinnen</hi>, von Rebecca Reed (aus demselben Kloster, welches die Protestanten zerstört haben); <hi rend="italic">die Schreckenstage von Marie Monk</hi> in dem Kloster von Montreal — alle diese Schmähungen wurden von der unwissenden und leichtgläubigen Menge begierig aufgenommen. Man hat sie widerlegt, aber die Widerlegungen las Niemand und so blieben die Verläumdungen in Kraft. |Sp. 1217| Mitten unter dieser Zügellosigkeit schmeichelte sich ein Geistlicher, den Katholiken den letzten Stoß zu versetzen. Der Bischof von <hi rend="italic">Cincinnati; Purcell</hi>, hatte auf Veranlassung eines Ausschusses bei Eröffnung der Normalschule von Cincinnati mit großem Beifall eine Rede aus dem Stegereif gehalten. Am folgenden Tage machte ein anderer Geistlicher, <hi rend="italic">Campbell</hi>, einer Rede an dieselbe Versammlung einen heftigen Ausfall gegen die Katholiken, beschuldigte sie der Unwissenheit und hielt zu gleicher Zeit <hi rend="italic">Luther'n</hi> eine Lobrede, von dem er sagte, er habe den menschlichen Geist aus der Sklaverei befreit. Der Bischof von <hi rend="italic">Cincinnati</hi> konnte zu diesem Angriffe nicht schweigen, sondern antwortete darauf. <hi rend="italic">Campbell</hi> wollte repliciren, allein die vorgerückte Zeit hieß die Diskussion abbrechen. Tages darauf machte nun dieser in den Journalen bekannt, er würde Abends öffentlich die am vergangenen Tage in der Schule in Anregung gebrachten Fragen discutiren. Er hielt eine lange Rede. Am nächsten Tage widerlegte der Prälat die von dem Geistlichen aufgestellten Argumente in einem dreistündigen Vortrage und bewies u. A. aus der Vielfältigkeit der protestantischen Sekten, daß das Verstehen der h. Schrift keine leichte Aufgabe sey.</p>
         <p>Sein Vortrag voll Feuer und Beredsamkeit hatte großen Effekt gemacht. <hi rend="italic">Campbell</hi> erwiederte darauf, man müsse eine andere Methode befolgen, und wenn man einen Ausschuß von 5 Personen ernennen wolle, um beide Redner an der Frage zu halten, so getraue er sich ohne Widerrede durch Auslegung von sieben Sätzen die ganze katholische Lehre über den Haufen zu werfen. Er würde beweisen — sagte er — daß die <hi rend="italic">Kirche</hi> eine Sekte sey, wie die anderen, daß sie die Nachfolge der Apostel nicht habe, weder die <hi rend="italic">Eine</hi>, noch die Unfehlbare sey, sondern veränderlich und dem Irrthum unterworfen; sie sey das <hi rend="italic">Babylon</hi> des h. Johannes und der fündige Mensch des h. Paulus; Fegefeuer, Indulgenzen, Beichte, Transsubstantiation u. s. w., wären moralwidrige und gefährliche Lehren; daß nicht durch die <hi rend="italic">römische Kirche</hi> die Bibel bis auf unsere Zeit gekommen wäre; endlich auch sey sie antinational.</p>
         <p>Obgleich diese Fragen so oft schon gelöset worden waren, so glaubte der Bischof dennoch die Gelegenheit nicht vorbeigehen lassen zu dürfen, öffentlich darauf zu antworten und Vorurtheile zu zerstreuen, die nur allzugemein unter den Protestanten Wurzel gefaßt haben; ja er hielt es sogar für schimpflich, von der Widerlegung abzustehen. Man kam daher überein, die Streitschriften sollten gedruckt werden, man wolle den Ertrag theilen und ihn zu Zwecken nach Gutfinden des Prälaten und des Geistlichen verwenden, die Discussion solle in einer protest. Kirche stattfinden, und 8 Tage dauern, von halb neun Morgens bis halb ein Uhr Mittags; Nachmittags von drei bis fünf Uhr; <hi rend="italic">Campbell</hi> solle dieselbe jedesmal eröffnen und der Bischof antworten. Fünf Präsidenten, deren drei die Majorität bildeten, sollten denjenigen, welcher sich von der Frage entfernte, darauf zurückrufen.</p>
         <p>Die Eröffnung der Discussion wurde durch die Journale bekannt gemacht. Die in dem weiten Raume versammelte Menge, so wie ihre gespannte Aufmerksamkeit, gewahrte ein imposantes Schauspiel. <hi rend="italic">Campbell</hi>, der viel Gewandheit besitzt und ein guter Redner ist, machte zuerst einigen Eindruck durch seine Sicherheit, durch einige geschickte Citate und durch mehr oder weniger scheinbare Argumente; aber der Bischof zerstreuete die Täuschung durch sein Wissen, seine Logik und seine Methode, durch die Zahl der Autoritäten, durch die Kraft seines Raisonnements, durch die Rechtzeitigkeit seiner Erwiderungen, durch die Lebhaftigkeit seiner Bewegungen. Zahlreiche Beifallsbezeigungen zeigten zur Genüge, auf wessen Seite der Sieg sey. Der Prälat verweilte besonders bei den Fragen in Bezug auf die Kirche, ihre Prärogativen, auf die Primatie der Päpste, weil sie Grundfragen sind und den Bedürfnissen des Auditoriums und des Landes entsprechen.</p>
         <p>Die letzte Zusammenkunft fand am 21. Januar statt. Die verschiedenen Journale haben Bericht über die Controverse erstattet. Der <hi rend="italic">Telegraph</hi>, ein katholisches Journal von <hi rend="italic">Cincinnati</hi>, wünschte sich Glück zu dem Ausgange der Discussion, und bemerkte, selbst die Protestanten hätten dem Bischofe Beifall gezollt, auch bei dieser Gelegenheit den Katholiken allen möglichen Vorschub gethan.</p>
         <p>Viel bedeutungsvoller noch sprachen sich die protestantischen Journale aus. Wollte <hi rend="italic">Campbell</hi> den Katholizismus verhaßt machen —sagt die <hi rend="italic">Gazette</hi>, ein täglich erscheinendes protestan- |Sp. 1218| tisches Journal — so muß man gestehen, daß er gänzlich gescheitert ist; der größte Theil derjenigen, welche der Discussion folgten, hat gegenwärtig eine ganz andere Meynung von den Katholiken. Dasselbe Journal sagte in einer andern Nummer <hi rend="italic">Campbell</hi> habe dem Katholizismus keinen Schaden gethan! so sey die einstimmige Meynung, der Protestantismus sey zu bedauern, wenn er keinen festeren Wall und stärkeren Schild habe. Die <hi rend="italic">Gazette</hi> gab täglich Bericht über den Fortgang der Discussion, und sprach stets in diesem Sinne. Sie tadelte den Angriff Campbell's als unklug meynte sogar, daß er öfters sowohl in seinen Behauptungen, so wie in seinen Argumenten im Irrthume gewesen.</p>
         <p>Der <hi rend="italic">Whig</hi>, ein anderes protestantisches Journal, sagt auch, nach dem öffentlichen Gespräche sey <hi rend="italic">Campbell</hi> gescheitert; dem Bischofe sey es nicht nur gelungen, die Vorurtheile gegen den Katholizismus zu zerstreuen, sondern er habe für denselben auch eine große Anzahl Protestanten gewonnen, welche der Diskussion beiwohnten.</p>
         <p>Der <hi rend="italic">Republikaner</hi> spottet über <hi rend="italic">Campbell's</hi> Dünkel, der gegen die Katholiken in das Gewehr getreten sey, über seine .Prahlerei, seine Rodomontaden, und setzt hinzu, er könne ihn nicht bedauern, sich in das Verderben gestürzt zu haben, in welches er den katholischen Glauben habe bringen wollen.</p>
         <p>Das war der Ausgang dieser Controverse, welcher zweifelsohne eben so vorteilhaft als ehrenvoll für die <hi rend="italic">römische Kirche </hi>seyn wird. Das Talent, die Geschicklichkeit und der Eifer des frommen und gelehrten Bischofs haben sich in diesem Kampfe im hellsten Lichte gezeigt. </p>
         <p rend="UKZ 7 11 zeitschriften">(Ami de la Religion)</p>
         <p rend="UKZ 4 12 kursiv">Deutschland.</p>
         <p rend="UKZ 5 11 kursiv mitte">Oesterreich.</p>
         <p>
            <hi rend="italic">Wien</hi>, 7 Sept. Nach Berichten aus Mariazell vom 6. d. M. waren JJ. MM. der Kaiser und die Kaiserinn unter unermeßlichem Zulaufe des andächtigen Volkes in diesem berühmten Wallfahrtsorte eingezogen. Die Kaiserinn hat der dortigen Marienkirche nach altem Gebrauche ein schönes Geschenk überreicht. Es besteht dasselbe in einer kostbaren Perlenschnur, an deren Schluß sich die Kugel, mit welcher im Jahre 1832 verruchte Mördershand dem Leben ihres Gemahls ein Ende machen wollte, in Gold und Edelsteinen reich gefaßt, befindet. Dieses kostbare Geschenk ist von J. M. der dortigen Geistlichkeit nebst einer ewigen Stiftung für die Kirche übergeben worden. </p>
         <p rend="UKZ 7 11 zeitschriften">(Schwäb. M.).</p>
         <p>
            <hi rend="italic">Salzburg</hi>, 5. Sept. Die Auswanderungen aus dem Zillerthale haben bereits begonnen, schon verließen mehrere Abtheilungen ihr Vaterland, froh dem neuen entgegen wandernd. Sie scheiden ohne Haß, aber voll Vertrauen auf die schöne Zukunft; in ihrer Nachbarschaft werden sie bemitleidet; ihre Güter sind zu hohen Preisen verkauft, doch, wie man sagt, nur von katholischen Zillerthalern erstanden worden, so daß kein Fremder in das Thal und das Gebirge kommt; der Werth der veräußerten Güter beträgt nahe an 150,000 Gulden. Sie machten den Weg über Salzburg und Linz, und die Armen werden, wie man vernimmt, auf Kosten der österreichischen Regierung verpflegt, so lange sie innerhalb der Landesgränzen sind, und es sollen zu diesem Behufe 2000 Silbergulden gewährt worden seyn. Die Zahl der Auswanderer beträgt über 600 Köpfe. </p>
         <p rend="UKZ 7 11 zeitschriften">(Fr. J.)</p>
         <p rend="UKZ 5 11 kursiv mitte">HessenDarmstadt.</p>
         <p>
            <hi rend="italic">Darmstadt</hi>, den 28. Aug. Untenverzeichnetes Regierungs-Organ enthält in seiner heutigen Nummer folgende „Verordnung, die Ausübung der Disciplinargewalt über die Geistlichen evangelischer Confession betr.“:</p>
         <p>
            <hi rend="italic">Ludwig II., von Gottes Gnaden, Großherzog von Hessen und bei Rhein</hi> etc.</p>
         <p>Um die Gränzen näher zu bestimmen, innerhalb welcher die mit der Aufsicht und Leitung der Angelegenheiten der evangelischen Kirche beauftragten Behörden die Disciplinargewalt über die ihnen untergeordneten Geistlichen auszuüben befugt sind, haben Wir verordnet und verordnen wie folgt: Art. 1. Alle Disciplinarstrafen gegen die ihnen untergeordneten evangelischen Geistlichen und Pfarramts-Candihaten können verfügen: a) Unser Ministerium des Innern und der Justiz; Geldstrafen bis auf dreihundert Gul- |Sp. 1219| den, Suspension vom Dienst und Gehalt bis zu sechs Monaten, und Ausstreichung von der Candidatenliste. b) Unser Oberconsistorium, jedoch vorbehaltlich des Rekurses an Unser Ministerium des Innern und der Justiz: Geldstrafen bis auf einhundert Gulden und Suspension vom Dienst und Gehalt bis zu drei Monaten, c) Unsere Superintendenten und Decane: schriftliche oder mündliche Verweise. Art. 2. Wenn gegen einen evangelischen Geistlichen entweder eine höhere, als die im vorhergehenden Artikel bezeichnete höchste Disciplinarstrafe von 300 fl. in Geld, oder sechsmonatlicher Suspension vom Dienst und Gehalt, oder eine andere, als die im Art. 1. benannten Disciplinarstrafarten angewendet werden soll; so ist deßfalls zuvor Unsere als Oberhaupt der protestantischen Kirche des Landes zu ertheilende Entschließung einzuholen.</p>
         <p>Urkundlich Unserer eigenhändigen Unterschrift und des beigedruckten Staatssiegels.</p>
         <p>Darmstadt, den 18. Juli 1837. </p>
         <p>(L. S.) <hi rend="italic">Ludwig</hi>.</p>
         <p>
            <hi rend="italic">du Thil</hi>.</p>
         <p rend="UKZ 7 11 zeitschriften">(Großh. Hess. Regierungsblatt)</p>
         <p>
            <hi rend="italic">Gießen</hi>, den 18. September. Wir hatten in der letzten Hälfte des verflossenen Monats hier ein ebenso seltenes, als jeden gemüthvollen Menschen ansprechendes Fest. Unser würdiger und allgemein verehrter Geheimer Kirchenrath, Professor der Theologie und Oberpfarrer Dr. <hi rend="italic">Palmer</hi> feierte nämlich am 22. Aug. sein 50jähriges Dienstjubiläum. Derselbe war 1759 zu Delitzsch im preußischen Herzogthum Sachsen geboren, und 1787 zum außerordentlichen Professor der Theologie in Leipzig ernannt worden, von wo er 1794 als ordentlicher Professor der Theologie und Frühprediger an der Stadtkirche hierher berufen wurde. Seit dieser Zeit hat er ununterbrochen über fast alle Disciplinen der Theologie Vorlesungen gehalten, und der größte Theil der hessischen Geistlichkeit verehrt in ihm einen theuren Lehrer, welcher, alle Extreme vermeidend, seine Schüler zu erleuchteten, aber zugleich gläubigen und frommen Männern zu bilden, eifrig bemüht war. Im Jahr 1806 wurde derselbe zugleich zum Superintendenten und Mitglied des Kirchen- und Schulraths der Provinz Oberhessen ernannt, und auch in diesem Berufskreis erwarb er sich durch seine unermüdete Thätigkeit, Gewissenhaftigkeit und strenge Rechtlichkeit allgemeine Anerkennung und Achtung. Dieses Amt bekleidete er, bis vor einigen Jahren die Provinzial-Kirchen- und Schul-Räthe im Großherzogthum aufgehoben wurden und an ihre Stelle das Consistorium in Darmstadt trat. Seit dieser Zeit lebte er ganz seinem Amte als Professor und Prediger, und noch kurz vor seinem Jubiläum predigte er trotz seines hohen Alters in der hiesigen Stadtkirche. Seine Schriften, welche sich vorzugsweise auf dem Gebiete der praktischen Theologie hatten, sind in Scriba's hessischem Gelehrtenlexicon verzeichnet. — Am 22. August, dem Tage, wo Dr. <hi rend="italic">Palmer</hi> vor 50 Jahren seine erste Anstellung erhielt, erschienen Vormittags Deputationen der Universität in seiner Wohnung, Zuerst beglückwünschte ihn die evangelisch-theologische Facultät, an deren Spitze der zeitige Dekan, Kirchenrath <hi rend="italic">Dieffenbach</hi>, und überreichte ihm zugleich ein Gratulationsschreiben der theologischen Fakultät in Göttingen, von dem Oberconsistorialrath Dr. Lücke verfaßt. Auf diese folgten die Dekane der fünf Fakultäten von dem zeitigen Rektor der Universität, Geheimer Regierungsrath <hi rend="italic">Schmitthenner</hi> und dem Syndikus, Geheimenrath <hi rend="italic">von Löhr</hi>, geführt. Der erstere überbrachte ein Dekret unseres Allerdurchlauchtigsten Großherzogs, in welchem der Jubilar zum geistlichen Geheimerath allergnädigst ernannt wurde. Ebenso versäumten es der Bürgermeister und die Geistlichen der Stadt nicht, ihn an seinem Ehrentage zu begrüßen, und an diese schlössen sich viele Freunde desselben an. Nachmittags hatte die Universität ein Festmahl in dem Buschischen Garten veranstaltet. Zwei Professoren der Theologie holten den Jubelgreis dahin ab, und bei seinem Eintritt in den festlichen Saal wurde er von seinen Collegen, von denen nur sehr wenige durch Unwohlseyn abgehalten waren, dem Feste beizuwohnen, feierlich empfangen und von dem Rektor mit einigen eben so wohl durchdachten, als herzlich gesprochenen Worten angeredet. Bei dem Mahle selbst, bei welchem von |Sp. 1220| dem Jubilar ein Toast auf das Wohl unseres allverehrten Großherzogs und von andern Theilnehmern Toaste auf das Wohl des Jubilars, des Rektors, auf das Gedeihen der Universität u. s. w. ausgebracht wurden, herrschte ungetrübte Fröhlichkeit und alle staunten und freuten sich zugleich über die rüstige Körperkraft und gemächliche Heiterkeit des Veteranen. Abends nach 9 Uhr erschienen die Studierenden der Theologie vor der Wohnung ihres verehrten Lehrers und brachten demselben eine Nachtmusik. Die Wahl der Ton- und Musikstücke waren Beweise von dem richtigen Takt und gebildeten Geschmack der jungen Männer, wie denn überhaupt ihr ganzes Benehmen bei dieser Gelegenheit musterhaft genannt werden konnte. Zugleich überreichte eine Deputation derselben ein von einem hoffnungsvollen Zögling unserer Universität, G. Baur aus Lindenfels, verfaßtes Gedicht. — Möge der würdige Greis noch lange unter uns weilen und in der Huld seines allergnädigsten Fürsten, der Achtung und Liebe seiner Collegen und Mitbürger und dem eigenen Bewußtseyn treuer Pflichterfüllung den schönsten Lohn für sein segensreiches Wirken noch lange genießen. </p>
         <p rend="UKZ 7 11 zeitschriften">(Did.)</p>
         <p rend="UKZ 5 11 kursiv mitte">Hamburg.</p>
         <p>
            <hi rend="italic">Hamburg</hi>, den 7. Sept. Der Ausbau der englisch-bischöflichen Kirche auf dem Zeughausmarkte hat seit mehreren Wochen aus Mangel an Fonds eingestellt werden müssen. Das Deficit entsteht aus folgender Ursache. Laut Parlamentsacte erhalten englische Unterthanen, die im Auslande wohnen, wenn sie sich zur herrschenden Kirche bekennen, und ein Gebäude zur Verrichtung ihres Gottesdienstes aufstellen wollen, vom Mutterstaate denselben Betrag zur Beisteuer, als sie unter sich zusammen gebracht haben. Nun erhielt die hiesige anglikanische Gemeinde außer den Subscriptionen eine Summe von circa 40,000 M. B., welche von der ehemaligen englischen Factorei herrührte. Auf diese Summe hatte unser Staat einen doppelten Anspruch. Erstlich, weil alles Eigenthum der genannten Factorei von den Franzosen bei der Occupation weggenommen wurde, und beim Abzug derselben, zufolge des Pariser Friedens, unserm Staate anheim fiel; zweitens hatte die Stadt mehrere verarmte Mitglieder der aufgehobenen Factorei zu erhalten, konnte also genanntes Kapital für die Leibrente reklamiren. Beide Ansprüche hat unsre Regierung fallen lassen, und, wie gesagt, das Geld zum Behuf des Baues der Kirche hergegeben. Die englische Regierung glaubte sich indeß nicht befugt, auch gegen diesen Betrag etwas zu zahlen, weil er nicht von englischen Unterthanen eingeschossen ist. Als diese Entscheidung dem Committe des Baues bekannt wurde, suchte es zwar einige Einschränkungen im früheren Plane zu machen; der Bau war indeß zu weit vorgerückt, als daß so viel erspart werden konnte. Es fehlen ihnen noch 20 bis 30,000 M. B. Der Geistliche, Hr. <hi rend="italic">Baker</hi>, befindet sich schon seit einigen Monaten in England, theils um neue Sammlungen zu veranlassen, theils um seine Stellung für die Folge zu ordnen, denn er hört nun auf, Gesandtschaftskaplan zu seyn, und erhält demzufolge seinen Gehalt von der Gemeinde. Die Regierung geht hierbei von demselben Grundsatze aus, wie bei dem Neubau der Kirche, sie steuert nämlich eben so viel dazu bei, als die Gemeinde, jedoch darf die Summe, in Europa nicht 500 Pf. St., und in andern Welttheilen nicht 1000 Pf. St. übersteigen. Außer den Anglikanern haben auch andere Einwohner mehrerwähntes Unternehmen mit ansehnlichen Summen unterstützt; die HH. <hi rend="italic">Salomon Heine</hi> und <hi rend="italic">J. H. Schröder</hi> haben sich dabei besonders ausgezeichnet. Auf solche Unterschriften hat die englische Regierung die Worte der Parlamentsakte nicht angewandt, sonst wäre ihr Zuschuß noch geringer ausgefallen. Die Dissenter, die sich hier unter dem Namen reformed church vereinigten, besitzen schon seit vielen Jahren eine Kirche auf dem Johannis-Bollwerke, welche sie ohne Beitrag einer Regierung (außer daß ihnen die hiesige den Platz dazu unentgeltich anwies) erbauten; es ist zwar kein großartiges, aber doch ein stattliches Gebäude mit Pfarrwohnung; auch besolden sie ihren Seelsorger ganz aus eigenen Mitteln. </p>
         <p rend="UKZ 7 11 zeitschriften">(A. Z.)</p>
         <p>— Der <hi rend="italic">Hamburger Korrespondent</hi> versichert, daß die dortige Theaterdirektion die Oper: „die Jüdinn“ „so überaus glänzend und sinnig in die Szene gesetzt habe, daß auch der eigensinnigste theatralische Gourmand davon befriedigt werden müßte, besonders geschmack- und effektvoll sey der Zug des Kaisers und |Sp. 1221| der <hi rend="italic">hohen Geistlichkeit</hi> geordnet gewesen.“ — Es ist doch tröstlich, daß man die „hohe Geistlichkeit“ noch zu einer Theater-Dekoration gebrauchen kann, und man Prozessionen, die man nicht mehr auf den Straßen duldet, als Komödie auf der Bühne für seine paar Stüber bewundern kann. </p>
         <p rend="UKZ 7 11 zeitschriften">(K. K.-Ztg.)</p>
         </div>
         
         <div type="ta">
         <head>Theologische Akademie.</head>
         
         <div type="taka">
         <head>Katholische Abteilung.</head>
         <p><title><hi rend="italic bold">Ueber Kirche und Spaltung.</hi></title>
            
         </p>
         <p>
            <hi rend="bold">Fünf Briefe und Akt eines Glaubensbekenntnisses.</hi>
         </p>
         <p>
            <hi rend="bold">Vom Erzbischof </hi>
            <hi rend="italic bold">Fenelon</hi>
            <hi rend="bold">. </hi>
            <hi rend="italic bold">Aus dem Französischen</hi>
            <hi rend="bold">.</hi>
         </p>
         <p>
            <hi rend="italic bold">Erster Brief.</hi>
         </p>
         <p>
            <hi rend="italic bold">Die wahre und einzige Kirche</hi>
            <hi rend="bold">.</hi>
         </p>
         <p>Es gibt nur Eine wahre Religion, und nur Eine Kirche, welche die Braut Jesu Christi ist. Er hat auch nur Eine haben wollen; die Menschen haben das Recht nicht, mehrere derselben zu machen. Die Religion ist kein Werk des menschlichen Verstandes; die Menschen haben die Pflicht, dieselbe so anzunehmen, wie sie ihnen von Oben gegeben wird. Es kann ein Mensch mit dem Menschen Vernunftgründe wechseln, aber mit Gott nicht. Zu Ihm läßt sich's nur beten, vor Ihm nur sich demüthigen, Ihn nur anhören, vor Ihm nur sich stille halten, nur blind Ihm folgen. Dieß ist das Opfer unserer Vernunft, der einzige Gebrauch, den wir von ihr in ihrem schwachen und beschränkten Zustande machen können.</p>
         <p>Alles muß sich dem Ausspruche der höchsten Vernunft fügen. Noch einmal: Jesus Christus hat nur eine einzige Kirche, und eine einzige Religion gewollt. Wir haben also nur die neue und die alte Kirche miteinander zu vergleichen, nämlich jene, welche den Menschen seinem Stolze überläßt, indem sie ihn zum Richter macht, obwohl er augenscheinlich zu richten unfähig ist, und diese, welche sich der Auctorität, die ihr von ihrem Bräutigam versprochen ist, bedient, um den unsteten Geistern einen festen Standpunkt zu geben, um die Unwissenden zu leiten, um die Stolzen zu demüthigen, und um alle zu vereinigen.</p>
         <p>Ich komme zurück auf das Bedürfniß, zu beten. Das Gebet ist es, welches allen Streitigkeiten ein Ende machen würde. O glücklich die Menschen, welche die Eitelkeit gar nicht auf ihre Freiheit eifersüchtig macht, welche von Herzen unparteiisch zwischen ihren eigenen und des Andern Gedanken stehen, welche ihrem eigenen Gedanken mißtrauen, und oft vor Gott in Stille gesammelt sind, um den Geist der Gnade anzuhören. Sobald man diesen demüthigen und friedfertigen Geist in sich empfangen hat, so ist man schon weit vorgerückt. Da lernt man sogleich ohne Streiten, wie im Schooße der katholischen Kirche der Mensch klein werde, sich selbsten absterbe, um in Abhängigkeit leben zu können.</p>
         <p>
            <hi rend="italic bold">Zweiter Brief.</hi>
         </p>
         <p>
            <hi rend="italic bold">Nothwendigkeit einer sichtbaren Auctorität.</hi>
         </p>
         <p>Ich bete zu Gott von ganzem Herzen, daß Er Sie wolle empfinden lassen, wie sehr es die hellsten Köpfe vonnöthen haben, ihren Geist unter eine sichtbare Auctorität zu demüthigen. Die Geheimnisse sind uns vorgesetzt, um unsere Vernunft zu zähmen, und um sie der höchsten Vernunft aufzuopfern. Die Religion ist nichts als Demuth; man ist, sie zu finden, nicht würdig, ja man übt sie sogar nicht aus, als bis man sich innerlich verdemüthigt, seine Schwachheit anerkennt, und glaubt, ohne zu begreifen. Wenn man in das Einzelne der angestrittenen Punkte eingeht, so sieht man sogleich, daß unsre von uns getrennten Brüder ihre Trennung dadurch rechtfertigen wollten, daß sie uns Irrthümer und Abgöttereien aufbürdeten, von denen wir unendlich weit entfernt sind. Diese Einzelnheiten zeigen uns, wie ungerecht jene Trennung war, und wie nothwendig es sey, sich zu |Sp. 1222| vereinigen! Aber noch mehr! Wir müssen immer auf den Hauptpunkt zurückkommen, auf den nämlich einer sichtbaren Auctorität, welche spricht und entscheidet, um alle Geister durch eine gleiche Erklärung der heil. Schriften sich zu unterwerfen, zu vereinigen, und ihnen einen festen Standpunkt zu geben. Sonst würde dieses göttliche Buch, welches uns gegeben ist, uns zu demüthigen, nur dazu dienen, unsre eitle Neugierde, unsre Anmaßung, die Hartnäckigkeit auf unsre Meynungen, und die Hitze ärgerlicher Zänkereien zu nähren. Es würde zwar nur Eine heilige Schrift geben, aber eben so viele Erklärungsweisen derselben, eben so viele Religionen als Köpfe. Was würde man von einer Republik sagen, die zwar geschriebene Gesetze hätte, aber wo es jedem einzelnen Bürger frei stände, sich über die Beschlüsse jener Beamten, welche über die öffentliche Ordnung wachen, zu erheben? Ein jeder würde, das Gesetzbuch in der Hand, die Urtheilssprüche der obrigkeitlichen Personen verbessern wollen, und man würde nur darüber streiten, statt zu gehorchen; und während des Streites würde das Gesetzbuch, weit davon entfernt, die Geister sich zu unterwerfen, und zu vereinigen, nur das Spielzeug von eitlen Spitzfindigkeiten aller Bürger werden. Eine solche Republik würde sich in dem lächerlichsten und erbärmlichsten Zustande befinden.</p>
         <p>Aber, wie kann man glauben, daß Jesus Christus, dieser göttliche Gesetzgeber der Kirche, sie dieser Unordnung preis gegeben hätte, welche ja auch der kurzsichtigste Mensch würde vorausgesehen haben, und ihr zuvorgekommen wäre. Es ist also eine Auctorität nothwendig, welche lebt, spricht, entscheidet über die Stellen der hl. Schrift, und sich alle diejenigen unterwirft, welche dieselben nach ihrem Eigendünkel erklären wollen. Wer voll Anmaßung ist, der trägt mit Ungeduld das Joch dieser Auctorität; aber sobald man dasselbe abschüttelt, so fällt man in die ungeheure Zügellosigkeit von Meynungen, in die schändliche Vielheit von einander entgegengesetzten Religionen, und endlich in diese Gleichgiltigkeit zwischen Sekte und Sekte, welche bei den nördlichen Nationen noch Völlig in Irreligion ausartet.</p>
         <p>
            <hi rend="italic bold">Dritter Brief</hi>
            <hi rend="bold">.</hi>
         </p>
         <p>
            <hi rend="italic bold">Die Kirche anhören: sich selbsten reformiren</hi>
            <hi rend="bold">.</hi>
         </p>
         <p>Ich las Ihren letzten Brief, womit Sie mich beehrten, mit der innigsten Rührung. Sie müssen bekennen, daß Gott an die Thüre Ihres Herzens anklopfe. Er läßt Sie empfinden, daß es stets nur Eine Kirche geben könne, daß nur diese die Verheißungen ihres Bräutigams habe, daß sie kraft dieser Verheißungen uns alle Wahrheit lehre, die zu unserm Heile nothwendig ist, und uns vor jedem Irrthume bewahre, der uns vom Himmelreich ausschließen würde. Diese Kirche hat man nur zu hören und ihr zu folgen, wo sie sich befindet, ohne Furcht, sich zu verirren. Nur wer aus Neugierde, aus Anmaßung, aus Gefallen an Tadel und Unabhängigkeit sich selbsten anhört, fällt in Täuschung. Trennung ist gegen die Ordnung, welche Jesus Christus aufgestellt hat. Betrachten Sie die getrennten Gesellschaften! Sie rühmen sich ihrer Trennung, weil dadurch der Gottesdienst verbessert, und die Religion gereinigt werde. Was haben sie nun nach so vielen ärgerlichen Zänkereien und blutigen Kriegen zu Stande gebracht? Sie haben fast den ganzen Norden in Ungewißheit, in Gleichgiltigkeit, und endlich in Irreligion gestürzt. Die getrennten Zweige trocknen aus und fallen ab. Der Stamm, den man schon todt glaubte, grünt wieder neuerdings, und trägt Früchte im Ueberfluß. </p>
         <p>Wenn Sie eine ernstliche Verbesserung wollen, so fangen Sie dieselbe ja nicht im Aeußern an, wie die Protestanten, nämlich durch eine scharfe und hochgespannte Untersuchung! Kehren Sie diese gegen Ihre eigene Person, verdemüthigen Sie sich im Innersten Ihres Herzens, mißtrauen Sie Ihren schwachen Einsichten, arbeiten Sie daran, Ihren sinnlichen Neigungen abzusterben. Hören Sie niemals auf Ihre verwohnte Eigenliebe. Erniedrigen Sie Ihr stolzes, trotziges und hochfahrendes Herz; zählen Sie niemals auf Ihren Muth! Wollen Sie Gott finden? So gehen Sie oft tief in Ihr Inneres hinein, um Ihn dort in Stille anzuhören. Bringen Sie Ihre Einbildungskraft zum Schweigen, um sich mit der Gegenwart Gottes zu beschäftigen, und um ihn zu bitten, daß Er in Ihnen Ihre Pflichten erfülle, und Sie von Ihren Fehlern reinige. O glückliche und gründliche Verbesserung! Je mehr Sie sich selbst so reformiren, um desto weniger werden |Sp. 1223| Sie die Kirche refomiren wollen! Wenn der wahre Geist des Gebetes in Ihr Herz eingeht, und es dahin kommt, daß Er Sie besitze, so werden Sie den verborgenen Schatz im Acker finden, Sie werden das verborgene Himmelbrod kosten, und keine andere Sorge mehr kennen, als die, mit Ihrem Bräutigam arm zu bleiben, Nimmermehr werden Sie befürchten, jemals an wahren Gütern mit Ihm Mangel zu leiden. Sie werden seine Allmacht und unendliche Liebe empfinden, die ohne Aufhören mit Ihren Bedürfnissen beschäftigt ist. Wenn Sie mir nicht glauben wollen, so versuchen Sie es! Sie werden es sehen! Kehren Sie sich niemals von Gott! Er wird sich auch von Ihnen nicht abwenden! Ich bete zum Herrn, Er wolle so in Ihnen wirken, sowohl im Innern als Aeußern, daß Er Ihnen Alles verschaffe, was nothwendig ist. Sie werden niemals so reich seyn, als wenn Sie um Ihres Heils wegen allen überflüßigen Reichthümern werden entsagt haben! Sie werden niemals so geehrt seyn, als wenn Sie dieses Opfer werden gebracht haben. In diesem Zustande werden Sie nichts mehr, als den eitlen Ruhm zu befürchten haben.</p>
         <p>
            <hi rend="italic bold">Vierter Brief</hi>
            <hi rend="bold">.</hi>
         </p>
         <p>
            <hi rend="italic bold">Vor der Wiedergeburt sind Kämpfe zu bestehen. Die Ruhe kommt erst, nachdem man sich <lb/>erniedriget, gebessert, in sich gesammelt hat</hi>
            <hi rend="bold">.</hi>
         </p>
         <p>Ich verwundere mich keineswegs über den gewaltsamen Zustand, worin Sie sich befinden! Das Reich Gottes, sagt der h. Geist, leidet Gewalt. Ohne Schmerzen wird man nicht wiedergeboren. Sie hätten Unrecht, wenn Sie nicht eine äußerste Mühe empfänden, alles das zu verlassen, was Ihnen das Liebste war, und sich selbst zu verläugnen. Man stirbt nicht ohne es zu empfinden; aber derjenige, der Sie schlägt, wird auch Ihr Tröster seyn. Die Wahrheit wird Sie frei machen. Und erst alsdann werden Sie wahrhaft frei seyn! Sie werden den Trost fühlen, Gott Ihre alten Vorurtheile aufzuopfern!</p>
         <p>Es ist wahr; die katholische Religion wird Ihnen gegen Ihre Eigenliebe Lehren der Demuth geben, von denen Sie Etwas zu leiden haben werden, weil die Religion, worin Sie erzogen wurden, Ihrer natürlichen Anmaßung schmeichelte und Sie zum Richter über das Wort Gottes selbst machte. Aber Sie werden die Wahrheit der Worte Jesu Christi empfinden: „Lernet von mir! denn ich bin sanftmüthig und demüthig von Herzen! und Ihr werdet Ruhe für Eure Seelen finden!" Sie werden eine innere Ruhe darin finden, sich zu erniedrigen und zu bessern, eine Ruhe, welche Sie niemals gefunden, so lange Sie sich selbst glaubten, und sich stolz erhoben. Die Hauptsache besteht darin, daß Sie sich angewöhnen, sich innerlich zu sammeln, das Reich Gottes, welches im Innern ist, zu suchen, und sich stille zu halten, um den Geist der Gnade anzuhören. Er wird Ihnen zeigen, wie Sie Ihre Fehler bessern, und die Tugenden auf dem Grund der Liebe Gottes erlangen können.</p>
         <p>
            <hi rend="italic bold">Fünfter Brief</hi>
            <hi rend="bold">.</hi>
         </p>
         <p>
            <hi rend="italic bold">Betrachtungen über die Worte Jesu Christi, seine einzige Kirche betreffend, die im Stande wären, unsere irrenden Brüder zur Einigkeit und Wahrheit zurückzuführen</hi>
            <hi rend="bold">.</hi>
         </p>
         <p>Ich gehe von ganzem Herzen in alle Ihre Leiden ein; sie müssen gewiß sehr groß seyn. Was wünschte ich nicht zu thun und zu leiden, um sie Ihnen zu ersparen! Mein Gott hat uns nur in diese Welt geführt, um hier zu leiden, und durch unsere Geduld hier das Himmelreich zu verdienen. Glücklich Jene, welche die Welt für unglücklich hält, und die an ihren eitlen Freuden keinen Antheil nehmen! Glücklich Jene, denen es gegeben ist, mit dem Sohne Gottes an das Kreuz geheftet zu seyn! Diese Lehre ist der Eigenliebe unerträglich; allein man kann nicht daran zweifeln, ohne den christlichen Glauben zu erschüttern, und sie wird süß durch die Salbung der Liebe Gottes. Ich bekenne, daß es leicht sey, vom Kreuze zu reden, und schwer, dasselbe entschlossen mit Demuth und Uneigennützigkeit zu tragen. Allein, was kann ich thun, als Ihnen die Wahrheiten des Evangeliums zu sagen, so wie ich wünschte, daß man sie mir in einer eben so gewaltsamen Prüfung, wie die Ihrige, sagte? Sehen Sie hier die hauptsächlichsten Betrachtungen, die ich Sie zu machen bitte!</p>
         <p>1. Jesus Christus sagt also: „Wenn Jemand die Kirche nicht hört, der sey Euch wie ein Heide und Publikan!“ Bemerken Sie |Sp. 1224| wohl, daß Er nicht sagt: wenn jemand die Kirche seines Landes nicht hört, oder jene unter den verschiedenen Kirchen, an die er sich durch seine Geburt und durch seine Vorurtheile gebunden sieht. Er setzt gar nicht mehrere Kirchen voraus, welche Er auf immer für seine einzige Braut haben will. Sie soll zu gleicher Zeit einzig, allgemein und fortdauernd seyn. Sie soll an alle Nationen, die unter dem Himmel sind, sprechen, und ihre Stimme von einem Ende der Welt bis zum andern hören lassen.</p>
         <p>Es ist keineswegs nur eine unsichtbare Kirche, eine Kirche, die bloß von Auserwählten zusammengesetzt ist, die ein jeder hinsetzt, wo es ihm nach seinen Vorurtheilen gefällt, und die Niemand mit dem Finger zeigen kann. Sie ist die Stadt, auf dem Gipfel des Berges erhoben, welche alle Völker von ferne sehen können; ein jeder weiß die Stelle, wo er sie finden, sehen und berathen kann. Sie antwortet; sie entscheidet; man hört sie an; man glaubt ihr; wehe dem, der ihr zu gehorchen sich weigert! Er soll abgeschnitten werden von der Gemeinde der Kinder Gottes, wie ein Heide und Publikan.</p>
         <p>2. Ein irdischer Vater, obwohl er sehr unvollkommen ist, kann es nicht leiden, daß eines seiner Kinder seine Familie trennt, unter dem Vorwande, dieselbe nach seinem eigenem Gutdünken zu verbessern. Glauben Sie, daß der himmlische Vater, welcher die Einigkeit so sehr liebt, und will, daß man nur an diesem Kennzeichen seine Kinder erkennen soll, es ohne Unwillen, leide, daß Eines aus ihnen so anmaßend und ausgeartet sey, seine Familie zu trennen; die er doch durch das Verdienst seines eigenen Blutes auf immer in der Einigkeit vollenden wollte? Der Bräutigam will nicht mehr, als Eine Braut; er hat Abscheu vor einer Menge derselben. Die Spaltung, welche mehrere Kirchen macht, ungeachtet Jesus Christus nicht mehr derselben, als Eine will, ist also das größte Verbrechen. Es ist das Verbrechen von Kore, Dathan und Abiron, welche das heilige Amt theilen wollten. Die Erde soll die verschlingen, und das Feuer vom Himmel die verzehren, welche die einzige Braut zerreißen, um mehrere aus derselben zu machen.</p>
         <p>3. Umsonst werden unsere getrennten Brüder behaupten, daß die alte Kirche durch ihre Abgötterei gänzlich zerfallen und verwüstet worden sey, und daß man also eine andere an ihre Stelle habe setzen müssen. Wenn die sichtbare Kirche je einen einzigen Tag hatte eine Betrügerinn oder Abgötterinn werden können, so würde sich Jesus Christus wohl gehütet haben, so unbedingt und ohne Vorbehalt für alle Nationen und Völker zu sagen: <hi rend="italic">Wenn jemand die Kirche nicht höret</hi>. Er würde ja dadurch seine Kinder in Irrthum geführt haben. Er würde nicht unterlassen haben, ganz das Gegentheil zu sagen: Wenn jemand die Kirche während der Jahrhunderte des Irrthumes und der Abgötterei, worein sie fallen wird, anhört, der sey Euch wie ein Heide und Publikan. Dieß ausdrückliche Verbot, die Kirche zu hören, sollte, nach dem Plan unserer getrennten Brüder, fast für alle Jahrhunderte, ausgesprochen seyn, weil ja, nach ihrem eigenen Geständnisse, die Welt fast alle Jahrhunderte durch, seit den Aposteln bis zur sogenannten Reformation der Protestanten, gestanden ist, ohne eine andere Kirche zu haben, als eine solche, welche lehrte, welche die Sakramente ausspendete, welche die Messe las, welche die Bilder verehrte, und welche die Heiligen anrief, wie wir es thun. Weit davon, zu sagen: Hütet Euch, die Kirche in diesen Jahrhunderten der Blindheit anzuhören, sagte Jesus Christus im Gegentheil für alle Tage ohne Ausnahme bis auf den, da Er zurückkommen werde, um die Welt zu richten: <hi rend="italic">Wenn Jemand die Kirche nicht hört, der sey Euch, wie ein Heide und Publikan</hi>!</p>
         <p>Er versichert übrigens, dass diese Kirche, fern vom Verfall in Abgötterei, jemals eine Spaltung nothwendig machen werde, dergestalt, <hi rend="italic">auf den Felsen gegründet, daß auch die Pforten der Hölle</hi>, d. h. die Anschläge des Irrthumes <hi rend="italic">sie nicht überwältigen würden</hi>. Das ist doch bestimmt verheißen, daß dasjenige, was unsere getrennten Brüder schon für ein geschehenes Ereigniß ausgeben, niemals geschehen werde. Jesus Christus sagt noch, indem Er seine werdende Kirche verließ, um in den Himmel zu fahren: <hi rend="italic">Geht hin, lehrt alle Völker, und taufet sie im Namen des Vaters, des Sohnes und des h. Geistes; und seht, Ich bin alle Tage bei Euch bis an's Ende der Welt</hi>! Er wendet sich an den Stand der Seelenhirten, um ihnen das Amt des Unterrichts und |Sp. 1225| der Ausspendung der heil. Sakramente anzuvertrauen. Er redet von einer sichtbaren Kirche, welche einen Stand von Seelenhirten hat mit Völkern, die von diesen geleitet werden. Es ist die Rede von einer Kirche, die man sieht, die man hört, der man glaubt, die lehrt, die entscheidet, die tauft.</p>
         <p>4. Endlich entspricht der Erfolg vollkommen der Verheißung Jesu Christi. Er hatte voraus gesagt, daß das Unkraut im Acker des oberstens Hausvaters sich mit dem guten Samen vermischen werde. Und dieses geschah auch. Es haben sich nämlich Nachlässigkeiten und Mißbräuche in die Kirche eingeschlichen, unter denen Sie seufzt, und an deren Reforme sie arbeitet. Aber die Reform darf nie durch eine Trennung geschehen; im Gegentheil ruft der Herr: <hi rend="italic">Lasset beide, nämlich den reinen Weizen und das Unkraut, miteinander wachsen bis zur Aernte</hi>, welche das Ende der Welt ist, <hi rend="italic">indem ihr sonst, indem Ihr das Unkraut ausjätet, zugleich mit ihm auch den Weizen ausreißen würdet</hi>! Nur mit dieser Geduld, mit dieser Schonung, mit dem Eifer, die Einigkeit zu erhalten, sollte man einmüthig an einer sanften und friedfertigen Reform arbeiten.</p>
         <p>Was den Sturz der Kirche in Abgötterei betrifft, so hat Jesus Christus dafür gut gesprochen, daß er sich niemals ereignen werde; und er hat sich auch wirklich niemals ereignet. Die Kirche hat niemals Brod angebetet; sie betet nur den Leib Jesu Christi an auf Sein ausdrückliches Wort, das sie einfältig nach dem Buchstaben annimmt. Sie kennt keinen andern Mittler, als Jesus Christus. Sie bittet nur unsere Brüder im Himmel, wie Unsere Brüder auf Erden, daß sie für uns zu unserm gemeinschaftlichen und einzigen Mittler Jesus Christus beten wollen. Sie ehrt die Bilder nur als einfache Gemälde in Hinsicht auf die Geheimnisse, welche sie uns vorstellt. Es liegt also ganz hell am Tage, daß unsere von uns getrennten Brüder die Kirche verläumdet haben, indem sie, um ihre Trennung zu rechtfertigen, dieselbe der Gottlosigkeit und Abgötterei beschuldigten. Wenn sie nun aber weder abgöttisch noch gottlos ist, so ist die Spaltung, welche sie mit so vieler Erbitterung und Aergerniß verübt haben, das Verbrechen von Kore, Dathan und Abiron, weil sie sich weigern, die Kirche anzuhören, durch welche Jesus Christus alle Tage lehrt; jeder von ihnen soll als ein Heide und Publikan geachtet werden.</p>
         <p>5. Sagen Sie nicht, Sie hätten die Spaltung nicht gemacht, Sie hätten dieselbe schon angetroffen; es sey Ihnen leid, daß Ihre Voreltern sie gemacht hätten, und Sie könnten dieselbe nicht ungeschehen machen! Machen Sie die Spaltungen nicht, so viel es Ihre Person betrifft; das ist alles, um was ich Sie im Namen Jesu Christi bitte. Heißen Sie nicht gut, bestätigen Sie nicht, setzen Sie aus eigener Wahl nicht fort eine so ungerechte, eine der Vorschrift Jesu Christi so entgegengesetzte Trennung!</p>
         <p>6. Wenn Sie sehen wollen, welches die Folgen dieser Trennung seyen, so werfen Sie Ihre Augen auf die Kirchen unserer Brüder, welche sich mit so vielem Hochmuth und Hohn von uns getrennt haben, und sich rühmen, Reformatoren des Christenthums zu seyn. Was haben sie denn besser gemacht? Währenddeß die römische Kirche, ungeachtet der Schwachheiten, welche von der Menschheit unzertrennbar sind, während mehr, als eines Jahrhunderts an einer ernsten Reform der Geistlichkeit und der Völker gearbeitet, haben die protestantischen Kirchen, gleich den Zweigen, die von ihrem Stamme abgerissen sind, nichts zu Stande gebracht, als daß sie nach und nach sichtbar abdorren. Was bleibt dann im Norden davon übrig, als eine ungeheure Menge von einander entgegengesetzten Sekten? Was sieht man denn von allen Seiten? Eine zügellose Neugierde, eine Anmaßung, welche nichts aufhält, eine Ungewißheit, welche alle Grundpfeiler des Christenthums selbst erschüttert, eine Toleranz, welche unter dem Vorwande des Friedens, in eine Gleichgiltigkeit gegen die Religion, und in den unheilbarsten Unglauben zerfällt.</p>
         <p>7. Wir sind keineswegs vollkommen, ich bekenne es, und ich mache Ihnen schon zum voraus das zu wissen; aber wir seufzen darüber, daß wir es nicht sind. Sie werden bei uns Aergernisse sehen; aber wir verdammen sie; und wünschen, sie zu verbessern. Es hat deren in dem reinsten Alterthume gegeben: darf man sich denn verwundern, wenn solche noch in den letzten Jahrhunderten zum Vorschein kommen? Wenn sie aber in un- |Sp. 1226| serer sehr zahlreichen Kirche viele Christen antreffen, welche nur den Namen davon tragen, und dieselbe entehren, so werden Sie darin zu Ihrem Troste Seelen finden, welche in sich gesammelt, einfältig, sich selbsten abgestorben, und nicht nur von den groben Lastern, sondern sogar von den feinsten Unvollkommenheiten los geworden sind: Seelen, welche vom Glauben und Gebeten leben, deren ganzer Wandel schon im Himmel ist, welche von der Welt einen Gebrauch machen, als ob sie dieselbe nicht gebrauchten, welche eifersüchtig auf ihre Eigenliebe sind, um Alles der Liebe Gottes zu geben. Wenn Sie mir nicht glauben wollen, so versuchen Sie es im Vertrauen auf Gott! Kommen Sie, kosten Sie, und sehen Sie, wie lieblich der Herr ist!</p>
         <p>8. Ich bekenne, daß Sie ein sehr hartes Opfer zu bringen haben; aber hören Sie Jesus Christus: <hi rend="italic">Wer seinen Vater und Mutter mehr liebt, als Mich</hi>, sagt Er, <hi rend="italic">der ist meiner nicht werth</hi>. Möchten Sie sich Jesu Christi unwürdig machen, um Ihre Familie zufrieden zu stellen? Möchten Sie es machen, wie jener Jüngling, nachdem er an Jesus Christus geglaubt hatte, und von Ihm geliebt worden war, Ihn traurig und muthlos verlassen, weil ihm Jesus Christus den Vorschlag gethan hatte, seine Reichthümer zu verlassen? Fleisch und Blut offenbaren dieses Opfer nicht; nur die Gnade kann es einflößen, Hören Sie noch einmal die nämliche Wahrheit: Wer <hi rend="italic">seine Seele, d. i. sein Leben für diese Welt haßt, der wird es für die Ewigkeit erretten</hi>. Möchten Sie ein so kurzes, so gebrechliches, so dornichtes Leben dem Reiche Gottes vorziehen, welches Ihnen schon so nahe ist? Die Märtyrer haben für die Wahrheit den Tod erduldet; möchten Sie sich weigern, für dieselbe das süße Kreuz eines zurückgezogenen und mäßigen Lebens auf sich zu nehmen? Waren die Martern der hl. Blutzeugen nicht schrecklicher, als die Leiden, welche mit der Tugend verbunden sind, und welche die Hoffnung des Himmels versüßet? Und nach allem diesem —was opfern Sie Gott auf? Die Lüste eines weichlichen Lebens, die Eitelkeiten der Welt, die Reize der Eigenliebe, die sich in Leiden und Gewissensbisse verwandeln. Ueberlassen Sie sich Gott ohne Vorbehalt, und Er wird Sie nie verlassen. <hi rend="italic">Suchen Sie vor allem Sein Reich; und das Zeitliche wird Ihnen als Zugabe beigelegt werden</hi>. Erinnern Sie sich, daß ein Brod, vom Himmel gesandt, vierzig Jahre lang das Volk Gottes in der Wüste ernährte! <hi rend="italic">Die Vögel des Himmels säen nicht und ärnten nicht; und doch sorgt Gott für sie. Wird Er denn Sie vergessen? Ja sogar</hi>, sagt Gott, <hi rend="italic">wenn eine Mutter ihren einzigen Sohn, die Frucht ihres Leibs, vergessen sollte; so werde doch Ich Euerer nie vergessen</hi>.</p>
         <p>(Das Glaubensbekenntniß in der nächsten Nummer.)</p>
         </div>
         
         <div type="tapr">
         <head>Protestantische Abtheilung.</head>
         <p><title>  <hi rend="italic bold">Drei Briefe von Dr. G. A. L. Hanstein.</hi></title>
          
         </p>
         <p>Da, wie auch schon der <hi rend="italic">Evangelische Lichtfreund</hi> bemerkt hat, die Quelle, aus der die nachfolgenden Fragmente eines interessanten Briefwechsels zwischen berühmten protestantischen Theologen entnommen sind, ein nicht sehr bekanntes Werk ist — es führt den Titel: „Denkmal der Liebe, geweiht dem verewigten Propst <hi rend="italic">Dr. G. A. L. Hanstein</hi>, Berlin 1821“, und hat den Prediger Wilmsen zum Verfasser — so erscheint die Aufnahme um so mehr geeignet.</p>
         <p>An <hi rend="italic">Dräseke</hi>.</p>
         <p>
            <hi rend="italic">Berlin</hi>, den 20. Jan. 1817.</p>
         <p>Wie manches schöne, herrliche, freundliche Wort, geliebter Bruder, den ich zu meiner Freude und zu meinem Ruhme fand, ohne ihn zu sehen, habe ich von Ihnen, geschrieben und gedruckt, in Händen! —</p>
         <p>Wohl möcht ich auch einmal zu Ihnen wallfahrten. Kennen, so von Antlitz zu Antlitz kennen, möcht' ich Sie wohl, ehe denn ich scheide. Und Sie predigen hören, ich denke mir Sie sehr lebendig und kräftig, schnell redend und fortreißend. Was ich möchte? Mit Ihnen und <hi rend="italic">Ribbeck</hi> an Einer Gemeinde arbeiten, zu Einer Gemeinde reden. (<hi rend="italic">Ribbeck</hi>, der Freund und College Hanstein's, Oberkonsistorialrath und Propst zu Berlin, ein höchst |Sp. 1227| ausgezeichneter Kanzelredner, Schriftsteller und Mensch.) <hi rend="italic">Ribbeck</hi>, die personifizirte Ruhe, Würde, Heiligkeit! und daneben <hi rend="italic">Dräseke</hi>, dieser lebendige kräftige, hinreißende Strom der Rede, dieser Mann voll Glaubens und Kräfte! Ob Ihr mich in Eure Mitte nähmet? Daß dabei die Gemeinde nicht immer dieselben Glaubensansichten (Dogmen) hörte, dürfte kein Anstoß seyn. Ist's doch dieselbe Liebe, derselbe Glaube, dieselbe Hoffnung. Mit der Dogm. — wie soll ich sagen: Dogmologie? (Glaubenslehre) — ist´s eigen in diesem Jahrzehnt. Viele — viel herrliche und kräftige Männer hat`s ergriffen, das <hi rend="italic">altgläubige</hi> Wort in neues Ansehen zu bringen. Auch Sie, <hi rend="italic">Theurer</hi>! — — Wohl geht es bei Ihnen gewiß, gewiß aus dem <hi rend="italic">Glauben</hi>. Das ist mein Trost, aber herausreißen kann es mich nicht aus meiner — nennen Sie es immer: Befangenheit in meinem Vernunftglauben. — — Gott weiß, wie ich dazu gekommen bin, vor Ihnen, mein Bruder, mein Glaubensherz aufzuthun. Gewiß, weil ich Sie ehre und liebe, weil ich mir Sie, mich Ihnen nahe fühle, und mir — ach! gar zu bange ist, das Streben der Zeit gehe gewaltsam dahin, dem heil. Paulus Ap.-Gesch. 26 v. 18. und Ephes. 1, v. 18. entgegen zu arbeiten, und die, welche in dieses Streben verwickelt sind, möchten uns, die wir gern klar sehen, und das <hi rend="italic">Licht</hi> des Evangeliums lieben, nicht für ihre Genossen halten, um —Eines Wortes willen. O lieber <hi rend="italic">Dräseke</hi>! <hi rend="italic">Hier </hi>bei uns will's ganz so scheinen, als sollten Alle die Finsterniß — die Mystik, den blinden Glauben, den Buchstaben des Worts, des lebendigen, mehr lieben, als das Licht. Darum ist mir bange. Gottes Macht mit Ihnen in körperlicher Schwachheit, und seinen Segen in Ihrer geistigen Kraft! Bewahren Sie mir Ihre Liebe!</p>
         <p>Welch ein Jahr, das aufgegangene! das <hi rend="italic">Luther</hi>- und Jubeljahr! O daß wir es recht hoch und herrlich feierten! Wir sind eben daran, dem Könige Vorschläge zu machen. Gen Wittenberg müßte unser König, der erste protestantische Fürst, wallfahrten, und da in der alten Lutherkirche sein Fest begehen. Es ist ja <hi rend="italic">sein</hi> Wittenberg. Sein in beiderlei Sinn: <hi rend="italic">Luther's</hi> und des Königs! O daß nur dieses Fest die Getrennten einte, und von da an die Namen Lutheraner und Reformirte verhallten, und Alles evangelisch hieße! Amen!</p>
         <p>Ihr treuer <hi rend="italic">Hanstein</hi>.</p>
         <p>
            <hi rend="italic">Kurz vor dem Jubelfeste der evangel. Kirche, 1817</hi>.</p>
         <p>„—— Es ist gar schwer, über Festmaterien heilig und kräftig zu reden, ohne dem Geist der Zeit zu huldigen, der alles daran setzt, die Dogmatik der Väter wieder in Gang und Glauben zu bringen, weil er nicht weiß, was er will oder sich in mystischen Finsternissen umhertreibt, weil er nicht weiß, wohin er will, oder lieber, wohin er soll! Mir ist's ganz unheimlich bei allem diesem Getreibe der Neomysticker und Neosupranaturalisten, deren unglücklichster Advocat T., junior, geworden ist. Der Papismus, und die Eine Kirche, welche keine ist, weil sie sich nicht frei bewegt, und weil Kirche und Bevormundung in sich selbst einander widersprechen, stecken doch hinter den Theaterwänden. Theodul<note place="foot" xml:id="ftn2" n="2">
               <p rend="UKZ 8 fussnote"> 
                  <hi rend="italic">Theoduls Gastmahl</hi> in katholischer Richtung, von dem Oberhofprediger <hi rend="italic">von Stark</hi> in Darmstadt verfaßt.</p>
            </note>, und so manches andere Zeichen der Zeit rufen zur Wachsamkeit auf. Doch wozu das Ihnen, mein Bruder? Sie lesen, wie ich, und besser, die Geheimsprache der Zeitgeitler, und ehren die hohe Gottesgabe der Vernunft, trotz derer, die derselben, mit ihrer Hilfe spotten und sie verlästern, als wäre sie nicht Gottes, sondern des Teufels Gabe.“</p>
         <p>
            <hi rend="italic bold">An seinen Freund, den Prediger Krüger in Stendal, von Hanstein</hi>
            <hi rend="bold">.</hi>
         </p>
         <p>
            <hi rend="italic">Berlin</hi>, an Luther's Todestage, 1810.</p>
         <p>Da hat mich der redliche <hi rend="italic">Witschel</hi> — Sie kennen, mein Theurer, seine Morgen- und Abendopfer — durch einen Brief, den ich eben jetzt, weil Gelegenheit nach Nürnberg geht, beantworten mußte, in Wärme gebracht, und das ist mir seelenlieb, denn heuer ist's manchmal arg kalt in der kalten Welt, die gewaltig viel von Religion spricht, aber gewaltig wenig von der |Sp. 1228| rechten meynt und kennt, die sogar böhmisirt und mysticirt, und schwärmt, ist zu sagen ein Wortgeklingel und Hyacynthenduft und Karfunkelgeflimmer der neuesten und allerneuesten Philosophie und Poesie; aber dennoch eiskalt bleibt, bei'm Lichte besehen, und überall nur sich selber meynt, nur sie sich selber setzt. Sich, Treuer und Theuerer, darum ist mir ein erwärmendes und warmes Herz lieb, wo ich eins ahne und wittere, da denke ich und fühle gleich Deins, das noch das reinste von allen, und für mich das erwärmendste von allen, ist.</p>
         <p>Heut ist <hi rend="italic">Luther's</hi> Todestag! Hast Du, sein Freund und Nachfolger, auch schon ein Gebet an seinem Grabe gesprochen? Das Thema muß immer heißen: Laß Deinen Geist auf mir ruhen zweifältig.</p>
         <p>Wie viel möcht' ich noch sagen und fragen und schreiben. Nun, weil's nach memorirter Predigt noch geht, will ich Dir wenigstens eine Stelle meines Briefes an <hi rend="italic">Witschel</hi> abschreiben. „Ihrer schlichten und kräftigen Poetereien freue ich mich sehr lebhaft, weil sie nicht nur frommen Geistes sind, und das Heilige, wie das Göttliche, rein und hoch darstellen, sondern auch, weil sie ein schönes Remedium sind gegen die Unsitte der poetischen Poeten neuerer und neuester Zeit, die dem nicht mehr im Finstern schleichenden Mysticismus in die Hand, und vorarbeitet. Wohin wird der Zeitgeist sein Zeitalter noch jagen? Der Friede verschwunden, der Glaube entartet; der Gottesdienst — mit aller Gewalt soll er Cultus heißen — gesunken, die Philosophie verdrehet, die Theologie verschleiert, die Poesie verkleinlicht, die Erziehung verpfuscht. Der Luthergeist ist verschwunden, die Brudereinheit des Klerus ist dahin, die Herzen von den Eismassen der Grübelei erkaltet, oder in dem Gluthofen der phantastischen Phantasie erhitzt und versengt.</p>
         <p>Ach! möchten alle einzelne und zerstreute Männer — ich meyne die wahren und rechten — sich die Hand bieten und zusammenhalten, um Eins zu seyn, wie ein Mann, um zu halten, wie ein großer Pfeiler, den sinkenden Dom der protestantischen Kirche. Dann hätten sie ein leichtes Spiel gegen den Geist des Tages, der eigentlich ein Nachtgeist ist, aber eben darum ein gewaltiger. Doch, der Herr wird ihn in unsere Hand geben; ich meyne, in die Hand derer, die mit uns gleich denken, und mit uns drei hohe Worte haben, leuchtend wie drei Sterne in der Dunkelheit der Welt: <hi rend="italic">Christus</hi> — <hi rend="italic">Luther</hi> — <hi rend="italic">Bibel</hi>! Und diese drei sind Eins!</p>
       
         </div>
         <div type="tais">
         <head>Israelitische Abtheilung.</head>
         <p><title><hi rend="italic bold">* Die zwei theologischen Parteien im Judenthum.</hi></title>
            
         </p>
         <p>
            <hi rend="bold">Vom Oberlehrer Dr. M. </hi>
            <hi rend="italic bold">Heß</hi>
            <hi rend="bold">.</hi>
         </p>
         <p>In No. 6 dieser Blätter haben wir die große Divergenz der religiösen Meynungen unter den Israeliten zur Sprache gebracht und zu einer <hi rend="italic">wissenschaftlichen</hi> Diskussion dieses Gegenstandes aufgefordert. Hr. Rabbiner Aub in München trat in No. 50 dagegen auf, jedoch keineswegs mit einer <hi rend="italic">wissenschaftlichen</hi> Abhandlung, sondern mit einigen Fragen über die rituelle <hi rend="italic">Handlungsweise</hi> derjenigen Israeliten, denen wir die Benennung „<hi rend="italic">biblische Juden</hi>“ beilegten. Wir gehen über das Triviale in Inhalt und Ton des Artikels hinweg und behalten, wie es die Würde des Gegenstandes erheischt, bloß die Sache im Auge.</p>
         <p>Hr. Aub beginnt mit der Behauptung, daß die von uns angegebene Divergenz nicht unter den <hi rend="italic">Theologen</hi>, sondern nur unter den Laien existire, indem jene, selbst die Neuesten und <hi rend="italic">Freiesten</hi> weder an Table d‘Hote gespeis‘t, noch die Sabbathfeier verletzt hätten. Man sieht, daß Hr. Aub nur die <hi rend="italic">angestellten Rabbiner</hi> als Theologen gelten lassen will. Daß diese (die Neuen und Freien <hi rend="italic">nämlich</hi>) ihre Ansicht von Ceremonialgesetz <hi rend="italic">bisher</hi> mehr lehrend angedeutet, als <hi rend="italic">handelnd </hi>kund gegeben haben, ist sehr natürlich und auch, unter den bestehenden Verhältnissen, aus Gründen der Pastoralklugheit zu billigen. Sind denn aber nur die <hi rend="italic">Rabbinen</hi> die wahren Theologen? Das widerspricht eben so sehr dem Begriffe „Theo- |Sp. 1229| log“ im Geiste des Judenthums, als der thatsächlichen Wirklichkeit. Oder gehören <hi rend="italic">Maimonides, Aben Esra, David Kimchi, Levi ben Gerson, Mendelsohn, Wessely, Rappoport</hi> und viele andern gelehrte Zeitgenossen nicht zu den Theologen? Es ließe sich leicht nachweisen, daß wir das Beste, was in neuern Zeiten im Gebiete der jüdischen Theologie geleistet worden, Männern verdanken, die weder Rabbinen waren, noch die talmudische Doktorwürde erhalten hatten, daß hingegen viele Rabbinen, die jede Frage über die Beschaffenheit eines Backofens zu den מצות, des Laubes einer סכה, eines Schlachtmessers und dgl. mit tiefer Gelehrsamkeit zu entscheiden wissen, nichts weniger, als <hi rend="italic">Theologen</hi> sind. Daß aber unter den Theologen, die <hi rend="italic">keine </hi>Rabbinen sind, die von uns bezeichnete Partei der Antitalmudisten existire, wird wohl Niemand in Abrede stellen.</p>
         <p>Dem von uns angeregten Gegenstande ganz fremd ist das, was Hr. Aub von den Karaiten beibringt. Diese Buchstabengläubigen haben wir nicht im Sinne gehabt, als wir von denkgläubigen <hi rend="italic">biblischen Juden</hi> sprachen, wenn wir auch zugeben, daß die Karaiten denselben weit näher, als die Talmud-Rabbinischen stehen.</p>
         <p>Die biblischen Juden verwerfen die Autorität des Talmud als Quelle der Tradition und als Interpretation der h. Schrift und folgen bei der Auslegung derselben nur der, von <hi rend="italic">Wissenschaft und redlichem Forschungsgeiste geleitetenVernunft</hi>. Die wichtige Frage, von deren Beantwortung die Regulirung des, in daß Leben überall eingreifenden Ritualwesens abhängt, läßt sich demnach mit den Worten zusammenfassen: enthält das Ceremonialgesetz Vorschriften, welche für alle Zeiten und Verhältnisse gegeben sind, oder ist es in seiner Gesammtheit — wie das von den Civilgesetzen und einem großen Theile des Ritualwesens der Fall ist — eine dem Israeliten, als einem in Palästina abgesondert wohnenden und einen eignen Staat bildenden Volke, ertheilte <hi rend="italic">Verfassung</hi>, die auf die Israeliten, nachdem sie aufgehört haben, ein Volk und einen eignen Staat zu bilden und in alle Länder zerstreut, unter andern Völkern wohnen und dem Gesetze anderer Staaten gehorchen, keine Anwendung erleiden?</p>
         <p>Wir lassen vorerst die Untersuchung über die <hi rend="italic">Zeit</hi>, in welcher der Pentateuch seine gegenwärtige Gestalt erhalten, unberührt und sehen, was aus einer <hi rend="italic">unbefangenen</hi> Schriftforschung über die aufgeworfene Frage hervorgeht. Hier wird sich denn Jedem die Bemerkung aufdringen, welchen großen Unterschied die Schrift zwischen der zehn Geboten und den übrigen Verordnungen und Vorschriften macht. Jene allein läßt sie den Israeliten durch unmittelbare Offenbarung verkünden, die andern aber mittelbar durch Moses ertheilen; jene allein machen den Inhalt der Gesetztafeln aus, welche in der heiligen Bundeslade aufbewahrt wurden; <hi rend="italic">sie</hi> werden in's Besondere „<hi rend="italic">die Worte des Bundes genannt</hi>.“ Schreibe Dir diese Worte auf, denn mit diesen Worten habe ich mit Dir und den Israeliten einen Bund geschlossen.“ (Exod. 34,27 u. f.) „Er verkündigte Euch seinen Bund, den er Euch befahl auszuüben, die zehn Gebote.“ (Rum. 4,13).</p>
         <p>Die natürliche Erklärung dieses Unterschiedes ist, daß die zehn Gebote, als die wesentliche Grundlage der sittlich-religiösen Obliegenheiten, für alle Zeiten und Verhältnisse als göttliche Gebote angesehen werden, die andern Gesetze und Vorschriften aber, welche den <hi rend="italic">politisch-religiösen Verein</hi> der Israeliten, als eines abgeschlossenen, ein eignes Land bewohnenden Volkes reguliren, an diese Verfassung geknüpft sind und gleich derselben verändert und aufgehoben werden können und sollen. Doch die Schrift spricht sich, für den, der sie mit unbefangenem Sinn und ohne spitzfindige Deutung liest, auf's Unzweideutigste aus. Von dem Passah-Fest heißt es: „wenn der Ewige Dich bringen wird in das Land der Kananiter, das er Deinen Vätern zugeschworen Dir zu geben, sollst Du diesen Dienst halten in diesem Monat. Sieben Tage sollst Du ungesäuertes Brod essen u. s. w. (Exod. 13,5) Die Anordnung vom עמר und dem Wochenfeste beginnt mit den Worten: „wenn Ihr in das Land kommt, das ich Euch geben werde (Levit. 23,9). Das zwölfte Kapitel leitet eine Reihe von Gesetzen, unter welchen auch das Verbot des Blutessens und der unreinen Tiere mit den Worten ein: „dieses sind die Gesetze und Rechte, die Ihr beobachten sollt in dem Lande das Dir der Gott Deiner Vorfahren zum Eigenthume |Sp. 1230| gibt, so lange Ihr lebet in dem Lande“, hierzu bemerkt Aben Esra: denn der Ewige wußte, daß sie seine Gebote unter fremder Herrschaft nicht gehörig ausüben können. Auf eine allgemeinere Weise spricht sich die Schrift in Deuter. 5, 28 aus. Nach der Erzählung von der unmittelbaren Verkündigung der zehn Gebote heißt es: „Du aber (Moses) weile hier bei mir, und ich will reden zu Dir alle die Gebote und Gesetze und Rechte, die Du ihnen lehren sollst, daß sie dennoch thun <hi rend="italic">in dem Lande</hi>, das ich ihnen geben werde.“ Das folgende sechste Kapitel beginnt mit den Worten: „und dieß das Gebot, die Gesetze und die Rechte, die Gott, Euer Herr, gebot, Euch zu lehren, daß Ihr darnach thut in dem Lande, dahin Ihr ziehet, es einzunehmen.“ Im Kapitel 31, 13. bei der Verordnung die תורה am Hüttenfeste des Erlaßjahres vorzulesen, heißt es: und ihre Söhne, die nichts wissen, sollen hören und lernen, so lange Ihr lebet auf dem Erdreich, dahin Ihr gehet über den Jordan.“ Endlich (Deut. 13,14): „und verkündete Euch seinen Bund, den er Euch gebot zu halten, die zehn Gebote und er schrieb sie auf zwei Tafeln von Stein. <hi rend="italic">Und mir gebot Gott um selbige Zeit Euch zu lehren Gesetze und Rechte, daß Ihr sie thut in dem Lande, dahin Ihr ziehet, es einzunehmen</hi>.“<note place="foot" xml:id="ftn3" n="3">
               <p rend="UKZ 8 fussnote"> Auf diese letztere Stelle u. a. bezieht sich auch Hr. Dr. <hi rend="italic">Fulda </hi>in dem Artikel: „Meine religiöse Ueberzeugung“ (No. 30 u. 31.)</p>
            </note> Eben derselbe bemerkt zu der Stelle (Deut. 4,9) Aber hüte Dich und bewahre Deine Seele, Du möchtest vergessen die Dinge, welche Deine Augen gesehen haben, den Tag, da Du vor dem Ewigen, Deinem Gotte, auf Horeb standest, bemerkt <hi rend="italic">Aben Esra</hi>: wenn Ihr auch alles Andere vergesset, vergesset nicht den Tag da Ihr vor Sinai standet. Bezeichnend für den Geist der mosaischen Lehre ist auch die Anordnung (Deut. 27) der feierlichen Aussprüche von Flüchen auf dem Berge Hebal, aber nur über Götzendienst, Fluch der Eltern, Verletzung der Personen und des Eigenthums und Blutschande; des Ceremonialgesetzes geschieht durchaus keine Erwähnung.<note place="foot" xml:id="ftn4" n="4">
               <p rend="UKZ 8 fussnote"> Daß der Ausdruck חקת עולם hier nichts entscheidet, hat bereits Aben Esra genügend nachgewiesen und gezeigt, daß diese habe bloß ein dauerhaftes oder festes, mit aber ein <hi rend="italic">ewiges</hi> Gesetz bezeichnen.</p>
            </note>
         </p>
         <p>Wenn aus den angeführten Stellen des Pentateuch hervorgeht, daß die Ceremonialgesetze als lokale und temporelle Anordnungen mit der bürgerlichen und religiösen Verfassung der Israeliten in Palästina in genauerer Verbindung stehen und Mittel zu ihrer bürgerlichen Wohlfahrt und sittlichen Vervollkommnung in den <hi rend="italic">damaligen Verhältnissen</hi> seyn sollten, während die Lehre von einem einzigen, durch keine Bilder zu verehrenden Gotte und die ersten Menschenpflichten an keine zeitlichen und örtlichen Verhältnissen geknüpft sind, so finden wir diese Ansicht durch die Propheten und Hagiographen überall bestätigt. </p>
         <p>(Fortsetzung folgt.)</p>
         </div>
         
         </div>
         <div type="anz">
         <head>Anzeigen.</head>
         <p>(70) ששה סדרי משנה</p>
         <p>oder Mischnah, 6 Bände 4., über 200 Bogen, brosch., enthaltend den hebräischen Text punktirt, mit Lesezeichen versehen, mit hochdeutscher Übersetzung daneben, und Erklärungen unter dem Texte, wie auch einen ältern rabbinischen Commentar. (Alles mit hebräischen Lettern) Berlin 1832—4.</p>
         <p>Diese schöne Ausgabe eines für jüdische Theologen unentbehrlichen und allen Freunden rabbinischer Literatur willkommenen Werkes, hat in wenigen Jahren so starken Absatz gefunden, daß die Kosten des Unternehmens reichlich gedeckt sind. Der Herausgeber (Dr. <hi rend="italic">I. M. Jost</hi>, Verf. der Geschichte der Israeliten, und Mitredakteur der Universal-Kirchenzeitung) findet sich daher bewogen, eine Anzahl Exemplare, die ihm als Mitunternehmer noch zur Verfügung stehen, den Rabbinern, Lehrern, Candidaten und Freunde dieser Literatur, welche bisher des hohen Preises wegen (es kostete im, Subscriptionspreise 10Thlr.) es nicht angeschafft haben, so weit dieser Vorrath reicht, zu dem <hi rend="italic">bedeutend ermäßigten Preise</hi> von 10fl. anzubieten, und bei Partieen noch einen Rabbat zu gewähren. Näheres auf portofreie Briefe. Adresse </p>
         <p>Dr. <hi rend="italic">I. M. Jost</hi> in Frankfurt a. M.</p>
        </div>
         <div>
         <p>
            <hi rend="bold">Buchhandlung</hi>
            <hi rend="italic bold">: F. Varrentrapp – </hi>
            <hi rend="bold">Herausgeber:</hi>
            <hi rend="italic bold"> Dr. J. V. Hoeninghaus. –</hi> 
            <hi rend="bold">Druckerei</hi>
            <hi rend="italic bold">: Heller </hi>
            <hi rend="bold">und</hi>
            <hi rend="italic bold"> Rohm. </hi>
            <hi rend="bold">Maschinendruck</hi>
            <hi rend="italic bold">.</hi>
            <seg> </seg>
         </p>
    </div>  
      </body>
   </text>
</TEI>

